Full text: Hessenland (15.1901)

160 
Wohl aber genirt es mich in diesen späteren 
Tagen ein wenig, der Freundschast des Marcus 
Tullius mich also berühmt zu haben. Denn ich 
sehe, daß der von mir über alles verehrte Geschicht 
schreiber Roms von diesem meinem Jugendbekannten 
nicht viel hält. Ah, wie wir entzückt waren, wenn 
er in der Mitte der Senatoren oder vor dem 
versammelten Volk aus dem Forum seine schönen 
Reden hielt; wie wir die letzte Säule der fallenden 
Republik in ihm erblickten, und wie das Herz uns 
erbebte, wenn er dem Catilina sein „Quousque 
tandem!“ entgegenschleuderte. Doch Mommsen 
sagt, daß er wohl der Schöpfer des klassischen 
Latein (wofür, in Klammern, alle Schulknaben ihn 
verwünschen) und der Redner der gerundeten Perioden, 
sonst aber ein Moralist ohne Moral und ein 
politischer Achselträger gewesen, und Mommsen, 
der beste Kenner Roms und der Römer, muß es 
wissen. Armer Cicero, wie sehr ist Dein Glanz 
verblichen! . . . 
Um so mehr hat es mich gefreut, an einem 
feierlichen Abend in der Akademie der Wissenschaften 
zu Berlin, in Gegenwart der größten Gelehrten 
unseres Jahrhunderts, unter denen auch der General- 
seldmarschall Graf Molkte sich befand, aus dem 
selben Munde das Lob Desjenigen zu vernehmen, 
zu dessen größerem Ruhm ich aus der Schule nicht 
wenig ausgestanden — nämlich meines geliebten 
Horaz, des Q. Horatius Flaccus. Das Buch seiner 
Lieder ist das zweite derer, die von der Schulbank 
her mich durch's Leben begleitet haben. Es ist nur 
ein winziges Büchlein, in Sedez und sehr abge 
griffen, „nocturna versate manu, versate diurna“ ; 
jedoch unter allen, die mein sind, möcht' ich es 
nicht missen. Treu, von jenem fernen Tage an, 
wo seiner Oden erste mich entzückte, hielt ich zu 
Horaz, und treu bis zu diesem, wo noch manchmal 
er mir die Stunde kürzt, bin ich ihm geblieben. 
Ich weiß wohl, daß er bei vielen meiner Lands 
leute nicht recht in Gunst und Ansehen ist, und am 
wenigsten war er es bei denen zu meiner Zeit und 
in meiner Schule, wo die germanistische Richtung 
überwog. Der ihn uns lehrte, war ein altmodischer, 
förmlicher Herr, dessen Taschentuch stets von irgend 
einem Parfüm duftete, weswegen meine Kameraden 
und Freunde, die deutschen Bärenhäuter, ihn sehr 
verachteten. Mir aber war dieser feine Geruch an 
genehm, und er weht mir noch immer entgegen, 
wenn ich meinen Horaz aus jener Zeit ausschlage 
und ich erinnere mich einer Phantasie, die mich 
damals oft überkam, als stünde statt des ä quatre 
epingles in, Schwarz gekleideten Herrn Direktors 
ein schmächtiger Römer des Kaiserreichs vor mir 
— Einer, der alles mit durchgelebt. Einer, der 
alles mit gehört, den Marschtritt der Legionen 
und das Wasfengeklirr vom Jlerda bis Pharsalos, 
der alles mit angesehen, den furchtbaren Tag, da 
Cäsar fiel an der Bildsäule des Pompejus, und 
den andern, da der Neffe den Thron bestieg als 
Herrscher der Stadt und der Welt — Einer, der 
nun alt geworden, ein Philosoph von der Schule 
des Epikur, dessen kahlgewordenen Scheitel ein 
frischer voller Epheukranz drückt. Wie brauste mir 
der Falerner im Kopf — der Falerner, den ich 
nicht getrunken: „mea nec Falernae temperant 
vites pocula“ — und wie medizinisch, bitterlich 
süß hat er mir geschmeckt, als ich ihn nachmals 
versucht, in der berühmten Schenke, nicht weit von 
der Pyramide des Cestius, woselbst im Monte 
Testaccio, dem Scherbenberg, unter den tausend 
zerbrochenen Weinkrügen auch der Horaz liegen 
mag! .... So habe ich seine Verse scandirt — 
im rhythmischen Silbensall, und so klingt es mir 
noch heut im Ohr, aber ebenso das Kichern und 
spöttische, kaum verheimlichte Lachen meiner Mit 
schüler rings um mich her. Auch mir waren 
Nibelungen- und Waltharilied, Gudrun und Ecken 
Ausfahrt Gesänge von hoher, herber Kraft und 
Vilmar's Literaturgeschichte fast ein heiliges Buch. 
Aber bei dem Rauschen und Brausen der Winter 
nacht, das fern vom Walde her der Märzsturm 
über die vom Eisgang geschwollene Weser trug — 
dieselbe Weser, an der Roms beste Legionen ver 
blutet — las ich diesen Horaz, der den Imperator 
feiert und den Mücenas besingt. Der Kampf 
zwischen Winter und Frühling draußen in der 
Dunkelheit rief mir den zwischen dem Norden, der 
aus seinen Eichenforsten sich emporreckte, der meine 
Heimath, mein Vaterland war, und jenem Süden 
zurück, der langsam von seiner sonnigen Höhe herab 
sank — und ein Zauber erfaßte mich, eine Sehn 
sucht — ich wußte damals nicht wonach, und ich 
hab' es erst erfahren, als ich, ein gutes Menschen 
alter später, aus den Schutthaufen stand, die noch 
immer einen Theil der Römerstadt bedecken. 
Wenn ich den ganzen Eindruck haben will, so 
brauch' ich nur das dritte meiner Bücher von 
damals vorzunehmen, einen Schulatlas. Er ist 
zwar noch nicht vollends so alt wie der Tag, an 
welchem Cäsar Augustus jammernd ausrief: „Varus, 
Varus, gieb mir meine Legionen wieder!" Aber 
er ist doch alt genug, um mich in die Zeit zu ver 
setzen, wo es in ganz Italien erst ein e Eisenbahn 
gab, nämlich von Mailand nach Venedig, und das 
war noch nicht einmal Italien, sondern Oesterreich. 
Wo man heut durch die dumpfe Luft und Finster 
niß zahlloser Tunnels an der Riviera fährt, fuhr 
man aus der herrlichen Landstraße damals über 
die Berge, zur Seite das tiefblaue Meer, seine 
Buchten und Vorgebirge mit Silber umsäumt,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.