Full text: Hessenland (15.1901)

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breit beleget sind; Aufs diß fuhrwerk, deren jed 
wedes von zwo ohngeschärfften ochsen gezogen 
wird, mußte ein Jeder zwar auf dem rücken, 
jedoch das Haupt nach des einen Ochsen post- 
prädicamenten gekehret, und auf dem schlitten 
vestgebunden sich lagern, und solcher gestalt rück 
lings den berg hinauf fahren, Welches in der 
that lächerlich genug anzusehen war". Die übrige 
Reisegesellschaft ritt wieder. Im Hospiz auf 
dem St. Gotthard wärmte man sich ein wenig, 
dann ging es das Urserenthal hinunter, aus der 
Teufelsbrücke über die Neuß nach Altorf. Der 
Landgraf und Obermarschall fuhren wieder aus 
ihren Schlitten. die übrigen gingen zu Fuß. 
„Wegen des schmalen Wegs und gefährlichen 
pr6eipje68 aber müßen bey jedem schlitten drey 
Männer so scharsf sußeisen in denen schuhen hatten, 
hergehen, deren einer den davor gespanneten 
ochsen sührete, die andere beyde aber an zwey 
stricken den schlitten, wenn er nach der einen 
oder der anderen feite gegen den promptem 
ausweichen wolte, wieder tn die Bahne ziehen 
musten". Dann reiste man über Brunnen, Schwytz, 
Zug, Säckingen und Rheinselden bis Basel. Bon 
Basel mag zweierlei bemerkt werden, eins wegen 
der gleichzeitigen Versuche Pap in's zu Kassel 
und eins als charakteristisch für jene Zeit. „Hier 
aus haben Wir ferner was in der Stadt re- 
marquable, besichtigt, sind zuletzt auch zu einem 
Virtuo8o nahmens Günther gefahren, der eine 
espece von Canon in der Arbeit hatte, welches 
ein Windstück abgeben, und auf die dwtanee 
von 400 schritt die i kugel mit Gehöriger force 
blos durch den Wind ohne feuer oder Pulver 
forttreiben sötte: Welch sürgeben aber von Sere- 
nissimi Hoch-Fürstl. Durchl. nach genauer Be 
sichtigung billig für ein impracticable paradoxon 
gehalten wurde. Er offerirte zwar auch eine 
Bulverbüchse, aus welcher inan mit einer ladung, 
seinem vermelden nach, zwölfsmal auf 100 schritt 
weit schiessen könte, weil er aber unter lOOpistolen 
dafür nicht haben wolte, wurde sie ihm gelassen. 
Jedoch wurde ihm eine sauber gearbeite Wind 
büchse für 20 Bassler thaler abgekaufst." Und 
ferner: 
„Sonnabend den 25. Tag Martii Bormittags 
wurde ich von 8ereni88imi Hoch-Fürstl. Durchl. 
gnädigst befehligt, bey dem Löbl. Magnat Ihr 
Compliment abzustatten. Ich bin also aus das 
Rahthauss, wo die Herren damal versammelt 
waren, hingefahren, und hab meine Bottschast 
mit denen geziemenden Curialibus gegen diese 
venerable Männer in Corpore, da mir ein stuhl 
gesetzt worden, abgestattet. Diese wurde durch 
Ihren Syndic. dahin beantwortet; Wie höchlich 
Sie erfreut wären, die glückliche Ankunft Ihres 
Durchlauchtigsten Herrn Gevattern in Ihre Stadt 
zu vernehmen, und wie ungern Sie hingegen von 
mir verstünden, daß die wieder - Abreyse auf 
heute nachmittags allbereits vest gestellet und 
keine occasion abhanden wäre, einige marques 
von Ihrer veneration an den Tag legen zu 
können. Sie wollen jedoch sofort einige Ihres 
Mittels zu Ihrer Hoch-Fürstl. Durchl. abfertigen, 
um bey Ihrem Durchläuchtigsten Herrn Gevattern 
Ihre gehorsamste devotion abzustatten, und 
Sr. Hoch-Fürstl. Durchl. Befehl zu vernehmen. 
Als ich nun wieder zu Hauß kommen war, und 
meinen rapport abgestattet hatte, folgten mir 
etwa eine halbe viertel stunde hernach nebst dem 
Syndico die vier Herrn Häupter, als 8oein, 
Burckhard und zween geheimbde Nähte, welche mit 
8ereni88mn Hoch-Fürstl. Durchl. eine gute halbe 
Stunde in beywesen des Herrn Ober-Marschallen, 
Obrlsten von Wartensleben und meiner Sich en- 
tretenirten, und nach otterirung Ihrer gehorsamsten 
Dienste wieder beurlaubten. Worauf als Wir 
Sie wieder an die haußthür begleitet hatten, das 
gewöhnliche Regal an Wein und dergleichen 
ßefraichissementen hergeschickt wurde." 
Bon Basel fuhren die Reisenden zu Schiff den 
Rhein hinunter; die Festung Breisach, welche in 
Gemäßheit des Ryswijkschen Friedens am 
1. April von den Franzosen an Oesterreich zu 
rückgegeben werden sollte, besichtigt der Landgraf, 
bei der Kehler Schanze verließ die Gesellschaft 
das Schiss,-stieg in zwei bereit gehaltene „Gutschen" 
und fuhr mit hinten aufstehenden Lakeien nach 
Straßburg hinein, wo im Rappen Quartier ge 
nommen wurde. Der Landgraf setzte dann die 
Reise mit der Pdst fort, die Begleitung fuhr bis 
Germersheim mit dem Schiff und erst von da 
ab über Frankfurt, Gießen, Kirchhain (wie es scheint 
mit Umgehung Marburgs) mittelst Wagen. Karl 
kam am 1. April kurz vor Mitternacht in Kassel 
an, Klaute nebst seinen Gefährten am 2. April 
Morgens vor 4 Uhr. 
Wir begreifen es vollständig, wenn nach den 
Strapazen der Reise deren Erzählung m ein 
Dankgebet ausklingt, und schließen mit dem 
Wunsch an den „nach Standes-Gebür geehrten 
Leser", den Klaute am Schlüsse seines Be 
richts in die Worte zusammenfaßt: „Er lebe 
vergnügt!"
	        

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