Full text: Hessenland (15.1901)

212 
Wahlsprüche aus 
lle Geldstücke haben von jeher dem vorwiegend 
praktischen Zwecke des Handels und Verkehrs 
gedient; aus diesem Grunde tragen sie vor allem 
in der Regel eine Werthangabe, überdies aber 
sind sie in ihrer Eigenschaft als öffentliche Ur 
kunden meist mit dem Namen und stets mit 
dem Bild oder Wappen des Münzherrn, auch 
nach Jahrhunderte alter Sitte mit einer Jahres 
zahl versehen. Dazu treten dann noch häufig 
an weniger hervorragenden Stellest Zeichen, die 
ans die bei der Prägung betheiligten und für 
sie verantwortlichen Beamten deuten, und zwar 
sowohl auf den eigentlichen Urheber der Münze, 
den Stempelschneider oder „Eisengräber", als auch 
auf den, unter dessen Aufsicht die Prägung ge 
schieht, den Münzmeister, dessen Name auch durch 
den der Münzstätte erseht werden kann. Damit 
wäre alles genannt, was zum amtlichen Gepräge 
gehört, wenn wir uns aus die nüchterne Praxis 
beschränken. Aber man hat sich vielfach auch 
noch von anderen Rücksichten bei der Münz 
prägung leiten lassen, man hat dafür gesorgt, 
daß das Gepräge durch seine Schönheit das Auge 
erfreue, und deshalb die Kosten nicht gescheut, 
wirkliche Künstler als Stempelschneider zu ge-' 
Winnen, sodaß Werke selbst bei den kleineren 
Nominalen entstanden sind, die uns Heutigen 
noch zum Muster dienen können, von den hessischen 
Geprägen z. B. viele von Friedrich I. und die 
hananischen ■ aus Wilhelm's IX. Erbprinzenzeit. 
Außerdem aber finden wir bis in unsere Zeit 
hinein sehr häufig einen Wahlspruch auf den 
amtlich geprägten Geldstücken, wenn er auch zuletzt 
nur noch den bescheidenen Platz als Randschrift 
angewiesen bekam. Ich denke hier nicht an die 
Inschriften von (zuweilen auch amtlich geprägten) 
Medaillen, auf denen ein solcher Spruch, meist 
frommen Inhalts, besonders begreiflich ist, sondern 
lediglich an Geldstücke im eigentlichen Sinne, 
mögen sie auch an ein bestimmtes Ereigniß er 
innern sollen, also den Medaillen nahe kommen. 
Eine Zusammenstellung solcher Sprüche von 
hessischen Münzen dient nicht nur der Erinnerung 
an eine verehrungswürdige Vergangenheit, sondern 
bietet auch eine schöne Auswahl trefflicher Worte, 
hessischen Münzen. 
die der Gegenwart gleich werthvoll sein dürften, 
wie sie es der Vergangenheit waren. Sie mögen 
demnach hier —ohne Anspruch auf Vollständigkeit — 
gegeben werden. 
Wilhelm II. (1471 — 1509) ist der erste 
hessische Herrscher, der seinen Münzen einen Spruch 
hinzufügte. Man kann hierhin schon rechnen, 
daß er, als Oberhessen mit Marburg 1500 durch 
den Tod seines Vetters, Wilhelm's III., an ihn 
gekommen war, von 1500 bis 1509 das Bild 
der heiligen Elisabeth mit der Umschrift: 
Gloria reipublicae (Ruhm des Landes) 
aus seinen Geprägen führte; außerdem finden wir 
aber 1506 bis 1508 bei ihm die Worte: 
Dornn solum adorabis (Du sollst Gott allein anbeten). 
Zahlreich sind dann die Münzsprüche unter 
Philipp (1509-67): zunächst 
1537—45 Si deus pro nobis (oder nobiscum), quis 
contra nos! (Ist Gott für uns, wer mag wider 
uns sein!) 
Dieses aus Römer 8, V. 31 entnommene Wort 
bildet auch den Wahlsprnch des am 1. Mai 1840 
vom Großherzog Ludwig II. gestifteten Verdienst 
ordens Philipp's des Großmüthigen. Der nächste 
Spruch ist Vergil's Aeneide, Buch 6, V. 853 
entnommen: 
Parcere subjectis et debellare superbos. 
I. H. Voß übersetzt V. 851—853 folgendermaßen: 
„Du sollst, Römer, beherrschen des Erdreichs Völker 
mit Obmacht 
(Dies sei'n Künste für dich!) und Zucht anordnen 
des Friedens, 
Mild dem Ergebenen sein und niederducken den 
Trotzer." 
1542 lesen wir: 
Loli Deo victoria (Gott allein der Sieg) 
und 1543: 
Victoria no8tra a solo Deo est (Unser Sieg ist 
allein von Gott), 
endlich 1563-64: 
Was Gott beschert, Bleibet unerwert. 
Ludwig III. (IX.) von Marburg (1567—1604) 
hat ans seinen Münzen 1588—1604 den Spruch: 
Ich getrawe Got In aller Noth.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.