Full text: Hessenland (15.1901)

JSs 14 
XV. Jahrgang. Kassel, 16. Juli 1901. 
Vor Cagesanbrucb.^ 
(Berichtigte Fassung.) 
Stille — feierliche Stille . . . 
Feine Geisterhände weben 
Breite graue, kühle Schleier 
Weithin über alles Leben. 
Wie die Mutter vor dem ersten Licht 
Schützt des Rindes schlummernd Angesicht. 
Dämm'rung hält die zarten Schleier, 
Wehret leis dem Windesrauschen: 
„Laß der Bäume hohe Wipfel 
Still noch ihren Träumen lauschen! 
Jungen Zweigen gönn' die kurze Rast, 
Ruh' und Frieden stnrmgewohntem Ast!" 
Stille — feierliche Stille, 
Blasse Sterne müde winken 
Roch ein letztes Abschiedsgrüßen, 
wo die Schleier lautlos sinken. 
Ron dem Walde über Felder weht 
Leises Raunen wie ein fromm Gebet. 
Leuchtend glüht die Morgenröthe 
Plötzlich über allem Schweigen, 
Frischer wind rauscht durch die Bäume, 
Daß sie ihre Rronen neigen — — 
Und der Sonne sieggewohnte Pracht 
Funkelt in den Thränen dunkler Nacht. 
Fron hausen. zermnette Branier. 
*) Durch ein unliebsames versehen der Druckerei ist das Gedicht 
in voriger Nummer in sinnentstellender weise zunt Abdruck gelangt 
und erscheint hier, in berichtigter Fassung. D. Red. 
Iirinernachi. 
Leise rauschen die Sekunden, 
Leise, — wie die Mücke ihre Flügel regt. 
— Was 6äst und Unruhe in sich trägt, 
Ist nun durch Schlaf gebunden. — 
Gelöst die Glieder, gelöst der Zwang; 
Manch' ksirn, das bittre Sorge durchdrang, 
pat seine Ruhe gefunden. 
Lautlos zieh'n die dunkeln Schwingen, 
Lautlos — wie der Athem dieser Mitternacht. 
Sie wollen dorthin, wo man einsam wacht, 
Die Schlummerkissen bringen. 
Die sind weich wie Sammt, wie die Wellen lind, 
Die wiegen und schaukeln das müde Rind, 
Und süße Stimmen singen. 
Stille liegen — traumumflossen — 
Stille liegen Welten in Vergessenheit. 
Denn Müh' und Arbeit, Schuld wie Leid 
Sind mit dem Mohnsast übergössen. 
Doch leise, stille und lautlos fragt 
Ein Etwas in mir, das mich verklagt, — 
Und die Friedensthür scheint verschlossen? 
Rein I — Lausche, was die dunkeln Stunden sagen, 
Und merke sein, was dir die Stille spricht: 
Des großen Gottes weltenlicht — 
Das müssen selbst die Finsternisse tragen. 
Und Licht — ist wärme, Bewegung, Rraft, 
Die den neuen Tag bald jubeld erschafft, 
Auch dir wird er tagen! 
Aiel. m. »el)N.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.