Full text: Hessenland (15.1901)

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macht und waren schwer zu behandeln. Aller Lebens- 
mnth war von Ihnen gewichen." 
Die Baronin nickte: „Ja — ich hatte keinerlei 
Hoffnung mehr. Sie erinnern sich wohl auch 
Ihrer eigenen Erkrankung. Doktor, und des Jahres, 
das Sie in Aegypten zubrachten." 
„Gewiß — Di-. Classen trat damals an meine 
Stelle, und es gelang ihm, Sie zu heilen und zu 
beleben." 
Die Frau wandte das Gesicht ab. 
„Es gelang ihm nur zu gut" — bestätigte 
sie leicht. 
Der Doktor fuhr auf. 
„Ach, das war es", sagte er, tief aufathmend. 
„Ja — das war es. Wissen Sie, er war gar 
kein konventioneller Mensch. Er war jung und 
voller Begeisterung für seinen schweren Berus. 
Er wollte stets retten und helfen. Das Geld 
spielte keine Rolle in seinem Leben. Und dabei 
war er voller Geist und Witz. Wenn er mit 
seinem unwiderstehlichen Lachen iicks Zimmer trat. 
flohen alle meine schweren Gedanken zum Fenster 
hinaus, ich fühlte meine Jugend, meine Gesundheit 
und mein Recht an die Freuden der Welt in 
mrc erwachen. 
Alles, was von ihm kam, athmete Freudigkeit, 
Muth und Kraft. Und .wie er scherzen konnte! 
Ich habe mit ihm gelacht wie ein ausgelassenes 
junges Mädchen." 
„Sie bemühten sich so unwiderstehlich zu sein 
als möglich!" grollte der Arzt. 
„Nein — Doktor — bitte, denken Sie es nicht, 
damals habe ich nicht kokettirt, ich gab mich 
nur dem Leben hin, das mich plötzlich wieder suchte 
und rief. Ich war ja fortwährend selbst erstaunt, 
über all die Interessen und Freuden, die so 
plötzlich wieder in mir erwachten. — Ja — und 
dann — nach und nach hörten, wir aus zu lachen 
und fingen an Ansichten auszutauschen und uns 
zu verstehen — viel zu gut zu verstehen — und 
ich versagte mir die Wohlthat dieses gegenseitigen 
Berständnisses nicht, obgleich ich wußte, daß Doktor 
Classen eine kleine Frau daheim hatte. Ich 
wollte nicht daran denken, wollte an keine 
Gefahr glauben, wollte ungestört glücklich sein. 
Ich war schlecht, sehr schlecht, im blinden Egoismus 
einer Leidenschaft, die ich in dieser Stärke zum 
ersten Male an mir erfuhr." 
„Und Classen?" fragte der Arzt. 
„Er benahm sich weit disziplinirter als ich. 
Er tvurde plötzlich zurückhaltender und kälter, aber 
das reizte mich noch mehr, er sollte mir nicht 
widerstehen wollen. Ich hatte alle meine Grund 
sätze, meine Religion, mein Pflichtgefühl über den 
Hausen geworfen. Ich wollte einfach glücklich sein." 
„Es war die Reaktion!" sagte der Doktor. 
„Eine furchtbare Reaktion. Heute hoffe ich, daß 
ich nicht ganz verantwortlich war für diesen Sturin 
in mir, gewiß besaß ich noch nicht meine volle 
Widerstandsfähigkeit. Ich hoffe es wenigstens, 
denn um leben zu können, muß man auch lernen 
sich selber Manches zu verzeihen." 
„Gewiß — wenn man nach Kräften gebüßt hat." 
„Jetzt sind Sie sehr wüthend, lieber Freund — 
ich höre es an Ihrer Stimme." 
„Der Classen thut mir leid. Er war so ein 
ehrenhafter, treuer und gewissenhafter Charakter. 
Und diese Energie! Der arme Kerl hatte sich von 
unten heraus gearbeitet. An den Folgen früher 
Entbehrungen ist er schließlich zu Grund gegangen." 
Baronin Tessa schauerte in sich zusammen. 
„Damals war er die Kraft und die Lebens 
freude selbst. Er hatte ja viel Erfolg und war 
in die Mode gekommen. Es lag so ein Glanz 
auf seinem Wesen. 
Zum ersten Male in meinem Leben benutzte ich 
die Macht meiner Persönlichkeit mit Bewußtsein. 
Ich wollte ihn nicht verlieren, wollte ihn zu 
meinen Füßen sehen, und es gelang. Endlich, eines 
Tages sprach er mir von seiner grenzenlosen Hoch 
achtung und seiner grenzenlosen, hoffnungslosenLiebe." 
„Unbegreiflich, wie er sich so weit vergessen konnte." 
„Wir Frauen wissen dergleichen Geständnisse 
schon zu erreichen, wenn wir sie wollen. Ich 
sagte ihm, daß ich nicht gesonnen sei, unsere Liebe 
für hoffnungslos zu halten. 
Wozu gab es Scheidung? Geld und Stellung 
konnten kein Hinderniß sein — ich war reich für 
uns Beide; ich wollte nicht mehr leiden und 
traurig sein — ich wollte das Glück ergreifen. 
Ich vergesse nie den starren und abweisenden Blick, 
den er auf mich richtete. 
,Dazu habe ich keine Kraft?, entgegnete er, 
,ich liebe meine Frau und meine Knaben — die 
Banden der Familie sind unzerreißbar. Für uns 
bleibt nichts als Scheiden? 
Zum Glück hatte ich noch soviel Stolz, ihm 
äußerlich sofort beizupflichten — innerlich aber 
hatte ich meine Sache nicht ausgegeben. 
Am nächsten Morgen, als ich Dr. Classen ans 
der Praxis wußte, fuhr ich zu seiner Wohnung. 
Ich wollte die Frau kennen lernen, die er mir 
nicht opfern wollte. Ich kam in ein kleines Nest, 
voll Bescheidenheit, Sauberkeit und Schönheit. Gar 
nichts von der -cvoalck do-Eleganz, die viele Bürger 
häuser so trostlos gewöhnlich macht. Alles sehr 
hell — sehr einfache Möbel — schöne Bilder und 
Blumen, sehr viel Blumen. Ich war entzückt — 
und dann erst die Frau. Sie war gar nicht 
überwältigt von meiner großweltlichen Eleganz
	        

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