Full text: Hessenland (15.1901)

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Die Meise des Landgrafen Karl von Kessen nach Italien. 
Von Otto Ger land. 
(Schluß.) 
as Erste, was der Landgraf, in Nom zu er 
ledigen habe, waren die Briefschaften, die 
zwei Kuriere, der Baron von Seybolsdorff und 
gleich darauf der Dragoner-Kapitän Blome sowohl 
vom Kurfürsten Friedrich III. von Branden 
burg (bald darauf König Friedrich I.), als auch von 
der Landgräfin und vom Obersten von Tettau 
dorthin gebracht hatten. Es handelte sich vor 
allem um die Beschleunigung der Vermählung 
des Erbprinzen Friedrich von Hessen mit der 
einzigen Tochter des Kurfürsten, Luise Dorothea, 
eine Angelegenheit,' die durch Karl's Reise ver 
zögert worden war, ihn aber schließlich zur be 
schleunigter Rückkehr veranlaßte, woraus die Hochzeit 
am brandenburger Hofe Prachtvoll gefeiert wurde.*) 
Leider starb die junge Fürstin bereits am 23. De 
zember 1705, ohne einen Erben zu hinterlassen, 
und es wurde dies die Ursache, die den Erb 
prinzen in die Arme Ulriken Elonorens 
von Schweden und aus den schwedischen Thron 
führte. 
Daß Karl in Nom alle Paläste, die damals 
noch im vollen Reichthum ihrer Kunstschütze 
prangten, und alle Kirchen besichtigte, bedarf 
nicht der Bemerkung. Gleich am ersten Tage 
besichtigte er den Palazzo Farnese, wo ihm auch 
die bekannte Herkulesstatue ausfiel, die er 17 Jahre 
später in kupferner Nachbildung auf der Pyramide 
des Niesenschlosses am Karlsbcrg (jetzt Wilhelms 
höhe) ausstellte. Aergerniß erregten den Reisenden 
im Vatikan in der Lais Royale, in der der 
Papst den Gesandten gekrönter Häupter Audienz 
zu geben pflegte, drei Bilder, die Ermordung 
Coligni's und Teligni's in der Bartholomäus 
nacht darstellend und von denen eins die Unter 
schrift trug: Rex Colignii necem probat (Der 
Köuig billigt die Tödtung Coligni's). Am 5. Februar 
fuhr der Landgraf „nach dem berühmten Optieo" 
Namens Gioseppe Campani, lstr ihm zunächst 
seine von Klaute mitgetheilte Preisliste feiner 
optischen Instrumente gab. Einige Tage darauf 
kaufte Karl einen langen Tubus für 30 Doppien, 
ein Mikroskop für 8, eine Camera Obscura für 
6^2 und eine gleiche „per la notti“ für 1 V2 
Doppien. Diese Instrumente befinden sich mög 
licherweise noch in den optischen Sammlungen 
unseres Kunsthauses. Aus den Katakomben, wo 
die Reisenden sich „maul und nasen voller sandes 
geholt hatten", nahm Klaute einige weißirdene 
Lampen aus deu Gräberu mit, die sich vielleicht 
auch uoch in den Kasseler Sammlungen vorfinden. 
In Bologna hatte der Landgraf etwas Phosphgr, 
der damals etwas Neues gewesen zu sein scheint, 
erkauft; in Nom sollte im Nu8euni Kirchnerianum 
mehr davon zu sehen sein. Es wurde deshalb 
dies Museum, das dem berühmten, aus Fulda 
gebürtigen Jesuiten Athanasius Kirchner 
seine Entstehung verdankt, besucht, wobei Klaute 
zeigt, daß er in Kirchners Schriften, namentlich 
in dessen „Tractatus de arte magna lucis et 
urnbrae“ besser Bescheid wußte, als die das ge 
nannte Museum verwaltenden Jesuiten. 
Für die Anlagen in Hessen sind weiter als 
besonders bemerkenswerth zu bezeichnen der Besuch 
der Pyranride des Cestins, die ja auch auf 
Wilhelmshöhe ihre Nachbildung gefunden hat, 
und namentlich - die Besichtigung zahlreicher 
Orangerien und Wasserkünste, die dann später 
nicht nur in der Karlsaue, sowie am Karlsberg, 
sondern auch bei dem Schlosse Wilhelmsburg in 
Schmalkalden zur Nachahmung gelangten, viel 
leicht auch noch als Vorbild für die Grotte zu 
Wilhelmsthal gedient haben. Zunächst galt der 
Besuch den Gärten des Kardinals Ehigi, dessen 
Orangerie, Lnsthans und Vexirwasser eingehend 
besichtigt wurden, wobei von letzteren „Unser Herr 
Leib-Nedieu8 zu Serenissimi nicht geringem 
plaisir redlich benäffet wurde". Von besonderer 
Bedeutung wurden die Wasserkünste von Frascati, 
wo man im Garten der Villa Ludovisi aus 
einem höher gelegten Wasserbehälter gespeiste 
Kaskaden sah, darunter in einem Teiche „eine 
Invention, durch welche das Wasser mit einem 
brnit als Von raqueten in die Luft geführt 
wird". Eine niedrige Mauer war mit 20 Vasen 
besetzt, aus deren jeder das Wasser ziemlich hoch 
*) Rommel, a. a. O. S. 42.
	        

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