Full text: Hessenland (15.1901)

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den Aufenthalt unmöglich. Der letzte Kurfürst ver 
hielt sich ablehnend gegen alles Kunsttreiben, kein 
Maler konnte sich eines Auftrags rühmen, die Ge- 
mäldegallerie — damals im Bellevueschloß — war 
geschloffen und wurde nur gegen hohes Eintritts 
geld geöffnet. Von Kopiren war keine' Rede, es 
wurde auf's Strengste darauf gesehen, daß keiner der 
Besucher auch nur einen flüchtigen Bleistiftstrich 
machte. Diese unvergleichliche Stätte für das 
Studium war also für die jungen Maler so gut 
wie nicht vorhanden, und das unsinnige Kopirverbot 
hatte zur Folge, daß auswärtige Künstler nur 
selten bei uns erschienen. 
Die kurfürstliche Akademie der bildenden Künste' 
ein durchaus nicht schlecht dotirtes Institut, führte 
ein ziemlich kümmerliches Dasein. Bon strenger 
künstlerischer Erziehung war nichts zu bemerken, 
es wurde wenig gelehrt, wenig gelernt und wenig 
gearbeitet. Es fehlte vor allem an dem, was heute 
von so großem Einfluß auf die Studirenden ist, 
an der vorbildlichen Thätigkeit der Lehrer. Nicht 
die kleinste Ermuthigung durch gelegentliche Be 
stellungen wurde den Leitern der Malklassen zu 
Theil. An hoher Stelle nahm man nicht die geringste 
Notiz von dem Dasein der Akademie. Der begabte 
und geistvolle Lehrer der Malerei, Pros. Müller, 
vertauschte schließlich den Pinsel mit der Feder. 
Die heitere Geschichte von den Medaillen, die den 
Schülern der Malklasse alljährlich zuerkannt wurden, 
ist älteren Leuten wohl noch in Erinnerung. In 
feierlicher Sitzung wurden die Preisgekrönten ge 
nannt, aber die Medaillen konnten ihnen nicht 
ausgehändigt werden. Der Vorrath war vergriffen, 
neue mußten geprägt werden, aber über den neuen 
Stempel konnte der Kurfürst nicht mit sich einig 
werden. 
Die Kasseler Künstler, die zu Namen und Ansehen 
gekommen, und es sind ihrer nicht Wenige, verdanken 
ihre Ausbildung sicherlich nicht der Vaterstadt. So 
wenig günstig aber auch die Verhältnisse für die hier 
Lebenden waren, so hielt sie doch ein kollegialer 
und freundschaftlicher Ton zusammen, heitere Fest 
lichkeiten, gemeinsame Ausflüge und Aufführungen, 
wie sie eben nur Maler zu veranstalten wissen und 
wie sie zur künstlerischen Erziehung gehören, waren 
nicht selten und sind noch unvergessen. Von alle 
dem ist jetzt keine Rede mehr in Kassel. 
Die deutschen Künstler hatten sich, ich glaube es 
war im Jahr 1850, dem allgemeinen Zuge folgend, 
zu einer Genossenschaft zusammengethan, die jähr 
liche Zusammenkünfte beschloß. Bei einer solchen in 
Weimar hatte Schreiber dieser Zeilen vom Kasseler- 
Magistrat den Auftrag bekommen, die nächste Ver 
sammlung nach Kassel einzuladen. Die Einladung 
wurde angenommen und die Nachricht sofort freudig 
nach Hause berichtet. 
Wir waren hier schon eifrig beschäftigt, ein Pro 
gramm aufzustellen für die im Oktober 1866 zu er 
wartende Versammlung, als mir Oberbürgermeister 
Neb elthau mit aufrichtigem Bedauern mittheilte, 
daß der Kurfürst die Genehmigung zu dieser Ver 
sammlung nicht geben würde. Diese wäre nun freilich 
nicht nöthig, aber wir möchten doch unsere Kollegen 
nicht Unannehmlichkeiten aussetzen und sie bitten rc. 
Der Vorstand war einsichtig genug, die Schwierig 
keit unserer Lage zu würdigen und beschloß, statt 
der Hauptversammlung an dem genannten Tage 
eine Delegirtenversammlung nach Kassel zu be 
rufen. 
Dies geschah, und in demselben Augenblick, als 
Professor Martersteig,- der damalige Vorstand, 
die Sitzung im Rathhaus am Meßplatze eröffnete, 
proklamirte Oberprüsident von Möller vom 
Balkon des rothen Palais am Friedrichsplatz die 
Annexion Kurhessens an Preußen. 
Der kunstsinnige und seingebildete erste Ober 
präsident von Möller nahm sich sofort der arg 
vernachlässigten Kunstzustände an, die Bildergallerie 
wurde dem Studium geöffnet und eine gründliche 
Reorganisation der Kunstakademie geplant. 
Es entstand das prächtige Haus für die neue 
Gemäldegallerie mit den vielbewunderten Echter 
meier'sehen Figuren des Treppenhauses, jetzt wohl 
die Hauptsehenswürdigkeit unsrer Stadt. An tüch 
tigen Bildhauern hat es Kassel nie gefehlt, und 
wenn wir trotzdem nicht viel und nicht immer das 
Beste von ihrer Kunst aufzuweisen haben, so ist 
das sicherlich nicht ihre Schuld. 
Werner Heuschel, dessen Bonifatius-Standbild 
in Fulda eines der bedeutendsten und mustergültigsten 
Werke moderner Bildhauerkunst ist, lebte in Rom, 
ebenso sein Schüler Gustav Kanpert, später Pro 
fessor in Frankfurt a. M., wie C. Gerhardt, der 
heute noch schasst und einen hochgeschätzten Namen 
erlangt hat. Die prächtige Figur, welche seit einem 
Jahr den Martinsplatz schmückt und Philipp den 
Großmüthigen darstellen soll, ist ebenfalls das Werk 
eines jungen Kasseler Künstlers. Dem bedeutendsten 
unter den hessischen Fürsten hingegen, dem Stadt und 
Land so unendlich viel verdankt, dein Landgrafen 
Karl ist die Nachwelt bis heute ein würdiges Denk 
mal schuldig geblieben. Das dürftige Standbild 
am Karlsplatz, welches man aus einer staubigeil 
Nische herausgezogen und welches niemals an 
öffentlicher Stelle hätte ausgestellt werden dürfen, 
ist des herrlichen Mannes nicht werth. An günstigen 
Plätzen für die Ausstellung von Monumenten fehlt 
es bei uns nicht, aber der allergünstigste, für einen 
Bildhauer wie geschaffen, der am Rondel vor dem
	        

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