Full text: Hessenland (15.1901)

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Betrachtungen über die Schlacht bei Bergen. 
Der mißlungene Angriff des Herzogs Ferdinand 
auf Bergen wurde in Paris als großer Sieg 
gefeiert, der dem Herzog Broglie von seinem 
König den Marfchallsstab und vom deutschen 
Kaiser die Würde eines Reichsfürsten einbrachte. 
Der „Postreuter"*), der den glücklichen Aus 
gang des Treffens für sehr wichtig hält, urtheilt: 
„Wenn die Feinde den Vortheil erhalten hätten, 
so würden sie sich der ganzen Wetterau und viel 
leicht von dem Stück des Landes zwischen dem 
Mahn und dem Neckar Meister gemacht haben 
und gewiß in Franken eingedrungen seyn. Dieser 
Sieg hat ihre Projekte vernichtet." 
Friedrich der Große suchte den Herzog Ferdi 
nand wegen seines mißlungenen Unternehmens zu 
trösten.**) Wenn es dem Herzoge nicht möglich 
wäre, das Magazin von Friedberg zu nehmen, 
so möge er seinem Bruder Heinrich Hülse leisten. 
Er möge die Schlacht bei Bergen betrachten als 
„une afiaire de bibus“, un village attaque que 
l’on n’a pas pu forcer il saut traiter la chose 
£11 bagatele alors eile le devient effectivement. 
Als Versuch war der Angriff ans Bergen jeden 
falls zu kostspielig, was der Herzog selbst durch 
sein Schreiben an den König vom 28. April 
zngiebt: „Wir haben den Muth nicht verloren, 
obgleich wir, wenn man die ganze Stärke der 
betheiligten Truppen betrachtet, allerdings einen 
bedeutenden Verlust erlitten haben ..." 
Wir haben schon früher daraus aufmerksam 
gemacht, daß der Plan des Herzogs, die französische 
Armee vom Main zu verdrängen, ausgesührt 
werden mußte zu der Zeit, wo die Verhältnisse 
viel günstiger lagen, also Ende 1758 oder An 
fangs 1759. Durch das unnöthige Zaudern von 
Monat zu Monat war die Möglichkeit des Ge 
lingens des Plans noch fraglicher geworden. 
War schon das zwecklose Zögern bis zum März 
nachtheilig, so war auch die gewählte Marschroute 
über Fulda durch das schwer passirbare Vogelsgebirge 
gleichfalls dazu angethan, eine schnelle und dadurch 
*) Die den Marburger Archivakten beigefügte Druck 
schrift lautet: Beitrag zum Reichs Postreuter, 32ste Stück, 
Dann. den 26ten April 1759, und behandelt: Umständ 
liche Relation von dem Tressen bei Bergen. 
**) Er schreibt ihm von Landshut, den 21. April: 
„J’ai resue mon eher Ferdinand Votre lettre de 
Windecken, je suis tres mortifie que Yous n’ayez 
pas reusi autant que moi et tous les honnetes gens 
Font souhaite,. mais que cela ne Vous rebute pas, 
vous avez fait selon ce que j’ai pu comprendre par 
le chasseur des dispositions tres bonnes et exselantes, 
vous avez mene vos troupes en bon et brave General, 
le reste n’est pas Votre saute et il ne saut pas que 
cela Yous decontenance en rien.“ (von dem Knese 
beck, Briefe rc.) 
sichere Ausführung des Plans in Frage zu stellen'. 
Dem Herzog Ferdinand standen noch zwei andere, 
bedeutend kürzere Marschlinien' nach Frankfurt 
zur Verfügung, die eine durch das Lahnthal, die 
andere über Ziegenhain, das Ohmthal nach Als 
feld. Die erstere war weniger günstig, weil sie 
an den in den Händen der Franzosen' sich befind 
lichen Festungen Marburg und Gießen vorbei 
führte und eine Bedrohung auf der rechten Flanke 
durch die vom unteren Lahnthale über Limburg 
anmarschirende Rheinarmee nicht unmöglich war. 
Dagegen mußte die Wahl für die andere Linie 
über Ziegenhain, Alsfeld wegen der Kürze und 
Sicherheit entscheidend sein. Sie hielt dieselbe 
Richtung ein, die die verbündete Armee nach der 
Schlacht bei Bergen als Rückzugslinie benutzte, 
und führte über Grünberg, Lich, Hungen, Nidda, 
Marköbel- oder Butzbach nach Friedberg. Es 
wäre dann nur ein kleines Corps von Ziegen 
hain zu detachiren nöthig gewesen, um die Wege 
vom Vogelsgebirge zu sperren und so die etwa 
von Fulda - heranrückende Reichsarmee durch die 
nöthige Beschäftigung von dem Rücken der Haupt 
armee fern zu halten. 
Hätte der Feind zeitig Nachricht von dem 
Plane der Verbündeten erhalten, so wäre es ihm 
dock) nicht möglich gewesen, seine sämmtlichen 
Truppen bei Friedberg zu konzentriren, und nach 
dem Zurückdrängen etwaiger feindlicher Abthei 
lungen, das im Bereiche der Möglichkeit lag, 
war den Verbündeten die Wegnahme des festen 
Punktes Friedberg sicher. Von hier aus konnte 
man in Ruhe weitere Bewegungen nach Frank 
furt hin von etwa günstigeren Zeitpunkten ab 
hängig machen. 
Wäre der Marsch über Fulda mit Rücksicht 
auf die Bedrohung durch die Reichsarmee geboten 
gewesen, so ist ein Verweilen der ganzen Armee 
während 10 Tage nicht begreiflich. Ein zu 
Fulda zurückgelassenes kleines Corps hätte wohl 
die vereinigten Oesterreicher und Reichstruppen 
in Schach gehalten, während die Armee am 
1. April ihren Marsch ungesäumt nach Frankfurt 
fortsetzte. Sollte der Feind wirklich bei Bergen 
überrascht werden, wie es in der Absicht des 
Herzogs lag, so wäre dies das Natürlichste ge 
wesen. Der dreitägige Eilmarsch von Fulda nach 
Windecken konnte die verstrichene Zeit nicht wieder 
einholen und hatte außerdem noch den Nachtheil 
zur Folge, daß die schweren Geschütze wegen der 
Unwegsamkeit der Straßen in demselben Tempo 
nicht folgen konnten, ohne deren sofortige Mit 
wirkung der Angriff aus Bergen überhaupt nicht 
unternommen werden durfte. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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