Full text: Hessenland (15.1901)

177 
„Des Lebens Unverstand mit Wehmut!) zu genießen 
Ist Tilgend und Begriff, 
Geduld lind Wachsamkeit und Schwermut!) im Entzücken 
Verdiente mehr, denn Mensch zu sein —" 
nicht von Thümmel, sondern von dem Herzoglichen 
Hofbnchbinder Johann Engelhardt Voigts in 
Braunschweig, welcher gegen Ende des 18. und 
Anfang des 10. Jahrhunderts lebte. In den 
„Neuen Monatsheften für Dichtkunst und Kritik", 
herausgegeben von Oskar Blnmenthal 1876, IV. 6. 
Seite 584, theilt N. Ottv-Braunschweig einige 
weitere Proben der Vvigts'schen Ausdrucksweise mit, 
von welchen der Schluß einer Geschnstsempsehlung 
betreffs Cartvnnagen-Arbeiten, der wie folgt lautet, 
wiedergegeben sei: „Vergnügt und hoffnungsvoll 
bahne ich den Weg und versichere zu aller Er 
munterung durch mannichsaltige Neuheiten unter 
guten Arbeiten den besten Willen, um das an 
genehmste Zutrauen 311 aller Zufriedenheit zn ge 
winnen, wobei ich mich bestens empfehle." — Ist 
es dem Freiherrn von Thümmel auch leider versagt 
geblieben, sich dadurch unsterblich zu machen, daß 
er des Lebens Unverstand mit Wehmuth zn ge 
nießen, für Tugend und Begriff erklärte, so wird 
sein Name doch noch für Generationen unvergeßlich 
sein, da er es war, der den berühmten „Schatten 
kühler Denkungsart" erfand und schrieb: 
„Im Schatten kühler Denkungsart, 
Wo Frohsinn sich mit Linden paart 
Wo iil bethürmlcn Mitternächten 
Der Menschheit nie gekräuktcll Rechten 
Ein unbekannter Heros staunt", u. s. w. 
Der „Schatten kühler Denkungsart" ist ThümmeUs 
unbestrittenes Eigenthum und deshalb wird uns 
der originelle kurfürstliche Oberhosmeister besonders 
werth bleiben, denn wer möchte nicht gern da 
weilen, wo „Frohsinn sich mit Linden paart". 
W. ZZennecke. 
-»-<4- 
Zwm Kasseler Kostheater. 
11. 
Meinen vorigen Bericht über das Kasseler 
Theater lnußte ich gerade alt dein Tage abbrechen, 
an dem das Werk zweier heimischen Künstler seine 
erste Ausführung erleben sollte, die durch Krank 
heit und Unpäßlichkeit der verschiedenen Darsteller 
immer wieder hinausgeschoben war. Es handelt 
sich nnl die Oper „Wolfram's Meisterwerk", zn 
welcher der den Lesern bekannte Wilhelm 
Bennccke die Dichtung und Robert Jbener 
die Musik geliefert hat. Inzwischen hat diese 
Premiüre nun endlich stattgefunden und die Oper 
errang einen freundlichen Erfolg, der durch die 
zarte Poesie uild die warme Empfindung, die so 
wohl ihren Worten wie ihren Melodien inne- 
wohncn, wohl verdient war; doch um dem Werk 
allgemeine Verbreitung und Unvergänglichkeit zu 
verschaffen, fehlt ihm etwas, — nämlich das 
Packende und Hinreißende, und so wird der Erfolg 
über einen örtlichell und vorübergehenden nicht 
hinauswachsen. 
Eine Freude erlebten die Kasseler Musikfreunde 
durch die Veranstaltungen eines Mvzartzyklns, der 
in der Zeit vom 21. Mai bis 2. Juni je eine 
Ausführung der Opern „Die Entführung ans dem 
Serail", „Figarv's Hochzeit", „Don Juan", 
„Cosi Inn tutte“ und „Die Znnberflöte" brachte. 
Sämmtliche Ausführungen waren ans das Sorg 
fältigste vorbereitet und übten in ihrer Vollendung 
eine große Wirkung ans. Schon einmal im 
Jahre' 1877 hat unser Theater einen Mvzart- 
zyklns veranstaltet, der auch noch die Opern 
(Nachdruck verboten.) 
„Jdomenens" und „Titus" enthielt und einen 
Prolog mit allegorischem Tableau. Das Weglassen 
der beiden genannten Opern wurde von Kritik 
und Publikum gut geheißen, da sie sich nicht ans 
der Höhe der aufgeführten Meisterwerke halten, 
und die Vorliebe für Prologe, die gewöhnlich 
niemanden etwas sagen, was er nicht schon wüßte, 
und für allegorische Tableaus, die nur sehr selten 
einen würdigen Eindruck machen, ist erfreulicher 
weise in den letzten Jahren derart geschwunden, 
daß erstklassige Knnstinstitute sie ihrem Publikum 
nicht mehr vorsetzen, indem man es dem Gebotenen, 
als echtem Kunstwerk, überläßt, für sich selbst zn 
sprechen. 
Nachdem das Hoftheater schon seit einer Reihe 
von Jahren auch eine Anzahl von besseren Operetten, 
wie „Don Cesar", „Der Obersteiger", „Die 
Fledermaus" u. a. zur Ausführung gebracht hat, 
fügte es der Zahl derselben den Stranß'schen 
„Zigeunerbaron" ein, der seine große Wirkung 
bei unseren trefflichen Opernkräftcn auf's Glänzendste 
entfaltete. Besondere Verdienste um die Dar 
stellung des lustigen und melodiösen Werkes haben 
die Damen Knorr-Jungk und Porst sowie 
die Herren Kietzmann, Schmasow n. a. sich 
erworben. 
Einen glänzenden Abschluß der Spielzeit be 
reitete sich und dem Publikum das Theater durch 
die Erstausführung von Wagner's gewaltiger 
Schöpfung „Tristan, und Isolde", die in jeder 
Beziehung einwandfrei am 16. Juni stattfand. 
Besondere Hervorhebung verdienen Herr Welt-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.