Full text: Hessenland (15.1901)

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Lieblichkeit die Herzen der Freunde deutscher Dichtung 
erfreuen. Ihnen Beiden hat der Herausgeber des 
Dichterbuchs einen warmen Nachruf gewidmet und 
Georg Schwiening hat Ludwig Mohr eine 
feierliche Nänie nachgesungen. 
Eingeleitet wird das Dichterbuch durch ein tief 
empfundenes Gedicht an das Hesfenland von Karl 
Altmüller, beschlossen in ebenso würdiger Weise 
durch ein Gedicht Valentin Traudt's, des 
Begründers des Dichterbuchs, der zugleich zu den 
hervorragenderen Beiträgern gehört. Zwar liegt 
eine tiefe Trauer in seinen Liedern, aber es ist 
wahre Poesie nach Form und Inhalt, und man 
merkt es einem Liede wie „Um die Lindenblüthe" 
an, daß Traudt die einfache Herzlichkeit des Volks 
lieds mit der Bilderpracht des Kunstliedes zu ver 
einigen weiß. 
Wie soll man nun den reichen Stoff des Dichter 
buchs gruppiren? 'Der Herausgeber führt seine 
Schaar von Dichtern und Dichterinnen in chrono 
logischer Reihenfolge an uns vorüber und versteht 
es ausgezeichnet, von der Mehrzahl derselben sich 
die Zugehörigkeit zum Hessenland durch irgend ein 
Lied verbriefen zu lassen, ohne damit ermüdend zu 
wirken. So schlingt sich um alle ein gemeinsames 
Band. Eine auffallende Erscheinung verleiht über 
dies dem ganzen Buche den wohlthuenden Charakter 
der Einheitlichkeit. Wenn man sich nämlich die 
Frage stellt, in wessen Art die Dichtungen der 
Sammlung gehalten sind, in der Art Goethes 
oder in derjenigen Schillers, als der Dichter, die 
man immer noch und aus lange Zeit hinaus noch 
als die beiden Pole unserer poetischen Sphäre an 
sehen wird, so fällt sofort in die Augen, daß die 
Mehrzahl der Beitragenden in den Bahnen Goethe's 
und von den kräftigeren Naturen nur Hans Alt 
müller in den Spuren Schillers wandelt. Daneben, 
stehen auch einige recht ausgeprägte Realisten, die in 
dessen den Fehler moderner Einseitigkeit glücklich 
vermeiden. Zu ihnen gehören die vier jüngsten 
Beiträger, zum Theil noch gegenwärtig Musensöhne 
der Marburger Hochschule: Schoos, Doerbecker, 
Plannet und Henri du Fais. Alle vier 
formgewandte, temperamentvolle und echte Poeten, 
besitzen sie jeder eine besondere Eigenart, indem 
man in Doerbecker unschwer den epigrammatisch 
angelegten Dichter erkennt. Plannet eine herz 
gewinnende Hingabe an das Erlebte, Henri du Fais 
originelle Gegenüberstellung des Jchszum künstlerischen 
Objekte und Schoos eine an Gustav Falke erinnernde 
Darstellungsgabe beseelter Anschauung offenbart. 
Besondere Gruppen bilden ferner die Dialekt 
dichter und die Erzähler. Zu der letzteren gehören 
Gustav Adolf Müller, L. Gies, Sophie 
Junghans, M. v. Eschen, Henriette Keller- 
Jordan und Sascha Elsa. Ernste Stimmung 
liegt über der Skizze Gustav Adolf Müller's „Das 
Glück", deren tragischer Inhalt das Geschick eines 
Armen ist, dem sich das Glück als eisige Todesfee 
naht, um ihn von seinen Qualen zu erlösen. 
L. Gies fesselt den Leser durch die Erzählung 
„Schwester Rafaele", in welcher der Tod eines 
Hauptmanns geschildert wird, der in Gegenwart 
der ihn pflegenden Schwester Rafaele stirbt, indessen 
sein junges oberflächliches Weib im Theater Zer 
streuung sucht. Sophie Junghans ist mit der 
trefflichen Novelle „Aus dem Chor" vertreten, 
deren Titel gewiß nicht ahnen läßt, daß sie das 
Liebesglück einer 15 — 17jährigen, linkischen Choristin 
erzählt, die sich ein spanischer Meistersänger des 
Don Juan zum Weibe erkiest, weil er in ihr die 
höchste Anerkennung seiner Kunst gesunden — die 
nämlich, daß sie einst von seinem Gesänge bezaubert 
ohnmächtig niedersank. M. von Eschen bietet ein 
Dichter-Märchen dar, das schwere, aber himmlische 
Loos einer Dichternatur darstellend; voll Wahrheit 
der Erfindung, nur weniger ein Märchen als ein 
Novellenbruchstück. Henriette Keller-Jordan erzählt 
in der lebenswahren Skizze „Im Gerichtssaal" 
eine ähnliche Szene, wie sie Tolstoi in seinem 
Romane „Auferstehung" geschaffen hat. Sascha 
Elsa's Märchen „Das Glück der Menschheit" ist 
fast mehr eine Satire als ein Märchen: Ein 
Gelehrter schreibt an einem Buche „Das Glück der 
Menschheit". Da kommt der Genius des Glückes 
und nähert sich dem Grübler fragend, ob er ihn kenne. 
Der Gelehrte verneint die Frage und — schreibt 
weiter an seinem Buche „Das Glück der Menschheit". 
Daß der Herausgeber der Dialektdichtuug einen 
freien Spielraum gelassen hat, ist rühmend an 
zuerkennen, denn wenn in irgend einem Zweige 
der Poesie gesundes Leben herrscht, wenn man 
irgendwo lernen kann, wie ein gesunder Realismus 
und romantische Phantasie zu vereinigen sind, so 
ist das in der Dialektdichtung der Fall. Voll 
köstlichen Humors sind die Gedichte von Kurt 
Nutzn und Heinrich Kranz, und überzeugend 
belehrt uns Fritz Pfingsten durch sein Gedicht 
„Am Miere", daß dem Dialekt auch die Töne 
ernster Schwermuth nicht versagt sind. Den Glanz 
punkt bildet wohl Heinrich Naumann^s Gedicht 
„Noach ewer R Eiseboh"; das Erstaunen der Dörfler 
ist noch größer über die unbegreifliche Einrichtung 
eines Fahrrads als über die einer Eisenbahn. 
Naumann ist zugleich der bedeutendste Vertreter 
der dem Volksthümlichen zugewandten Beiträger 
des Dichterbuchs. Sein ergreifendes Gedicht „Leichen 
parade" erinnert an Mosen's „Andreas Hofer". 
Zu dieser Gruppe rechnen wir auch den gemüth- 
vollen Adam Trabert, dessen „Menschenherz"
	        

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