Full text: Hessenland (15.1901)

144 
richtung der meteorologischen Station in Mar 
burg bewilligt würden So kam ich denn im 
Jahre 1865 im Oktober nach Berlin, besuchte 
dort eine Reihe von Gelehrten, sah mir die 
wissenschaftlichen Institute, Fabriken und sonstige 
Sehenswürdigkeiten an und benutzte mein übriges 
Reisegeld zu einer Tour nach der Insel Rügen, 
die ick) verschiedentlich zu Fuß quer durchstreifte. 
Auf der Heimreise war es mir in Dessau ver 
gönnt, zahlreiche Verwandte meines seligen Vaters 
kennen zu lernen, sodaß diese ganze Reise mir 
stets treu in der Erinnerung geblieben ist. 
Bezüglich meines Besuches bei Dove in Berlin 
möchte ich folgende merkwürdige Thatsache mit 
theilen. Nachdem ich eingetreten war, sagte ich 
zu Dove, ich sei nach Berlin gekommen, um mir 
die meteorologische Station anzusehen. „Die 
meteorologische Station?" sagte Dove, „damit 
sind wir schnell fertig: hier im Zimmer hängt 
das Barometer, vor dem Fenster hängen die 
Thermometer und oben auf dem Dache ist die 
Windfahne angebracht; das ist die Berliner 
meteorologische Station." Ich gab mich zufrieden 
und mußte mir sagen, daß der einfache vor mir 
stehende Mann es verstanden hatte, mit wenigen 
Hilfsmitteln Großes zu leisten. 
Nun hieß es, das mir unterstellte Institut 
zu verbessern. Gerling hatte sich an Vieles gewöhnt, 
was im Laufe der Jahrzehnte veraltet und un 
brauchbar geworden war. Der vorhandene phy 
sikalische Apparat mußte zum Theil ganz aus- 
rangirt werden uttb ich dann mit Neuanschaffungen 
und Neueinrichtungen beginnen. Hierbei kam 
selbstverständlich ein vermehrter Jnstitutsfonds in 
Betracht, und ich muß hier bezeugen, daß durch 
die ganze Zeit meiner bisherigen Lehrtätigkeit 
und meines Jnstitutsdirektoriums die gesammte 
Unterrichtsverwaltung stets mit besonderem Wohl 
wollen meinen Antrügen entsprochen hat. Vor 
allem ließ ich es mir angelegen sein, in genügen 
der Weise ein physikalisches Praktikum ein- 
zurichteu, systematisch zu gestalten und dauernd 
fortzuführen. Ich gehörte daher zu den wenigen 
Physikern, welche den Anfang mit der systemati 
schen Einrichtung und Fortführung dieser Uebungen 
machten. Es dauerte auch nicht lange, so 
waren insbesondere die Kandidaten des höheren 
Schulamts davou überzeugt, daß diese praktischen 
Uebungen für ihre Ausbildung von besonderem 
Nutzen waren. Heutzutage pflegt man selbst aus 
Gymnasien solche Uebungen einzurichten, aber in 
den sechziger Jahren war es noch anders. 
Auch der Astronomie konnte ich noch ge 
nügend Aufmerksamkeit widmen. Durch eine 
lange Reihe von Jahren hindurch las ich populäre 
Astronomie, sowie auch namentlich Publica über 
einzelne Abschnitte der astronomischen Jnstrumenten- 
kunde. Eine wesentliche Unterstützung dieser Vor 
lesungen lag darin begründet, daß in dem Examen 
für die Kandidaten des höheren Lehramts auch 
Kenntnisse in den Elementen der Astronomie 
verlangt wurden. Seitdem diese Forderung bei 
dem entsprechenden Examen von Seiten der 
Unterrichtsverwaltung fallen gelassen wurde, machte 
sich dies auch sofort bei den betreffenden Vor 
lesungen bemerklich, und ich fand infolgedessen 
später kaum noch die nöthige Anzahl Zuhörer 
dafür, namentlich aber auch deshalb, weil schon 
in den achtziger Jahren die Zahl der Studirenden 
der Mathematik und Naturwissenschaften auf 
allen Hochschulen sehr abgenommen hatte. 
Selbstverständlich blieb die Stelle des Jn- 
stitutsassistenteu, wie sie schon zu Lebzeiten 
Gerling's geschaffen worden war, auch bei mir als 
seinem Nachfolger bestehen. Aber bald zeigte es 
sich, daß ein solcher Assistent für die Bedürfnisse 
des Instituts nicht mehr ausreichte. Es war 
daher mein besonderes Bestreben, noch einen zweiten 
Assistenten zu erhalten, der indeß gleichzeitig 
Mechaniker sein sollte. Auch diese Creirung setzte 
ich durch, und seit dem 1. April 1885 wurde 
ein zweiter Assistent angestellt. Hiermit hatte ich 
für das Institut und seine Entwickelung etwas 
sehr Wesentliches erreicht, insbesondere nach 
dem es mir auch seit 1890 gelungen war, 
im Institute eine Werkstätte für die Jnstituts- 
mechaniker zu errichten, in welcher die Reparaturen 
und Neueinrichtungen rasch besorgt werden und 
außerdem neue Apparate zur Ausführung ge 
langen konnten. 
Mit der Einverleibung Kurhessens in den 
Großstaat Preußen nahm die Universität Marburg 
einen großartigen Aufschwung. Die Zahl der 
Studirenden wuchs vom Jahr 1866 an mehr und 
mehr und erreichte im Sommersemester 1888 die 
Zahl 1000. Insbesondere konnte ich für den Be 
such der Experimentalphysik dieses bedeutende Wachs 
thum der Zahl der Zuhörer mehr und mehr 
konstatiren. Im Sommer 1867 hatte ich in dieser 
Vorlesung 26 Zuhörer, im Sommer 1877 61, im 
Sommer 1887 140 und im Winter 1896/97 
sowie im Sommer 1897 163. So erfreulich dies 
war, so sehr bekam ich es nach unb nach mit 
der Augst zu thun, wenn ich das alte Gerling'sche 
Auditorium ansah und wahrnehmen mußte, wie 
immer mehr Zuhörer da hinein wollten. Ab 
hilfe konnte dadurch geschaffen werden, daß 
zwischen dem Auditorium uud einem daran 
stoßenden Raum eine Wand herausgenommen 
wurde, und ich erhielt so einen Raum, in welchem
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.