Full text: Hessenland (15.1901)

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In Hermann Griinin's Gedächtniß. 
D ie Fälle sind selten in der Geschichte und zumal 
in der Kunstgeschichte, daß ein großer Vater 
einen großen Sohn hinterläßt. Darwin's Hypo 
these einer natürlichen oder künstlichen Zuchtwahl 
reicht im Gebiet des Geistigen nicht aus. Wir 
haben wohl ganze Familien von Künstlern, wie 
die Bach und die Tischbein, und namentlich viel 
bedeutende Brüderpaare, und zwar wir Deutschen 
gerade in neuerer Zeit, wie die Jacobi, die 
Stolberg, die Humboldt, die Schlegel, Collin und 
Contessa, aber wo es sich um die geistige Erb 
schaft zwischen Vater und Sohn handelt, versagt, 
oft sogar in Künstlerfamilien selber, das Ingenium. 
Wenn man die Gedichte von Goethe's Sohn 
August liest, kann man es schon kaum für mög 
lich halten, daß solche Gedichte gemacht werden 
können, noch viel weniger aber für möglich, daß 
sie vom Sohne Goethe's herrühren sollen. Und 
von einem der beiden Söhne des großen Mozart 
braucht man nur die bitterwitzige Grabschrift 
Grillparzer's zu kennen: „Die Welt hat ihn 
vernachlässigt wie seinen Vater, obwohl sie ihm 
nur Vorzüge und keine Größe zu verzeihen hatte", 
um zu wissen, daß auch hier der Sohn nur der 
Sohn des Menschen, aber nicht der Sohn des 
Genius war. 
Unter die Ausnahmen, die bekanntlich die Regel 
bestätigen, gehört die Erscheinung Hermann 
Grimm's, des großen Kunsthistorikers und be 
deutenden Dichters, des. großen Sprachforschers 
und gleichfalls dichterisch hervorragend beanlagten 
Wilhelm Grimm ältesten Sohnes, dessen Tod 
kürzlich die Welt um einen der Wenigen beraubt 
hat, die in den Traditionen unserer Klassiker 
wahrhaft leben und etwas mehr darin sehen als 
den Gegenstand nun einmal verlangter Schul 
kenntnisse und hübsch aussehender Bücherrücken 
im Salon. Zwar die Gleichheit der Begabung 
ist hier nicht das tertiuni comparationis, aber 
die Größe ist es. Denn groß in seiner Art 
darf man mit Fug und Recht sowohl den Vater 
wie den Sohn nennen. An rein genialen Fähig 
keiten ist Hermann Grimm wohl sogar der 
Ueberlegene gewesen, während dafür Wilhelm in 
strenger Gelehrsamkeit und — im höchsten Sinn 
des Wortes — sittlicher Größe, in vollendeter 
Einfachheit und Würde, vielleicht wieder den 
Sohn übertraf. Ich wage dies hier anszusprechen, 
ohne Mißverständnisse zu fürchten. Jeder, der 
Hermann Grimm gekannt hat, muß wissen, daß 
er eine durchaus vornehme Natur war. Wenn 
ich nun aber auch, wie ich hier dankbar an 
erkennen darf, zu den gewiß Vielen gehöre, die 
auch persönlich von dem Verstorbenen gar mancherlei 
Freundliches erfahren haben, so bin ich mir doch 
andererseits bewußt, daß, wo es sich darum 
handelt, sich über das Wesen eines ausgezeichneten 
Mannes möglichst objektiv klar zu werden, nichts 
verkehrter wäre als die Befolgung des ohnehin 
falschen Sprüchwortes: „Do mortui« nil nisi 
bene“, dessen konsequente Anwendung aus der 
ganzen Weltgeschichte nur ein großes, lügenhaftes 
elogium machen würde. 
Hermann Grimm schlechthin als einen Ge 
lehrten zu bezeichnen, will mir nicht richtig 
scheinen. Sicherlich besaß er eine Fülle des 
Wissens, die man Gelehrsamkeit nennen konnte, 
auch hat er für die Wissenschaft im engeren 
Sinn Verdienstvolles genug geleistet, aber einer 
seits war sein gelehrtes Wissen doch immer mehr 
vielseitig, als groß, und dann ist das alles bei 
weitem nicht das Charakteristische an ihm. 
Er war vorwiegend Künstler, eine durch 
und durch plastische Natur. Abstraktes, philo 
sophisches Denken widerstrebte seinem Wesen, wie 
er mir selbst einmal gesagt hat, gänzlich. Was 
er dachte, verwandelte sich ihm in ein Bild. 
Alles war Anschauung bei ihm, treffende, schöne, 
poetische, originelle. Sein Geist war wie eine 
Interna rnagioa. Fortwährend schob ihm seine 
Phantasie neue Bilder vor, und was er je er 
fahren hatte, reflektirte ihm sein Gedächtniß in 
vergrößerten und verschönerten Formen auf den 
nüchternen Untergrund der Wirklichkeit. Man 
wird kaum einen deutschen Schriftsteller anführen 
können, der so reich an vorzüglichen Gleichnissen 
wäre wie Hermann Grimm. Seine Werke finb 
wie die schönsten Bilderbücher. Aus jeder Seite 
liest man nicht sowohl als sieht man irgend 
Etwas. Und diese Fülle von Bildern quillt so
	        

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