Full text: Hessenland (15.1901)

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Sophie Junghans und ihr neuestes Werk.'' 
So viel Romane die ausgezeichnete Schrift 
stellerin uns auch geschenkt hat, so wird man doch in 
keinem die Bedeutung ihres hervorragenden Talentes 
verkennen und bei keinem die Lektüre ohne Ge 
winn vornehmen. Irgend etwas Werthvolles hat 
sie uns immer zu sagen, und für gewisse Seiten 
gerade des modernen Lebens schärft sie uns immer 
die Augen. Denn die lebendige Gegenwart ist ja 
zumeist das Objekt ihrer eminenten Beobachtung 
und ihrer scharf umrissenen Darstellung. Insofern 
berührt sie sich ganz mit der Forderung des Tages 
nach dem „Realistischen". Aber sie weiß auch das 
Berechtigte vom Unberechtigten dieser Forderung zu 
unterscheiden. Nur ihre Stoffe und ihr fein 
witternder Instinkt für alles, was das heutige 
Leben bewegt und bewältigt, sind das Moderne an 
ihr. Sonst steht sie in höchst wohlthuendem Gegen 
satz zu den meisten übrigen unserer lebenden Schrift 
steller. 
Schon ihr (übrigens sehr charakteristischer) Styl 
macht eine erfreuliche Ausnahme von der Regel. 
Die nervösforcirte Art, nach der man heutzutage 
in lauter kurz abgehackten Hauptsätzen zu schreiben 
beliebt, eine Manier, die lediglich dem modischen 
Bedürfniß nach dem (nur ganz einseitig aufgefaßten) 
„Natürlichen" entspringt, dabei aber jeder wahren 
Natürlichkeit und vor allem jeder epischen Ruhe 
und überhaupt künstlerischen Mäßigung der Rede 
in auf die Dauer geradezu athemberaubeuder Weise 
widerspricht, diese Art oder Unart findet man bei 
Sophie Junghans so wenig, daß im Gegentheil ihr 
klarer Periodenbau, in dem kein Wort zu viel unb 
zu wenig steht, schon an sich einen Genuß bietet. 
Was sie ferner als eine besondere Gestalt in 
unserem gegenwärtigen Literaturtreiben erscheinen 
läßt, das ist die ganz außerordentliche Bildung, 
über die sie verfügt. Sich selbst und ihr Talent 
hat sie auf das Gewissenhafteste geschult und aus 
gebildet, und, wenn wahre Bildung so viel, wie 
eben das Wort besagt, ein Gebilde aus sich schaffen 
heißt, ein harmonisches Produkt gleichmäßig ge 
pflegter Anlagen, so hat Sophie Junghans dies 
selten auch nur erstrebte, weit seltener aber noch 
*) Iunge Leiden. Roman von Sophie Jung 
hans. Braunschweig. George Westermann, 1901. 468 S. 
gewonnene Ziel wirklich erreicht. Wir besitzen wohl 
manches Talent heutzutage, aber wie wenige, die 
an sich selber Zucht geübt haben in jedem Sinn 
des Wortes! Die meisten bieten nur ein ungefälliges 
Rohmaterial dar, die baare Nacktheit des Stoffes. 
Alle Künstler aber im ganzen Bereich der Kunst 
geschichte, die wir groß nennen, haben es ernst ge 
nommen mit ihrem Beruf und sich um eine sorg 
fältige Ausbildung ihrer Anlagen sowohl wie ihrer 
Werke auf das Eifrigste bemüht, bisweilen (wie 
Schiller, Mozart und Carstens) mit Aufopferung 
ihrer Gesundheit und ihres Lebens. Einer Schrift 
stellerin wie Sophie Junghans merkt man in jeder 
Zeile die Ueberlegenheit reifer Erfahrung und sicherer 
Bildung an. Ihr ungewöhnlich Heller und schneller 
Verstand, verbunden mit einem treuen Gedächtniß 
und einer lebhaften Phantasie, hat es ihr möglich 
gemacht, sich eine immer wieder verblüffende Menge 
von Kenntnissen auf den allerverschiedensten Gebieten 
anzueignen, sodaß sie sowohl theoretisch über die 
heterogensten Dinge im Klaren ist als auch praktisch 
überall zu Hause zu sein scheint. 
Endlich ist ihre Weltanschauung nicht wie die 
so vieler ihrer Kollegen eine negative, sondern sie 
fühlt und denkt, als ein gesunder Mensch, positiv. 
Sie hält sich an die ewig gültigen Normen des 
Wahren, Schönen und Guten, behilft sich nicht mit 
dem billigen Effekt des psychologischen Fragezeichens 
am Schluß des Werkes, sondern schließt den Kreis 
ihrer Komposition in harmonischem Gefüge, daß 
sich alles durch sich selber klärt, und weist immer, 
aber nie tendenziös lehrhaft, auf die Macht des 
Tüchtigen und Redlichen in der Welt. Daher kehrt 
sie wohl auch öfters die Spitze ihrer gar nicht 
unbeträchtlichen satirischen Begabung gegen manche 
Auswüchse der modernen Gesellschaft, wie etwa die 
Wagnermode oder das allem Schwächlichen und 
Niedrigen bequeme und willkommene Uebermenschen- 
thum Nietzsches. 
Alle diese Eigenschaften verleugnen sich auch in 
ihrem neuesten. Werke „Junge Leiden" keineswegs, 
einem Roman, der zuerst in „ Westermann's Monats 
heften" erschienen ist. Styl, Charakteristik, An 
schaulichkeit der Szenerie, Echtheit der Gesinnung, 
eine Fülle scharfsinniger und z. Th. schöner Gedanken 
sind auch hier durchaus zu rühmen. Weniger will
	        

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