Full text: Hessenland (15.1901)

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mit seinen „Liedern", seinen „Musikalischen So 
netten" und sonstigen Poesien zu einem stattlichen 
Lyrikband unter dem Titel „Lieder und Gedichte", 
die soeben in 6. Auflage erschienen sind und ein 
reiches Bild seiner dichterischen Individualität 
abgeben. 
Rodenberg ist vorwiegend Stimmungslyriker. 
Für die gewaltigen Akkorde des Schmerzes und 
der Leidenschaft ist seine Leier nicht gestimmt; 
wo er es einmal versucht, sie anzuschlagen, ver 
fällt er leicht in ein rhetorisches Pathos, das 
nicht angenehm wirkt. Im Allgemeinen zeichnen 
sich seine Gedichte nicht so sehr durch Neuheit und 
Tiefe der Gedanken aus, als vielmehr durch An 
muth der Form und Sinnigkeit der Gedanken. 
Hie und da (Weinlieder, Neckar re.) erinnert er 
an den sangesfrohen Roquette, doch ist seine 
Lyrik naturwüchsiger und kräftiger als die des 
allzu zierlichen Dichters von „Waldmeisters Braut- 
fahrt". 
Bedeutender ist Rodenberg als Romanschrift 
steller. Der ihm eigene lyrische Stimmungsgehalt 
seines Talents macht sich auch in seinen Romanen 
bemerkbar, wie er auch z. B. in seiner epischen 
Dichtung „König Harald's Todtenfeier" sich 
stark hervordrängt. Und doch macht das, was 
vom epischen Standpunkt aus als Mangel seiner 
Romane bezeichnet werden kann, gerade seine 
Dichtungen anziehend. Wie ungern würde Man 
z. B. in seinem Roman „Die Straßensängerin 
von London" die elegisch-träumerischen Natur 
betrachtungen und die subjektiven Schilderungen 
des großstädtischen Lebens in London wie des 
idyllischen Treibens der Studenten in Marburg 
missen. Rodenberg ging von der Reisebeschreibung 
zum Roman über und übertrug die Gabe farben 
prächtiger Schilderung, die sich in seinen Reise- 
schriften so bewährte, auch aus seine Romane. 
Mit Vorliebe wählte er England, das er als 
Reiseschriftsteller eingehend bereist und geschildert 
hatte („Ein Herbst in Wales", 1858, „Alltags 
leben in London", 1860, „Tag und Nacht in 
London", 1862 rc.), zum Schauplatz seiner Hand 
lungen und die englische Geschichte zum Rahmen 
seiner Dichtungen. Auch dienten ihm die eng 
lischen Dichter als Vorbilder bei der Abfassung. 
Sein erster Roman „Die Straßensängerin von 
London" (1863) steht unter dem Einfluß Dickens' 
und Thackeray's und führt uns in die vornehme 
Welt Englands ein, deren Glanz und Verdorben 
heit er das kleinbürgerliche, harmlose Studentenleben 
in Marburg gegenüberstellt. Vortrefflich gelungen 
ist ihm der geschickt motivirte Gang der Hand 
lung, die den Leser fortwährend in Spannung 
erhält, die Schilderung sämmtlicher Personen und 
die lebendige topographische Darstellung des Ganzen. 
Das alte Marburg ist niemals wieder so schön 
und anheimelnd dargestellt worden wie in diesem 
Roman von Rodenberg. Mit den beiden folgen 
den Werken („Eine neue Süudfluth", 1865, 
„Von Gottes Gnaden", 1870) wandte er sich 
dem historischen Roman unter Walter Scott's 
Einstuß zu. In dem ersteren schildert er uns 
das intrigante und zuchtlose Leben zur Zeit 
Georg's IV., damals noch Prinz von Wales. 
Die Hauptperson ist des Königs Maitresse, 
Lady Elliot, deren Flucht nach Paris dem 
Dichter Gelegenheit giebt, das sittenlose Leben in 
Paris und grell beleuchtete Scenen aus der 
französischen Revolution darzustellen. Auch hier 
ist alles auf's glücklichste motivirt und spannend 
erzählt. Die Charaktere sind plastisch gezeichnet, 
die örtlichen Schilderungen mit lebendiger An 
schaulichkeit wiedergegeben und die Situationen ge 
schickt erfunden und durchgeführt. In dem letzteren 
„Von Gottes Gnaden", einem der besten historischen 
Romane seiner Zeit, schildert Rodenberg fast die 
ganze Epoche der englischen Revolution, als deren 
historischer Held Ollivier Cromwell erscheint. Der 
Roman vereinigt alle Vorzüge und Fehler des 
Dichters in sich: auf der einen Seite glänzende 
poetische Schilderungen der englischen Lokalitäten, 
der Sitten und des Lebens dieses Volkes, spannende 
Entwicklung der Handlung und treffliche Zeich 
nung der Charaktere, auf der andern bis in's 
Kleinste sich ergehende Detailmalerei und den 
Gang der Handlung hemmende lyrische Ergüsse. 
In der behaglichen Ausmalung der einzelnen Auf 
tritte, in der Vorführung von Volks- und Ge 
richtsszenen und der ungleichartigen Behandlung 
des Ganzen zeigt sich hier der Einfluß Walter 
Scott's. Mit dem vierten und letzten Roman, 
den „Grandidiers" (1879) wandte sich Rodenberg 
seiner deutschen Heimath zu, und zwar unter 
Fontane's Einfluß der Schilderung des groß 
städtischen Treibens in der Reichs- und Hauptstadt 
Berlin. Der deutsch-französische Krieg bildet in dem 
Roman den Hintergrund eines Familiengemäldes. 
Wie Rodenberg von seinen englischen Reiseskizzeu 
zum historischen, in England spielenden Roman 
überging, so kam er nun vom historischen Roman 
aus Berlins Vergangenheit auf die Schilderung 
der neuen deutschen Großstadt und versenkte sich, 
obwohl Nichtberliner, mit liebevoller Aufmerksam 
keit in das Leben der kleinen Leute, die Ver 
schiedenheiten der Stadttheile und Straßen und 
die Beziehungen zwischen berühmten Personen 
und jener Stätte („Bilder aus dem Berliner 
Leben",. 1885 ff., „Klostermann's Grundstück", 
1891). „Erst hier, in den,Grandidiers' und den
	        

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