Full text: Hessenland (15.1901)

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Oie Wohlthäterin. 
Novelle von M. Herbert (Th. Kelter). 
B aronin Tessa lag in dem grünen tiefen Bambus 
sessel und schaute mit dem hübschen, gütigen 
Lächeln, das ihr etwas hochmüthig geschnittenes 
Gesicht für die von ihr Bevorzugten so sympathisch und 
unwiderstehlich machte, zu ihrem alten Freunde aus. 
„Gestehen Sie nur, Tessa", sagte der Mann mit 
einem seinen Lächeln, „dahinter steckt etwas Tieferes, 
vielleicht ein ganzes Stück Leben. Aus augen 
blicklicher Hingebung, aus Laune vielleicht, thun 
Sie nichts. Ich kenne Sie." 
Das Licht des sinkenden Herbsttages fiel hell 
auf das schöne, energische Gesicht und aus die 
ergrauten hellen Haare der Frau. 
Es war noch Schönheit da, die Schönheit der 
guten, alten Race, die Schönheit leidenschaftlichen 
Lebensmuthes, der Erfahrung und Kenntniß der 
Welt keine Ermüdung bringen konnten. 
„Das ist wohl ein großes Kompliment in 
Ihren Augen, bester Doktor! Aber Sie haben 
ganz Recht, ich habe niemals impulsiv gehandelt, 
es liegt nicht in meiner Natur. Vielleicht ist das 
ein Unglück, denn nur die Impulsiven sind schnell 
genug, um das Glück ein zusangen." 
„Sie machten andere glücklich, Baronin, das 
ist weit mehr!" sagte der Arzt ernst. 
Sie lächelte ein wenig. 
„Heute sind Sie gar nicht grob, Doktor; Sie 
fanden nicht immer so gute Eigenschaften bei mir. 
Sie haben mich im Laufe unserer langen Freundschaft 
schon hochmüthig, kalt, exklusiv und kokett gescholten. 
Sie sehen, ich habe Ihnen nichts vergessen." 
„Wir Menschen sind allesammt keine Engel, 
Baronin, aber wenn wir einen Menschen finden, 
dessen Leben wenigstens einige engelhafte An 
wandlungen aufzuweisen hat, sollen wir schon 
dankbar und zufrieden sein und nicht mit unseren 
schlechten Erfahrungen prahlen." 
„Nicht mehr! — Sie nennen das eine engel 
hafte Anwandlung, daß ich diese verlassene Frau 
und ihren Buben nicht im Stiche lasse, daß ich 
ihr helfe, wo ich kann, und sie schütze, wo ich kann? 
Mein bester Doktor, nicht ich bin die Wohl 
thäterin dieser Frau, sondern sie ist die meine. 
Meine Freundschaft gehört ihr in unlöslicher 
Weise." 
„Baronin Tessa, Sie belieben zu scherzen. Wie 
könnte diese kleine, unbedeutende, junge und un 
erfahrene Frau Ihre Wohlthäterin geworden sein? 
Verzeihen Sie, aber das geht über meinen Horizont." 
„Vielleicht rauchen Sie ein paar (Zigaretten 
mit mir, Doktor, Sie thaten das immer so gern. — 
Und dann, wenn Sie in recht gemüthlicher 
und menschenfreundlicher Stimmung sind, will 
ich Ihnen beichten. Sie werden mich danach 
zwar weniger als je für einen Engel halten, 
aber Sie werden mich verstehen. Das war für 
mich stets das Höchste, verstanden zu werden, 
d. h. von den Wenigen, an denen mir liegt." 
Der Doktor verbeugte sich. — 
„Baronin Tessa, Ihre Auszeichnung ehrt mich; 
doch glaube ich Sie auch als Lied ohne Worte 
ein wenig verstanden zu haben." 
Ein weicher Ausdruck trat in die Züge der 
Frau — „Verstanden oder nicht: Ich hatte niemals 
einen treueren Freund als Sie. Es giebt keine 
schwere Stunde meines Lebens, in die Sie nicht 
hilfreich eintraten. Bei der Geburt meiner Kinder, 
beim Tod meines Gatten — durch alle Leiden 
unserer Kinderstube haben Sie geholfen." 
„Und lernte dabei die einzige Frau kennen, 
die ich wirklich verehre." 
Sie lächelte wieder. „Doktor, Doktor — Sie 
werden doch nicht in meinen alten Tagen ansangen 
mir den Hof zu machen?" 
„Als ob ich das nicht immer gethan hätte." 
„Nein — wir wollen ja ernst sein. 
Ich will Ihnen ans einer ganz schlimmen, 
.häßlichen und gefährlichen Episode meines Lebens 
erzählen." 
Ueber das Gesicht des klugen, alten Herrn glitt 
ein Schatten. 
„Erzählen Sie mir nichts Böses von sich," 
bat er, „ich könnte das nicht ganz gut vertragen." 
„Sehen sie!" ries die Baronin lachend, „ich 
sagte ja immer, daß die sogenannten Idealisten 
die allerschlimmsten Egoisten sind. Ihre Neben 
menschen sollen reine Engel sein, dann wollen sic 
sich vielleicht herbeilassen, sie ,zu lieben." 
„Als ob ein Arzt nicht so wie so viel zu viel 
wüßte!" — er seufzte ein wenig. „Aber erzählen 
Sie mir, Baronin — ich habe schon bitterere Wahr 
heiten ertragen müssen, als die sind, welche mir 
von Ihnen kommen können." 
„Doktor, Sie wissen, ich war neunundzwanzig 
Jahre alt, als mein Gatte starb — ob ich ihn 
geliebt nnb betrauert habe, wissen Sie auch. 
Ich habe zwei Jahre meines Lebens damit aus 
gefüllt, mich nach ihm zu sehnen und mir Vor 
würfe über Versäumnisse zu machen, die ich ihm 
gegenüber etwa begangen haben könnte." 
„Ich erinnere mich an jene Zeit, Baronin Tessa," 
sagte der Arzt, „Sie haben mir viel Sorge ge-
	        

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