Full text: Hessenland (15.1901)

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die Kälte behängte man die Wände der Jnnen- 
räume mit Teppichen, und wo an deren Stelle 
Gemälde traten, gaben sich diese eben als Stell 
vertreter , als Ersatz der kostbareren Teppiche, deren 
Nachahmung nun auch die ganze künstlerische Be 
schränktheit sür die Wandgemälde mit sich brachte. 
Nur sobald es, wie z. B. im Braunschweiger Dom, 
galt, auch Kreuzgewölbe mit ihrer scharfen Diagonal- 
eintheilung und ihren Schildbogen zu bemalen, 
konnte der Maler nicht umhin, von, der streifen 
artigen Teppichanordnung abzusehen und sich aus 
eigne Füße zu stellen. Aber es ist sür die all 
gemeine Abhängigkeit der Wandgemälde von den 
Wandteppichen außerordentliche bezeichnend, daß 
beim Hessenhos das einheitliche Tonnengewölbe 
keinerlei Abweichung vom Teppichschema veranlaßt. 
Und hier kommt noch als weiteres Merkmal solcher 
Abhängigkeit in Betracht, daß die Verwendung 
weniger Farben ans weißem Grund, wie Weber 
überzeugend ausführt, geradezu auf eine besondere 
Art von Leinwandteppichen zurückgeht, bei denen 
nämlich nicht die ganze Fläche, sondern aus 
schließlich der figürliche und ornamentale Theil, 
und auch dieser vielfach nur in den Umrissen, be 
stickt wird, der Grund dagegen bis auf verstreute 
Sterne u. s. w. sreibleibt. Indessen wird man 
nicht annehmen dürfen, daß die Darstellungen 
selbst etwa genaue Wiederholungen eines bestimmten 
Teppichs seien. Ob wir jedoch in der getreuen 
Darstellung der zeitgenössischen Trachten und Waffen, 
in der scharfen Erfassung des Psychologischen, das 
sowohl in den Gesichtszügen, wie namentlich in 
den damals üblichen Haudbewegungen zum Aus 
druck kommt, in der wiederholt zu beobachtenden 
Selbständigkeit der bildlichen Darstellung gegenüber 
der dichterischen Vorlage und namentlich in der 
völlig neu erfundenen Darstellung des eben erst 
verbreiteten Nomans von Jwein mit dem Löwen, 
eigenartige Vorzüge der deutschen Wandmalerei 
zu erkennen haben, oder ob hier nur eine Nach 
ahmung der französischen Kunst vorliegt, der ja 
die Artusromane früher bekannt waren, steht dahin. 
Man wird aber auch auf Grund von Bilder 
handschriften des Tristan und Parzival sich vor 
stellen dürfen, daß es nur am Zufall liegt, wenn 
wir nicht auch solche von Jwein besitzen. Jeden 
falls geben uns die zeitlich und auch stilistisch 
verwandten Miniaturen der genannten Handschriften 
im Zusammenhang mit der Tracht der Figuren 
die Möglichkeit, die Wandgemälde des Hessenhoses 
in die erste Hälfte oder die Mitte des 13. Jahr 
hunderts zu setzen und sie damit als das 
älteste Denkmal der für Wohngebäude thätigen 
weltlichen Wandmalerei in Deutschland zu be 
trachten. 
Daß Darstellungen aus dem Gebiet der Artus- 
romane aber noch längere Zeit beliebt waren und 
daß sie selbst in die Nonnenklöster Aufnahme 
fanden, beweist nicht allein der Tristanteppich des 
Klosters Wienhausen bei Celle, sondern der um 
mehrere Jahrzehnte jüngere Parzivalteppich des 
Kreuzklosters in Braunschweig, der sich jetzt im 
Besitz des dortigen Herzoglichen Museums be 
findet und in sechs Streifen das Liebeswerben 
Galvanos um Orgeluse darstellt, und daß auch 
andere epische Stosse weltlichen Charakters damals 
sür Darstellungen ans Teppichen verwendet wurden, 
zeigen Bruchstücke eines Teppichs aus der Jodoci- 
kapelle in Braunschweig (jetzt im Städtischen Museum 
dort), aus denen Szenen aus dem Leben Herzog 
Ernst's von Schwaben erkannt worden sind. Und 
es scheint mir besonders bemerkenswerth zu sein, 
daß beide Teppiche, die Weber übrigens nicht 
bekannt sind, die aber nächstens veröffentlicht werden 
sollen, auf den Trennungsstreifen der Darstellungs 
reihen eine kurze Inhaltsangabe der Szene in 
niedersächsischer Sprache zeigen, die wohl auf das 
damalige Vorhandensein und die Verbreitung von 
volksthümlichen Sagenbüchern in Niedersachsen den 
Schluß gestatten. 
Weber stellt es als fraglich hin, ob sich die 
Erhaltung der, in jeder Beziehung so werthvollen 
Wandgemälde des Hessenhoss aus die Dauer er 
möglichen läßt. Da ist es wenigstens mit Freuden 
zu begrüßen, daß ganz genaue Pausen der Bilder, 
unter sorgfältiger Aussicht des genannten Gelehrten 
und zum Theil ans Kosten des Kreises angefertigt 
und im Hennebergffchen Museum auf der Wilhelms- 
burg in Schmalkalden ansgestellt worden sind, so- 
daß die kunstgeschichtlich wichtigen Gemälde sür 
die Wissenschaft wenigstens nicht ganz verloren sein 
werden. Und die Wissenschaft weiß Paul Weber 
nicht allein für die völlige Aufdeckung und Ab 
zeichnung der Bilder, sondern auch dafür auf 
richtigen Dank, daß er ihre hohe knnstgeschichtliche 
Bedeutung in musterhafter und erschöpfender Weise 
dargelegt hat. Hoffentlich erblickt die von Weber 
in Aussicht gestellte zusammenfassende Bearbeitung 
der Prosankunst des 13. Jahrhunderts bald das 
Licht der Welt.
	        

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