Full text: Hessenland (15.1901)

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S S- K 
mir dagegen die Erfindung der Fabel und die Ent 
wickelung der Idee gelungen dünken. Das eigent 
lich Anekdotenhafte der Anlage scheint mir für einen 
Roman doch kaum ausreichend zu sein. Die „jungen 
Leiden" der Heldin bestehen außer in der von vorn 
herein ihr auferlegten Armuth (von der sie aller 
dings zunächst nichts weiß) und ihrem Verwaistsein 
in einer Reihe von Unannehmlichkeiten, die sie durch 
den ganz harmlosen Besuch einer Art Nihilisten 
sitzung erfährt, und die sie aus ein quälendes 
Krankenlager werfen, von dem sie endlich als Braut 
eines Deutschasrikaners glücklich ersteht. 
Das ist alles vorzüglich erzählt, gemüthvoll auch 
miterlebt und unfehlbar richtig gesehen, aber es er 
scheint in dieser Ausdehnung, als Roman, dem Stoff 
nach doch zu geringfügig und zu wenig als Ent 
wickelung und Verwickelung auszubeuten. Etwas 
interessanter wird der Konflikt der Heldin allerdings 
durch die Rolle, die ein reicher, älterer Pfiegebruder, 
der zugleich ihr Vormund ist, in ihrem Leben spielt. 
Dieser Doktor Edenkoven, ein korrekter Egoist, nicht 
ungutmüthig, aber viel zu eitel, verwöhnt und be 
quem, um, selbst wenn das Herz mitredet, irgend 
ein ernstliches Opfer zu bringen, doch sich aber in 
einer gewissen Halbheit des Abwartens gefallend, 
ob sich etwa die Gelegenheit günstig für ihn ge 
stalte, dieser Edenkoven, nicht eigentlich der Held 
des Romans, aber doch den breitesten Raum darin 
einnehmend, gehört zu den vortrefflichsten Gestalten, 
die Sophie Junghans geschaffen hat, und darf wohl 
eine völlig neue Figur im modernen Roman ge 
nannt werden. Er vertritt eine ganze Menschen 
gattung, und zwar eine sehr moderne. Moritz 
Edenkoven liebt die Heldin, d. h. er interessirt sich 
für sie und findet es praktisch, sich ihr gegenüber 
in einer Situation zu halten, die ihm zwar volle 
Freiheit, seinem Heranwachsenden und ihm ver 
heißungsvoll scheinenden Mündel aber doch zu gleicher 
Zeit den Eindruck läßt, als gehörten sie Beide für 
einander, und als hätte er ein Recht auch aus ihr 
Herz. 
Eine wesentlich andere Rolle als seiner jugend 
lichen Pfiegeschwester gegenüber spielt dieser Virtuose 
selbstgefälliger Liebesphantasien bei einer reiferen 
Schönheit in Berlin, wo er Privatdozent ist, und 
von wo er zeitweise in den Wohnort Magdalenens 
kommt (so heißt sein Mündel). Jene Lydia Kalström, 
der Typus der modernen Ueberweiber, der blasirt- 
koketteu, verlogenen und verwogenen, die vor dem 
Kecksten nicht zurückscheuen, elegant, sinnlich, grausam, 
ein schriftstellerisches Halbtalent, die aus Eifersucht, 
als sie eine Neigung ihres durch sie gelangweilten 
Verehrers Edenkoven zu Magdalenen argwöhnt, 
durch gewisse Verbindungen mit der Geheimpolizei 
ihrer scheinbaren Rivalin alles Elend eintränkt, auch 
diese Gestalt ist ein Kabinetstück psychologischer 
Malerei und zugleich ein höchst wirkungsvoller Kon 
trast zu der kindlich unschuldigen Magdalene. 
Der eigentliche Held dagegen, der schon erwähnte 
Deutschasrikaner, zeigt zwar entschieden auch lebens 
wahre und liebenswürdige Züge, wirkt aber im 
Ganzen doch weniger überzeugend. Hier scheint mir 
die Verfasserin in den Fehler eines falschen Idealismus 
verfallen zu sein. Der Künstler erreicht, ohne die 
Natur im Einzelnen zu korrigiren, im Allgemeinen 
doch viel mehr wie sie, indem er mit Vermeidung 
des Kleinlichen und Unbedeutenden immer nur das 
Wesentliche hervorhebt, um es aus diese Weise an 
schaulicher zu machen; das Wesentliche aber bei 
einem Menschen besteht auch in seinen Schwächen. 
Eine zu große Musterhaftigkeit, die Sophie Jung 
hans, wenngleich in ihren Nebenfiguren ein für 
alle Mal vollendete und immer wieder neue Typen 
schassend, doch ihren Helden und Heldinnen leicht 
angedeihen zu lassen pflegt, wirkt weder poetisch noch 
sogar moralisch erfreulich. 
Leidet so ihr Held auch diesmal unter dem einzigen 
Fehler, daß er keinen hat, so macht doch die Heldin, 
vielleicht nur etwas zu passiv gerathen, einen echt 
lebenswahren und sehr anmuthigen Eindruck, und 
man gönnt ihr von Herzen, daß sie, die keine Heimath 
hinter sich läßt, an der Seite ihres unternehmenden 
Fritz sich von den Meereswogen in ein fernes, fremdes 
Land tragen läßt, in dem dip jugendlichen Hoff 
nungen eines noch jugendlichen Reiches zur Jugend 
selber gut passen mögen. Kans. Attmüller. 
— 
Wcbinuth 
Schweigt der Regen auf dem U)eiher, 
Thränen tropfen vom Gezweig, 
Gleiten in die Tiefe nieder 
Sonnenfnnkelnd, perlengleich. 
Vbergrenzebach. 
Lall und Schall... und dann versunken 
Ruh'n sie in dem weiten Schoß. 
Regentropfen..'. Regentropfen 
Gleich ist auch des Menschen Loos. 
)ob. Heinrich Schwalm.
	        

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