Full text: Hessenland (15.1901)

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sodaß die Entstehung des Beinamens mindestens 
bis gegen die Mitte des 13. Jahrhunderts hinauf 
reichen muß. Dazu kommt ihre Wappengemein 
schaft mit dem alten Nachbargeschlecht v. Malkes! 
Niemals habe ich Glieder dieser Familie 
Döring ohne diesen Beinamen getroffen; sie führen 
auch ihr Wappenbild stets, wie angegeben, bis 
zu ihrem Erlöschen. Der Versuch einer Beweis 
führung mit dem Umstand, daß die häufigen 
Vornamen Witzel (Wigand) und Eckhard in beiden 
zu Großenlüder ansässig gewesenen Familien 
vorkommen, ist ganz hinfällig und unzulässig. 
Verschwägerung, Pathenschaft genügt völlig zur 
Erklärung. 
Die von Herrn Schäfer vorgenommene Ver 
knüpfung der Genealogie dieser beiden Familien 
muß als völlig verfehlt bezeichnet werden. — Für 
die Fortsetzung bleibt der Nachweis übrig, daß 
auch die behauptete Stammesgemeinschaft zwischen 
den v. Lüder und den v. Lauter unbeweisbar ist. 
(Fortsetzung folgt.) 
ölte Bücher.*) 
Eine Jugenderinnerung von Julius Rodenberg. 
Mir sind aus meiner Gymnasialzeit drei Bücher 
geblieben, eines davon ein kleines lateinisches 
Lexikon, welches ich niemals ohne das Gefühl der 
Dankbarkeit ansehen kann. Heute noch steht es vor 
mir aus meinem Schreibtisch, in der Reihe der 
Werke, deren ich mich bediene, wenn die sonstige 
Wissenschaft mich im Stich läßt — ein mäßiger 
Ouartband, braun mit ledernem Rücken, der sein 
halbes Säculum so wacker getragen hat, daß noch 
die Spuren goldenen Zierats an ihm erkennbar 
sind. Ein vortreffliches kleines Buch, gerade hin 
reichend, um mir den Geschmack klassischer Studien 
zu bewahren, wenn ich es, den Virgil oder Tacitus 
zur Rechten und eine gute deutsche Uebersetzung zur 
Linken, um seine Meinung befrage. Freilich auch 
ein etwas beschämendes Buch. Wie viel gelehrter 
waren wir, da wir als siebzehn- oder achtzehnjährige 
Jungen mit den Alten auf so vertrautem Fuße 
lebten, daß wir mit ihnen verkehrten, wie mit 
unsers Gleichen, in deren Gedanken wir denken, in 
deren Sprache wir sprechen könnten; und iills 
Examen gingen, nicht ganz ohne Herzklopfen zwar, 
aber doch im Vertrauen, alten Freunden zu be 
gegnen. Auch bei diesen äußersten Gelegenheiten 
hat mein Lexikon sich bewährt. Es zeichnete sich 
vor allen anderen dadurch aus, daß es bequem zu 
transportiren und leicht zu verstecken war — deutsch 
und lateinisch, alles zusammen in einem Bande, 
nicht stärker, als daß man ihn mit der Hand um 
spannen konnte. Daher es Sitte geworden, daß bei 
jeder Maturitätsprüfung, zuerst derjenigen, die vor 
uns waren, dann unsrer eignen, dieses Buch in der 
Höhlung eines alten Birnbaums versteckt ward, 
der im Garten des Direktors stand. Der Weg 
nach dem Spiel- und Tummelplatz der Schule führte 
*) Mit gütiger Erlaubniß des Verfassers seinem Werk 
„Klostermann's Grundstück" (Berlin 1891) entnommen. 
D. Red. 
daran vorüber. Laut und lustig war es hier in 
den Pausen zwischen einer und der anderen Stunde, 
doch still und ausgestorben während des Unterrichts. 
Diese Zeit ward von den Abiturienten benutzt, um 
nach dem Buch im Birnbaum zu sehen. Aus dem 
langen, niedrigen Bibliotheksaal, in welchem die 
Porträts der alten Landgrafen im Eisenharnisch 
und der Professoren in schwarzen Talaren hingen, 
dursten wir jeweilig iws Freie hinaus, um einen 
Augenblick Luft zu schöpfen. Aber der Augenblick 
genügte. Sogleich, als an jenem grauen März 
morgen der Ordinarius uns das Pensum deutsch 
diktirt, welches wir lateinisch wiederzugeben hatten, 
trafen sich, über dem grünverhängten Tisch hin, ein 
paar verstohlene Blicke — nicht laug, und ein blond 
haariger, hochgewachsener schöner Jüngling erhob 
sich, bat um Erlaubniß, entfernte sich — und siehe, 
da steht es noch aus dem inneren Deckel meines 
Lexikons in den seinen, aber festen Zügen seiner 
Hand — der Hand, die nachmals Axt und Pflug 
schar im amerikanischen Urwald geführt hat und 
müde vor der Zeit gesunken ist — da steht es in 
Bleisederschrift, das einzige, was ich noch von ihm 
habe, das Wort: „Officien"! Solche Lateiner- 
waren wir damals, aber auch solche Schelme! 
Denn es war verabredete Sache mit unsern Kame 
raden in Prima; diese brachten das verlangte 
Buch, bargen es gleichfalls in den Birnbaum, und 
der Nächste von uns, der aus der Conclave kam, 
fand es daselbst neben dem Wörterbuch: unseres 
Freundes Cicero herrliche Schrift „de officiis“ 
Wenn an jenem Tag unser Extemporale nicht im 
reinsten Ciceronianischen Latein abgefaßt war, so ge 
schah dies nur, um die Quelle nicht zu verrathen. 
Diese Furcht habe ich heut nicht mehr; denn das 
alte Gymnasium und der alte Birnbaum — wo sind 
sie heut? Ubi sunt? . . . Auf diese Frage giebt 
das Wörterbuch mir keine Antwort.
	        

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