Full text: Hessenland (15.1901)

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Zum Kriegsjahr 1759. 
I. Die Operationen des Herzogs Ferdinand von Kraim schweig -egen die 
Franzosen in Hessen im Frnhfahre 1^59. 
Von Dr. phil. Vergor in Gießen. 
(Fortsetzung.) 
in so tüchtiger Feldherr, wie Herzog Ferdinand 
war, kann unmöglich versäumt haben, sich in 
Windecken am 12. bei den Bewohnern des Ortes 
über die Verhältnisse bei Bergen zu erkundigen. 
Auch war ihm die Stärke der feindlichen Truppen 
am Main, wie aus einem früheren Briese hervor 
geht, annähernd bekannt. Beides in Betracht 
gezogen, mußte ihm das Gelingen eines Angriffs 
auf Bergen sehr zweifelhaft erscheinen. Er mußte, 
wie Sodenstern richtig betont, ein kleines Corps 
zur Beschäftigung des Feindes in der Richtung 
auf Bergen abgehen lassen, mit der Hauptarmee 
aber auf der guten Straße von Windecken nach 
Friedberg (etwa 3—4 Stunden) zum Angriff ans 
letzteren Ort vorgehen, den zu nehmen eher mög 
lich war wie die Wegnahme des Fleckens Bergen. 
Der Marsch auf das Schlachtfeld durfte nicht 
so früh angetreten werden, daß die dritte Kolonne 
des Prinzen Holstein, deren ; Quartiere 2—3 
Stunden von Windecken entfernt lagen, noch nicht 
eintreffen konnte. Da sie, wie ihr wohl vor 
geschrieben war, den weiteren Marsch über Gronau 
zu wählen hatte, so konnte auf ihre Unterstützung 
am Vormittag kaum gerechnet werden. 
Die leichten Truppen, die schon vor Tages 
anbruch von Vilbel aus vorgingen, standen von 
8 Uhr an gänzlich isolirt auf der Höhe des 
Vilbeler Waldes im heftigsten Feuergefecht eine 
halbe Stunde lang, bis ihnen endlich um 8 x /2 Uhr 
mit Eintreffen der Armee auf dem Bergener 
Plateau durch den Anmarsch einer Grenadier- 
kompagnie und des Leibdragonerregiments eine 
Erleichterung zu Theil wurde. 
Im Laufschritt kamen die drei, die Spitze der 
Avantgarde bildenden Grenadierbataillone auf 
dem Schlachtfelde an, als sie auch sofort „ohne 
sich zu verschnaufen" zum Angriff auf die Nordost 
ecke von Bergen vorgeschickt wurden, während die 
Armee noch eine Viertelstunde zurück war. Sie 
sollten allein das stark besetzte, mit einer Mauer 
umgebene Bergen nehmen. Anstatt nun die braven 
Grenadiere, die auch wirklich bis zum Orte vor 
drangen , nach Ankunft der Division des Erb 
prinzen mit den verfügbaren Bataillonen sofort 
zu unterstützen, wurden sie im heftigen Feuer 
gefecht nutzlos aufgeopfert. Wäre den Grenadieren 
die nöthige Unterstützung zu Theil geworden und 
hätte die bald darauf eintreffende Division des 
Prinzen Isenburg mit eingegriffen, so war die 
Wegnahme Bergens sicher und ein Vertreiben 
des Feindes von dem ganzen Plateau höchst 
wahrscheinlich. 
Zum zweiten Male begeht man denselben 
Fehler, als mit dem Eintreffen der Jsenburgischen 
Division das einzelne Bataillon von Mirbach 
und später die hannoverschen Bataillone Mar- 
schalck und Wrede zur Unterstützung der drei 
Grenadierbataillone befohlen werden. Von jeden 
weiteren Versuchen, durch Infanterie den Ort zu 
nehmen, mußte abgesehen werden, da die schweren 
Geschütze nicht zeitig zur Stelle sein konnten. 
Wenn auch die Ost- und Westseite des Ortes 
die schwächsten Punkte waren, so würde doch ein 
unterstütztes Vorgehen auf dem linken Flügel des 
Feindes, gedeckt durch den Vilbeler Wald, mehr 
Aussicht auf Erfolg gehabt haben.*) 
Nutzlos verbrachte man die Zeit mit der 
Formation der üblichen Schlachtordnung, wodurch 
man nicht nur nichts gewann, sondern sich sogar 
einem furchtbaren Geschützfeuer vom Wartberge 
aus aussetzte. 
Hätte die französische Kavallerie zeitig an 
gegriffen, namentlich als General Urff sich zurück 
ziehen mußte, so wäre der Rückzug hinter dem 
„hohen Stein" recht bedenklich geworden. Mit 
dem Rückzüge hinter den „hohen Stein" und 
*) Dies wird allerdings stark bezweifelt in der Mili 
tärischen Monatsschrift II. Bd,, Berlin 1785, in einem 
Aufsähe „Ueber die Schlacht bei Bergen im vorigen Stück 
dieser Monatsschrift". Der Verfasser desselben hält eine 
Umgehung des linken Flügels für unmöglich wegen der 
starken Position der sächsischen Artillerie, des moorartigen 
Grundes der Nidda und der schwer zu nehmenden Höhen 
hinter der Berger Warte. Dem muß entgegnet werden, 
daß eine Umgehung des linken Flügels nicht in der Front 
vor dem Vilbeler Wald, sondern hinter demselben von 
Vilbel aus wohl nicht unmöglich gewesen wäre. Aller 
dings hätte in diesem Falle der Feind gleichfalls ans der 
Ostseite von Bergen durch eineu verstärkten Angriff der 
ganzen Jsenburgischen Kolonne entsprechend beschäftigt 
werden müssen. 
Der Ansicht, daß auf dem linken feindlichen Flügel 
hätte angegriffen werden müssen, schließt sich auch Mau- 
villon an, wenn er sagt: „Warum ward also nicht da 
angegriffen, wo nicht nur die Attacke leichter war, als auf 
eineu gemauerten, mit Truppen und Kanonen besetzten 
und mit einer Batterie seitwärts flankirten Ort, sondern 
wo sie auch weit entscheidender werden konnte, indem man 
alsdann der oben in dem Orte liegenden Infanterie 
größtentheils den Rückzug abgeschnitten hätte."
	        

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