Full text: Hessenland (15.1901)

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Alltägliches und Widriges vorgesetzt bekommt, 
doppelt unberechtigt. Gewiß, poetisch ist alles, 
was man poetisch ansieht. Der Himmel spiegelt 
sich in einer Mistpfütze ebenso wie in einem 
Schloßteich; nur daß es eben der Himmel sein 
muß, der sich spiegelt. Und dann liegt doch wohl 
ans der Hand, daß gewisse Gegenstände, die wir 
darum vorzugsweise poetisch nennen, sich leichter 
einer dichterischen Anschauung darbieten als andere, 
die wir zunächst prosaisch finden (bis ein Genie 
auftritt und uns auch hierin die Poesie fühlen 
läßt), und daß wir Dem nicht böse zu sein brauchen, 
der uns Dinge vorführt, in denen schon von vorn 
herein etwas Poetisches liegt. Und das ist bei 
Hermann Grimm's Novellen der Fall. Sie spielen 
durchgehends in Aristokraten- und Künstlerkreisen, 
einer Welt, in der eben der Dichter heimisch war. 
Die „Novellen" sind zwar vor wenigen Jahren 
noch in dritter Auflage erschienen, haben aber 
trotzdem, wie es.scheint, weder die Verbreitung 
gefunden noch auch die Würdigung, die ihnen 
meiner Meinung nach unbedingt gebührt. Es 
sind ihrer fünf (von Gedichten in gebundener 
Form begleitet), und zwei davon, „Das Kind" 
und „Der Landschaftsmaler", gehören unstreitig 
zu den schönsten Erzählungen der gesammten 
Literatur. Die Erfindung ist einfach, aber tief, 
die Charakteristik zart, die Sprache edel. Höchste 
Feinheit ist die Eigenschaft aller dieser Novellen. 
Eine wahrhaft klassische Harmonie der Komposition, 
der Gesinnung im Allgemeinen wie der Anschauung 
im Einzelnen, macht sie zu vollendeten Kunstwerken. 
Man läßt sich von diesen weichgefügten Satzgebilden 
forttragen wie von sanftathmenden Wellen. In 
leichtem Dust fahrt man zwischen lieblich schwellen 
den Ufern dahin. Der Ausblick in eine mild 
schimmernde, sehnsuchtsvolle Ferne erhöht die 
Empfindung, und bisweilen ist es, als ob die 
leisbewegte Luft, die uns umspielt, in Seufzern 
hauchte. Ueberhaupt ist alles mehr Stimmung 
als Handlung, und die Musik des Ganzen bleibt 
mehr nur ein Aeolsharfenklang als eine klar 
tönende Melodie. 
Wenn das „Kind", eine in allen Theilen eben 
mäßig angelegte und ausgeführte Novelle, die 
Krone der Sammlung genannt werden muß, so 
zieht der „Landschaftsmaler", mehr romanhaft 
behandelt und auch zu einem leider niemals ge 
schriebenen Roman bestimmt, durch köstliche Einzel 
heiten, namentlich auch der Naturschilderungen, 
immer wieder besonders an. Auch ist diese Er 
zählung den eigensten Erlebnissen des Dichters 
entnommen, obwohl in Wirklichkeit nicht er der 
Entsagende war, sondern der heute noch lebende, 
sehr berühmte Niolinvirtuos. 
Zu der ersten Novelle „Die Sängerin", die so 
geschickt den französischen Memoirenton des 18. 
Jahrhunderts anschlägt, daß Gutzkow, der die 
Erzählung in einer Zeitschrift veröffentlichte, sich 
zu der Erklärung veranlaßt sah, die Geschichte 
sei nicht übersetzt, sondern eine Originalarbeit, 
hat offenbar die Gespenstergeschichte von dem 
Liebhaber der Schauspielerin Clairon (die auch 
Goethe in den „Unterhaltungen deutscher Aus 
gewanderten" benutzte) die Idee geliefert. 
Die „Zehn Essays zur Einführung in das 
Studium der modernen Kunst" sind wirklich das, 
was sie anzeigen, und nebenbei noch viel mehr. 
Ich könnte mir kein Buch denken, das geeigneter 
wäre, einem empfänglichen Menschen die Freude 
und das Verständniß gegenüber den schönsten 
Werken der bildenden Kunst zu wecken und zu 
pflegen. Das Ganze ist nichts weniger als ein 
Lehrbuch. Es ist vielmehr wie ein gelegentlicher 
Spaziergang durch das ideale Museum einiger 
der größten Künstler, wobei uns der geistreiche 
Cicerone immer zur Seite bleibt und es doch so 
einzurichten weiß, daß wir alles wie von selber 
zu finden glauben. Und doch sind wir gespannt 
aus jedes neue Wort von ihm. Eine ungeheuere 
Fülle von Gedanken und Bildern entzückt und 
bereichert Jeden, der das Buch zur Hand nimmt; 
Gedanken, die sowohl die künstlerische wie die ge 
schichtliche Betrachtung anregen und nicht selten 
in eine poetisch höchst schwungvolle Sprache ge 
kleidet sind. Aeußerlich haben die einzelnen 
Essays keinen anderen Zusammenhang als den der 
chronologischen Ordnung, d. h. der Chronologie 
des Gegenstandes. Nur wenige, aber gewaltige 
Stationen sind es, die man aus dieser Reise um 
die Welt der Kunst näher berührt. Von der 
Venns von Milo aus, die nur gleichsam als 
Schmuck des Treppenhauses am Eingang steht, 
wandert man zu Michelangelo, zu Rafael, Dürer, 
Carstens, Cornelius und Schinkel. Gerade also 
auch die deutsche Kunst findet in ihren größten 
Meistern eine hauptsächliche Vertretung. Grimm, 
als geborener Essayist, hat ja den größten Theil 
seines Jdeenkapitals in der kleinen, aber gefälligen 
Münze des Essays ausgegeben, allein in keiner 
seiner zahlreichen Sammlungen dieser Art eine 
solche Masse Material von zugleich so einheit 
licher Prägung niedergelegt wie hier. Auch wird 
das Buch durch den selbst äußerlichen Zusammen 
hang der einzelnen Aussätze zu einem Werke, das 
mehr bietet als eben nur eine' zufällige An 
einanderfügung von Skizzen. Der schönste dieser 
Essays, der über „Rafael und Michelangelo", ist 
nebst dem über die Venus von Milo bereits in 
seiner ersten derartigen Sammlung erschienen,
	        

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