Full text: Hessenland (15.1901)

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Kelbstüiographir von Professor Dr. jfran\ Melde. 
(Schluß.) 
m eine akademische Lehrthütigkeit begann ich 
noch im Wintersemester 1860/61 mit zwei 
Repetitorien über Experimentalphysik und hatte im 
einen 10, im andern' 4 Zuhörer. Sodann las 
ich im Sommer 1861 bereits die Experimental 
physik sechsstündig neben andern physikalischen 
Vorlesungen. Da mit dem Sommersemester 1861 
Professor Schell Marburg verließ, um nach Karls 
ruhe zu gehen, wurde ich von Gerling und Steg 
mann darauf hingewiesen, daß es erwünscht sei, 
wenn ich neben den physikalischen Vorlesungen 
mathematische hielt, und ich trug hiernach ver 
schiedene Semester hindurch Trigonometrie, analy 
tische Geometrie sowie Differenzial- und Integral 
rechnung vor und hatte mich einer den da 
maligen Verhältnissen entsprechenden Zahl von 
Zuhörern zu erfreuen. 
Mit dem Wintersemester 1862/63 verließ 
Dr. Wüllner Marburg, einem Rufe nach Aachen 
an die polytechnische Schule folgend. Sein Weg 
gang war für mich und meine fernere akademische 
Laufbahn von Bedeutung. 
Im Sommer 1863 las Gerling zum letztenmal 
die Experimentalphysik sowie auch sein Lieblings 
kolleg, die praktische Geometrie. Er war jetzt 
im 75. Lebensjahre, und es trat nun an mich die 
ernste Frage bezüglich einer etwaigen Beförderung 
zum Extraordinarius heran. Gerling wollte 
mich gern befördert wissen und rieth mir, ein 
Gesuch an die Fakultät zu richten, damit diese 
höheren Orts mich zur Beförderung zum Extra- 
ordinarius vorschlüge. Ich sandte dies Gesuch 
am 10. Januar 1864 ab; aber Gerling war 
erkrankt, und fast mit der Feder in der Hand 
und im Begriffe, mein Gesuch als Erster voll 
auf zu unterstützen, starb er bereits aui 15. Ja 
nuar 1864. Mein alter Lehrer und Freund 
Hessel trat an Gerling's Stelle und empfahl 
mein Gesuch eurer möglichst baldigen Genehmigung. 
Da ihm alle Mitglieder der Fakultät folgten, 
so dauerte die Entscheidung im Ministerium 
rricht lange. Bereits am 24. Februar 1864 wurde 
ich durch ein allerhöchstes Reskript mit einem 
jährlichen Gehalte von 300 Thalern zum Extra- 
ordinarius in der philosophischen Fakultät ernannt. 
Gleich nach dem Tode Gerling's hatte die 
Fakultät sich aber auch rnit Vorschlügen für 
die Wiederbesetznng der Professur Gerling's be 
faßt. Zwei sehr namhafte auswärtige ordentliche 
Professoren der Physik waren in Vorschlag ge 
kommen. Aber diese Herren lehnten ab, dem 
Rufe nach Marburg zu folgen. Das Ministerium 
forderte zu neuen Vorschlägen auf, und es trat 
nun eine Zeit ein, die für mich von höchster Be 
deutung werden sollte: ein zweijähriges Inter 
regnum —, in welchem die Stelle Gerling's 
unbesetzt blieb, in welchem Stegmann zunächst 
interimistischer Direktor wurde und in welchem 
ich der alleinige Vertreter der Physik blieb. Die 
Fakultät war schließlich nicht in Einklang ge 
kommen, wie sie die Professur Gerling's besetzt 
sehen wollte, ob durch mich oder einen anderen. 
Es war mir aber bereits unter dem 1. März 
1865 die interimistische Vertretung des Instituts 
direktors an der Stelle Stegmann's vom Mi- 
nisterium übertragen worden, und da die Fakultät, 
wie erwähnt, in ihren Vorschlägen nicht einig 
werden konnte, wurde ich durch allerhöchstes Re 
skript vom 19. April 1866 zum „ordentlichen 
Professor der Physik und Astronomie" mit einem 
Gehalt von 800 Thalern ernannt. Mit beson 
derer Genugthuung konnte ich diesen Verlaus 
meines Lebensgeschickes betrachten. Mit dieser 
meiner Ernennung begann für mich nun ein neuer 
Lebensabschnitt, in dem es mir vergönnt sein 
sollte, durch eine lange Reihe von Jahren als 
Ordinarius in nieinen Lehrfächern und als Di 
rektor eines wichtigen Institutes zu wirken. 
Richt umhin kann ich, zu bemerken, daß meine 
Ernennung zum Ordinarius bie letzte gewesen 
ist, welche der Kurfürst Friedrich ^Wilhelm I. 
von Hessen vollzog, indem bald darauf das Knr- 
fürstenthnm Hessen mit Preußen vereinigt wurde.*) 
Im Anschluß an diese Bemerkung kann ich 
eine andere Thatsache hier erwähnen. Bereits 
im Jahre 1865 trat ich mit dem Chef der 
preußischen meteorologischen Stationen, Professor 
Dove, in Verbindung und bat ihn mir be 
hilflich zu sein, wenn ich in Marburg eine 
meteorologische Station nacksi dem Muster der 
preußischen Stationen einrichtete. Dove sagte mir 
hereitwilligst seine Unterstützung zu, und ich 
wandte mich darauf an das hessische Ministerium, 
theilte diesem meine Pläne mit und bat um die 
nöthigen Mittel hierzu, insbesondere auch für 
eine Reise nach Berlin, damit ich die Berliner- 
meteorologische Station inspiziren könnte. Das 
Ministerium legte meinen Plan dem Kurfürsten 
vor, und dieser genehmigte, daß mir 100 Thaler 
zur Reise nach Berlin und 100 Thaler zur Ein 
*) In Betreff meiner Ernennung und verschiedener 
damit in Verbindung stehender Umstünde bergt. „Hessen 
land", Jahrgang 1895, S. 300 u. 312 („Eine letzte 
Audienz").
	        

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