Volltext: Hessenland (15.1901)

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Todesfälle. Am 10. Mai verschied zu Wies 
baden an einem Schlaganfall Prinzessin Marie 
Luise Anna von Preußen. Sie war am 
1. März 1829 geboren und eine Tochter des Prinzen 
Karl von Preußen und Enkelin des Königs Friedrich 
Wilhelm III. und der Königin Luise. Ihre Mutter 
war eine Prinzessin von Sachsen-Weimar, eine 
äliere Schwester der Kaiserin Augusta. Prinzessin 
Luise wurde am 27. Juni 1854 mit dem Prinzen 
Alexis von Hessen-Philippsthal-Barchseld (geb. am 
13. September 1829) vermählt, wurde aber bereits 
1861 wieder von ihm geschieden. Seit vielen 
Jahren pflegte sie den Winter in Wiesbaden, den 
Sommer auf ihrem Schloß Montsort am Bodensee 
zu verbringen. Da der Bruder der Prinzessin 
Luise. Prinz Friedrich Karl, schon 1885 gestorben 
ist, lebt von den Kindern des Prinzen Karl nur 
noch die Prinzessin Anna, verwittwete Landgräfin 
von Hessen, deren Sohn die Prinzessin Margarethe, 
eine Schwester des Kaisers, geheirathet hat. 
In der Frühe des Himmelfahrtstages starb 
nach fünfmonatlichen schweren Leiden einer der 
ältesten Söhne unseres Hessenlandes, der Gym 
nasialoberlehrer a. D. Professor Pfarrer Georg 
Theodor Dithmar im 91. Lebensjahre. Geboren 
am 10. Dezember 1810 zu Homberg in Nieder 
hessen als Sohn des dortigen Kaufmanns und 
Bürgermeisters Karl Dithmar, besuchte er von 
1825 bis Herbst 1828 das Gymnasium zu Hers- 
seld, wo er ein Schüler Bilmar's war. Bon Herbst 
1828 bis Ostern 1832 stndirte er in Marburg 
Theologie und Philologie und war bei dem Corps 
Teutonia aktiv. Als Subsenior dieses Corps er 
warb er sich in 10 Mensuren den Ruf eines 
gefürchteten Schlägers/ Im Juni 1832 bestand 
er das Kandidatenexamen, war dann kurze Zeit 
Hauslehrer in Rotenburg a. F. und trat im Oktober 
1833 die Rektorstelle in seiner Vaterstadt an. die er 
zunächst provisorisch verwaltete und im Sommer 1834 
definitiv erhielt. Im November 1836 kam er als 
Lehrer an das Gymnasium zu Fulda und bald 
daraus, ans Bilmar's Betreiben hin, an das zu 
Marburg, dem er bis zu seiner im Herbst 1875 
ans sein Ansuchen erfolgten Pensionirung als Ober 
lehrer angehörte. Zugleich war er Pfarrer und 
Lehrer an der höheren Töchterschule. Am 10. De 
zember 1900 wurde ihm der Titel eines Professors 
verliehen. Reben seiner Berufsarbeit beschäftigte 
er sich eingehend mit der hessischen Geschichte und 
machte sich durch mehrere Publikationen in litera 
rischen Kreisen bekannt („Deutsches Historienbnch", 
„Marburgs Vorzeit"); außerdem gab er die 13. 
und 14 Auslage von Vilmar's Literaturgeschichte 
sowie Pauli's „Schimpf und Ernst" neu heraus. 
Für das Marburger Gymnasialprogramm schrieb 
er dreimal die wissenschaftliche Abhandlung. 1848 
„Ueber altdeutschen Katechismus-Unterricht". 1861 
„Zur Geschichte der deutschen Grammatik", welcher 
Jakob Grimm seine Anerkennung nicht versagte, 
und 1867 „Ans und über H. W. Kirchhof". 
Auch als Dichter hat sich der Verblichene bekannt 
gemacht. Zahllose Gelegenheitsgedichte (so z. B. zu 
den Festen aller hessischen Gymnasien) erschienen 
von ihm im ..Hessenland", in den „Hessischen 
Blättern", dem Melsunger Volkskalender, in der 
„Oberhessischen Zeitung" und anderen Lokalblättern. 
Doch fehlte es ihm hier an der nöthigen Selbst 
kritik, und dadurch, daß er alles wahllos an die 
Oeffentlichkeit gab, hat er sich schon bei Lebzeiten 
viel geschadet. Unserer Zeitschrift war Professor 
Dithmar von Begründung an ein lieber Freund 
und treuer Mitarbeiter. Noch vor Jahresfrist er 
schien von ihm im „Hessenland" ein fesselnd ge 
schriebener Aussatz über „Sabine, Landgräfin von 
Hessen" (Jahrg. 1900, S. 202 sf.). Weitere 
Arbeiten von ihm sind in den Jahrgängen 1891, 
1894, 1895 und 1898 niedergelegt worden. Sein 
Andenken wird bei uns dauernd in Ehren gehalten 
werden?) 
Von längeren schweren Leiden erlöst wllrde am 
gleichen Tage ein anderer treuer Mitarbeiter unserer 
Zeitschrift, der Major a. D. Karl Baron von 
Stamford. Der Verewigte entstammte einer 
altenglischen Familie und war am 10. Februar 1827 
als Sohn eines knrhessischen Offiziers zu Allendors 
a. d. Werra geboren. Seine Vorfahren, welche 
königstrene englische Edelleute gewesen, waren, um 
sich der schrecklichen Verfolgungen unter dem Diktator 
Cromwell zu entziehen, nach Deutschland aus 
gewandert. In der Familie Stamford war das 
militärische Element stets würdig vertreten. Der 
Urgroßvater und Großvater fochten ruhmvoll in 
den Reihen der hessischen Krieger im amerikanischen 
Unabhängigkeitskriege. Der Großvater befand sich 
später in niederländischen Diensten und wurde im 
Kampfe gegen Frankreich getödtet. Nachdem Karl 
von Stamford, dessen beide Brüder und zwei Söhne 
ebenfalls Offiziere sind, das Kadettenhaus nach 
vierjährigem Lehrgang absolvirt hatte, trat er im 
Jahre 1845 als Leutnant in das kurhessische 
Artillerieregiment, in welchem er 1859 zum Haupt- 
mann ernannt wurde. Als solcher wurde er noch 
1866 in die preußische Armee übernommen und 
*) Näheres über den Verstorbenen finden unsere Leser 
in der Geschichte der Familie Dithmar von Otto Ger- 
land <„Hessenland" 1894, Nr. 9, S. 115 ff.), in den 
„Akad. Monatsheften" v. 30. April 1901, Heft 205, S. 12—13 
(„Zwei Veteranen des Corpsstudententhums") und in den 
„Hess. Blättern" Nr. 2757 u. 2758 („Aus dem Leben 
G. Th. Dithmar's").
	        

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