Full text: Hessenland (15.1901)

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album ersetzt, worin Ernst Dohm unter Anderem die 
Frage nach den drei größten Weibern der Welt 
geschichte lapidar beantwortet hat: Judith, Kleopatra 
und Lina Morgenstern. Sein a:eger, geistreicher 
Witz ist in dem Freundeshaus unvergessen, das über 
haupt Altes und Neues wie Ernst und Scherz 
harmonisch zu verschmelzen weiß. Die Tafelrunde 
wird nie eine literarische Konferenz, so oft auch 
am Tische dieses Mannes gewichtig oder leichthin 
Fragen der Kunst und Wissenschaft- verhandelt 
werden, und Wildenbruch, der Ursreund Frenzel, 
Ossip, Bühnenherrscher Berlins und Wiens, be 
rühmte Musiker und Maler beifällige oder ab 
lehnende Urtheile aussprechen. Ich habe den 
„Herausgeber" stets dafür bewundert, daß er 
Goethes Grazienspruch „Leget Anmuth in das 
Geben! Leget Anmuth iws Empfangen!" eben so 
wohl umkehren und Anmuth in^s Versagen als ein 
zugleich concilianter und entschiedener Führer legen 
kann; eine seltene beneidenswerthe Gabe, die sich 
auch in seiner Kunst nicht verleugnet, mit dem 
genus irritabile vatum, mit berufenen oder un 
berufenen Beiträgern und Beiträgerinnen gesprächs 
weise umzugehen. 
An -dieser wohlgerüsteten Tafel spüren wir die 
Triestiner Herkunft der Hausfrau nicht bloß in 
Lauten und Accenten ihrer beschwingten klugen und 
verbindlichen Rede, sondern auch in dem, was sie 
auftischt: als Risotto , ölgebackene Fische, Stussato, 
Finocchi u. s. w.; vino compreso, doch keineswegs 
nur no8trano di paese. Dabei sorgt Frau Justina 
ermunternd und warnend als edle Gattin, daß 
„Julius" das ihm Wohlbekömmliche speise, und 
wenn alles zum Besten gelungen ist, schickt sie der 
Schnabelweide den Ohrenschmaus nach. Ein Har 
monium steht seit etlichen Jahren neben ihrem 
Klavier; auch Gesang läßt sich manchmal ver 
nehmen, und ungebeten bringt Joachim zur Weihe 
Airs elfter m 
Von Landgraf Philipps Hofmaler Michel 
Müller. Im Gemeinschaftlichen Hennebergischen 
Archive zu Meiningen fiel mir vor kurzem ein 
Aktenstück in die Hände, das auf die Thätigkeit 
eines Hofmalers des 16. Jahrhunderts ein merk 
würdiges Licht wirst. Für uns Hessen ist es noch 
von besonderem Interesse, denn der Maler lebte in 
Kassel am Hose der hessischen Landgrafen. 
Michel Müller, ein Schüler Lucas Cranackfis, von 
dem sich nur ein beglaubigtes Werk, ein Porträt 
Landgraf Philipsts, erhalten hat, arbeitete danach 
auch für andere Höfe und zuweilen aus einem Ge 
biete, das heutzutage ein Hofmaler wohl kaum mehr 
betreten würde. Er verfertigte „Menlin, danach 
des Abends seine Geige mit. Doch ich bin dem 
Gang des Ereignisses vorausgeeilt, da auch die 
Cigarre, falls wir im „kleinsten Kreise" sind, nicht 
erst in der Rauchkajüte zwischen Salon und Studio, 
sondern schon beim letzten Glas angebrannt werden 
darf. Unser Wirth wundermild muß als Spender 
guter Tropfen nachdrücklich gepriesen werden. Er 
ist kein Zecher, aber trotz allen Antialkoholikern ein 
Liebhaber des Weines, und ich freute mich neulich, 
sein Konterfei im „Dichterzimmer" der Aßmanns 
hauser Krone zu erblicken; es hängt übrigens auch 
das eines wackeren Steirers sammt trinkfrohen 
Versen da, der uns gleich darauf angefahren hat: 
„Saus Wasser, Lump!" Wir leeren in der 
Margarethenstraße gern die sokratischen Becher und 
genießen den Labetrank, den Professor Rodenberg 
unterwegs entdeckt oder gar als edlen Jubiläumssaft 
1891 von den Schwägern beschert erhalten hat, machen 
auch froh ein Privatissimum bei Maurer & Bracht, 
Lessing zu Ehren, mit ihm durch und danken herz 
lich, wenn der spendable Freund seinen Nachbarn 
eine erlesene Flasche aus den Geburtstagstisch stellt. 
Der Schwiegersohn Major und die Frau Majorin 
Alice Nöhring, gleichfalls gastliche Menschenkinder, 
in Küch' und Keller keine Kostverächter, meine werthen 
Gevattern, sind solchen Spenden auch nicht abhold.... 
* * 
* 
Am 26. Juni 1891 saßen wir um den Jubilar 
und die Seinen geschart, Trinksprüche wurden ge 
wechselt, Gläser klangen, — heute hat der. Sieb 
ziger, wahrlich nicht aus Ermüdung, sich den Freunden 
und Verehrern bescheiden entzogen. Er geht mit 
seiner lieben Frau aus erinnerungsreichen Pfaden 
drüben jenseit des Kanals und summt vor sich hin: 
Lang, lang ist's her. Bald aber gewinnen die 
Gegenwart, die Heimath, die Nachbarn ihr Recht 
zurück: Gruß und Heil! 
6 neuer Jett. 
man die Kleidung macht", also, wenn man modern 
reden will, Mode- oder Kostümbilder; er entwarf 
die Kostüme, die der Schneider dann ausführte. 
Er schmückte die Truhen, die die hochzeitliche Aus 
steuer einer fürstlichen Braut enthielten, und die 
Festwagen mit Wappen-Malereien. Für alle diese 
dekorativen Malereien wurde er übrigens recht gut 
bezahlt. Seine am 7. Januar 1550 ausgestellte 
Quittung*) lautet: 
*} Sein Petschaft zeigt das sogenannte Knnstlerwappen, 
3 Schildchen: 2,1 gestellt; darüber die Buchstaben N M. 
Die Quittung befindet sich im Gem. Heuneberg. Arch. 
zu Meiningen, unter I D 29,
	        

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