Full text: Hessenland (15.1901)

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und die Luft von beständigem Wohlgeruch erfüllt; 
durch die Citronenhaine von Nizza bis Genua, durch 
den Kastanienwald von Ruta, wo die steinige 
Salita di San Lorenzo niedergeht und die Aloe 
aus der Blauer wächst; längs der sonnigen (Münde, 
wo die Gärten von Rosen schimmern und die 
prangenden Wiesen von Anemonen, unter den hohen, 
schwärzlich grünen Pinien und hellbefiederten Oel- 
bäumen zwischen Chiavari und Sestri, „Intra 
Siestri e Chiaveri“, wo der schöne Fluß sich herab 
stürzt, nach welchen die Grafen Fieschi Lavagna 
sich nannten und den Dante besungen hat; an den 
Marmorbrüchen von Carrara vorbei, bis 'nördlich 
der Golf von La Spezia sich öffnet, mit dem Hinter 
gründe des dunklen Apennin, dessen ferne Höhen 
noch im Frühling von Schnee glänzen. Man reiste 
langsam damals, in soviel Tagen, als man gegen 
wärtig Stunden braucht — aber wie viel köstlicher 
war es! Da saßen die Herzöge von Parma und 
Modena und der Großherzog von Toskana noch 
in ihren unvergleichlichen Residenzen. Der Kirchen 
staat, in meinem Atlas mit Karmoisin gerändert 
und betrottelt wie der Hut eines Kardinals, schob 
sich breit in die Mitte von Italien und zerriß es 
in zwei Hälften, oben diese österreichischen Depen- 
denzen, unten das trotzig dahingelagerte Königreich 
beider Sizilien und weit weg gen Norden, unter den 
Alpen, in Turin, das Haus Savoyen. Wie weit 
in der Zeiten Ferne noch der Tag, der 20. September, 
wo ich, zuerst in Genua, den Jubel eines freien 
Volkes vernehmen sollte, die nationalen Farben 
wehend und flatternd in den engsten Gäßchen und 
verstecktesten Winkeln, mit Blumen und Bannern 
und Glockengeläut den ganzen Tag und Fackeln 
und Musik und Freudengeschrei die ganze Nacht, 
und noch Wochen nachher, in den einsamen Küsten 
dörfern, grüne , weiße, rothe Maueranschläge, vom 
Regen verwaschen, aber immer noch deutlich, wie 
in unzerstörbaren Lettern, die Worte zeigend: „Roma 
Italiana — Roma Capitale Intangibile “. 
Ja, ja — die Politik und Eisenbahn im 
Bunde haben das Ansehen der Welt verändert seit 
den Tagen meines Schulatlasses. Aber nichts kann 
ein treueres Bild der Vergangenheit, dessen, was 
nun zum Schatten geworden ist, mir geben, als er. 
Frankreich war noch — ich weiß nicht, in wie 
viele Provinzen abgetheilt, sämmtlich, jede von 
ihnen,'mit einer anderen Farbe kolorirt. Der Atlas 
sah bunter aus zu jener Zeit und das Leben war 
mannigfaltiger. Denn die Konzentrationspolitik 
und die Eisenbahn nivelliren. In England, dem 
Lande der Eisenbahnen, gab es schon Schienenwege, 
selbstverständlich; aber man konnte sie zählen, und 
gar erst Deutschland! Aber existirte denn damals 
ein Deutschland? Wollte man heute einem jungen 
Manne dieses Blatt aus meinem Atlas zeigen, ich 
zweiste, daß er es erkennen würde. Sv viele Grenzen 
sind seitdem verwischt und so viele Farben ver 
schwunden. Hier über das Weiß von Elsaß und 
Lothringen zieht sich noch kräftig der Name „Frank 
reich" hin, und dort tragen Holstein und Schleswig 
die dänischen Zeichen. Eingeklemmt zwischen Nord 
ost und Südwest liegen die acht preußischen Pro 
vinzen, und die kleinen Staaten dazwischen ziehen 
einen dicken Strich mitten hindurch, gerade wie 
weiland der Kirchenstaat im ehemaligen Italien. 
Im hellsten Saffrangelb schimmert noch das 
Königreich Hannover und im zartesten Maiengrün 
das Kursürstenthum Hessen — mein liebes, heimath 
liches Hessen. Wenn der Blick auf diesem Blatte 
ruht, so findet er alles, wie es damals gewesen, 
die Berge, die Flüsse — sie, die einzigen, die nicht 
anders werden, — die Dörfer, die Städte, — diese 
da, so recht im Schoße der lieblichen Landschaft, 
hoch über dem Ufer der murmelnden Lahn, mein 
altes Marburg, mit seiner unregelmäßigen Häuser 
masse den Hügel hinanziehend, das Haupt gekrönt 
mit dem Schlosse Philipp's des Großmüthigen, der 
Schauplatz von Luthers Religionsgespräch und Syl 
vester Jordan's Gefangenschaft, zu seinen Füßen 
der herrliche Dom mit den gothischen Thürmen über 
dem Grabe der heiligen Elisabeth, ihre fromme 
Legende zu Stein geworden unter den gläubigen 
Händen des Mittelalters — ein poetisches, ein an 
heimelndes Nest damals, dieses Marburg mit seinen 
Giebeldächern und engen, kurzen Gäßchen, mit 
seinen vielen Kneipen und wenigen Studenten, 
zweihundert an der Zahl, die sich alle von den 
Schulen her kannten, liebten, duzten und, wenn's 
sein mußte, mit blanken Waffen auf der Mensur 
blutig schlugen. Und diese Stadt ist Kassel, — 
nicht das mit den neuen Straßen und modernen 
Gebäuden, einförmig, eintönig, wie irgend eine 
von den anderen Städten Deutschlands, — nein, 
es trug noch den Charakterzug der alten Hessen, 
der blinden Hessen, die fest an ihrer Art hielten 
in Glimpf und Schimpf, in guten und in bösen 
Tagen; und in diesem Schlosse wohnte der letzte 
Kurfürst, kein Großmüthiger, wie sein erlauchter 
Ahn, aber ein Unglücklicher, der in der Fremde 
starb, zu dessen Grab wir Aelteren, wenn wir nach 
Kassel kommen, noch manchmal pilgern, und dessen An 
denken mit uns erlöschen wird. Und weit entlegen, 
durch Tagereisen und viele Schlagbäume, gelb-weiße 
und schwarz-weiße, von ihm getrennt, hier noch einmal 
ein Fleckchen Grün — ein Tüpfelchen, die kleine 
Grafschaft Schaumburg, acht Ouadratmeilen und 
35 000 Einwohner, fest am entfernten Mutterlande 
hängend und mit diesem zugleich von der Karte 
gestrichen. Aber noch stehen die Berge, deren
	        

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