Full text: Hessenland (15.1901)

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Am 15. Mai 1690 starb zu Hamburg der Viel 
schreiber Eberhard Werner Happel aus Kirchhaiu, 
einer der ältesten und fruchtbarsten Romanschrift 
steller, dessen Werke für uns heute unverdaulich ge 
worden sind und an Beliebtheit und Werthlosigkeit 
denen einer Luise Mühlbach zu vergleichen sind. 
Am 15. Mai 1881 starb Franz von Dingelstedt 
zu Wien. 
Zwei Urtheile über Dingelstedt. Ueber 
Franz Dingelstedt schreibt E manuel Geibel 
an seinen Freund und Gönner Freiherrn Karl 
von der Mals bürg in einem Brief vom 
1. Januar 1844 aus Stuttgart* **) ): 
„Daß ich eine Menge neuer Bekanntschaften 
machen mußte, werden Sie leicht denken. Doch 
fand ich wenig Leute, an die ich mich inniger hätte 
anschließen mögen. Selbst zwischen Dingelstedt 
und mir, so häufig wir uns sahen und so gut 
wir miteinander stehen, konnte ein freundschaftliches 
Verhältniß nicht gedeihen. Unsere Naturen, unsere 
Richtungen sind zu verschieden. Er ist ein Mensch 
von glänzenden Gaben, geistreich, leicht beweglich, 
voll seinen Sinns für die schöne Form, dabei, 
wenn ihn die böse Laune plagt, angenehm und 
liebenswürdig in der Unterhaltung. Aber selten 
weiß ich, wie weit es ihm eigentlich Ernst ist; er 
spielt mit Allem und glaubt an seine eigene Poesie 
nicht." 
Aehnlich urtheilt Paul Heyse in seinen 
„Jugenderinnernngen" über Dingelstedt in München. 
Es heißt dort n. a.: 
„Auch Dingelstedts Haus stand uns offen?*) Es 
kam aber zu keinem freundschaftlicheil Verhältniß 
zwischen uns. Obwohl er es an äußerlicher 
Höflichkeit auch mir, dem jüngsten „Günstling", 
gegenüber nicht fehlen ließ, wußte ich doch, daß er 
es schwer ertrug, zu den Symposien nie hinzugezogen 
zu werden. Für den König war er nur der 
Intendant, nicht der Dichter, und seine Person so 
wenig wie seine Poesie hatte den kosmopolitischen 
Nachtwächter bei König Max in Gunst bringen 
können. Kein Wunder, daß der Monarch, in dessen 
Wesen nicht ein Hauch von Frivolität war, durch 
Dingelstedts zur Schau getragenes Witzeln und 
Höhnen über mancherlei, was ihm in dem alten 
München krähwinkelhaft erschien, wie auch durch die 
vormärzlichen Tendenzen seiner Lyrik abgestoßen 
wurde. Wer den „langen Franz" kannte, wußte, 
daß zwei Seelen in seiner Brust wohnten. Die 
*) Bergt. Emanuel Geibel'8 Briefe an Karl Freiherrn 
von der Malsbnrg und Mitglieder seiner Familie. 
Hrsg. v. A. Dnncker (Deutsche Nundschnn, Bd. 44, S. 212). 
**) Deutsche Rundschau, Bd. 101, S. 456 sf. 
demagogische aber wurde mehr und mehr durch die 
aristokratische unterjocht. Es wurde der höchste 
Ehrgeiz dieses anfänglichen Freiheitskämpfers, in 
seinem Auftreten es jedem hochgeborenen Dandy 
gleichzuthun, und matt erzählte sich, daß, schon ehe 
er geadelt wurde, sein Friseur ihn Herr Baroll 
nennen mußte. Der gleiche Zwiespalt der Ge 
sinnungen fand sich auch in dem Poeten. Von 
Hause aus war er ein so guter, sentimentaler 
deutscher Gemüthsmensch wie irgend einer seiner 
hessischen Landsleute. Aber sein Aufenthalt in 
Paris und London hatte ihn dazu verführt, nicht 
sich dieser heimischen Mitgift zu schämen — er 
lvar ein zärtlicher Gatte und Vater und schrieb die 
gefühlvollsten Verse über sein häusliches Glück —, 
daneben aber den Ton eines cynischen Weltmannes 
anzustimmen und mit zweidelltigen Abenteuern zu 
kokettiren." 
Das Mailied „Der Mai ist gekommen" 
und seine Beziehungen zu Hessen. Ueber 
die Entstehung dieses Liedes, das heuer wieddr in 
der Walpurgisnacht von den Musensöhnen der 
alma mater Philippina mit dem Glockenschlag 12 
begeistert angestimmt wurde und um diese Zeit allent 
halben aus sangesfrohen Wandererkehlen erschallt, 
wird es gewiß manchen interessiren, etwas Näheres 
zu erfahren. Als Geibel im Frühjahr 1840 nach 
zweijährigem Aufenthalt in Griechenland nach 
Lübeck zurückgekehrt war und durch den Tod seiner 
Mlltter und das Bewußtsein, noch keine gesicherte 
Lebensstellung errungen zu haben, in eine drückende 
Stimmung gekommen war, hatte sein Vater, dem 
der Seelenzustand seines Sohnes nicht entgangen 
war, die Lage einem alten Freunde brieflich, ge 
schildert. Dieser Freund war der Freiherr Karl 
von der Malsburg aus Schloß Escheberg in 
Hessen. Herr von der Malsburg war durch seine 
Vermählung in Beziehungen zu Holstein gekommen 
und dort mit einigen hessischen Landsleuten be 
kannt geworden, die eine geachtete Stellung in 
Lübeck einnahmen, darunter auch mit dem Pastor 
Geibel. Dieser (ein geborener Hanauer) hatte ans 
seinen Ferienreisen nach der hessischen Heiuwth 
öfters den Freiherrn auf Schloß Eschebcrg besucht 
und sich von den reichen spanischen Bücherschätzen 
überzeugt, die sich dort aus dem Nachlaß des 
Dichters Ernst Otto von der Mals bürg 
fanden. Sein Sohn Emanuel Geibel hatte sich 
seit seiner Heimkehr aus dem Süden vorwiegend 
mit spanischer Literatur beschäftigt, und so kam 
eine Einladung nach Escheberg für den jungen 
Dichter sehr erwünscht. Die ländliche Stille des 
waldumgebenen Schlosses war ebenso anziehend 
für ihn. wie die reiche Bibliothek, deren Neu-
	        

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