Full text: Hessenland (15.1901)

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muß ein Talent besitzen, das es befähigt, die Vereins 
tage schmücken zu helfen." Weil nun solche Voraus 
setzung öfter bei der Jugend als bei den betreffenden 
Eltern zu finden war, kam es vor, daß die letzteren 
nur „Ehrenmitglieder" wurden, die Söhne und 
Töchter aber als wirkliche Mitglieder der Gesell 
schaft angehörten. Bälle und Tanzkränzchen, sonst 
Hauptzweck einer geschlossenen Gesellschaft, spielten in 
der „Namenlosen" nebensächliche Rolle. Terpsichore 
stand entschieden hinter den Schwestern Euterpe 
und Thalia zurück. Ein geschultes Orchester aus 
den Reihen der Herrenmitglieder that sein Mög 
lichstes, um gute Musik an Gesellschastsabenden 
den Versammelten zu Gehör zu bringen. Das 
ausgezeichnete Violinspiel F. Tr/s. entzückte oft 
die Hörer. Unter des Hosschanspielers O st e n 
Leitung gestalteten sich die Ausführungen von 
Dramen und Lustspielen zu mehr als dilettantischen 
Leistungen, und das Küustlerauge des Malers 
Katzenstein wußte die Gestalten ausfindig zu 
machen, aus dem Kreise der Mitglieder zn wählen, 
wie sie sich am effektvollsten zu bestimmten lebenden 
Bildern eigneten. Humorvolle Konterfeis der Herren, 
die zur „Namenlosen" gehörten, von Katzensteitüs 
Hand gemalt, schmückten das höchst einfache Vereins 
zimmer im Schanbsichen Lokale (Wolfsschlucht). 
Hier kamen an bestimmten Tagen die Herren 
Abends zusammen, die Geisteselite der Kasseler 
jungen Männer, unter denen Karl Altmüller 
„Apolls goldene Leyer" schlug. Alle träumten 
noch an dem schönen Traume der Wiederaüsrichtung 
des Deutschen Reiches. Der Hauch von Idealität 
jener Tage umwob die Jugend jener Zeit. 
Wenn der Frühling erwachte, liebte die Gesell 
schaft einfache Spaziergänge am Nachmittag, Herren 
und Damen, durch die Aue, der Kaffee wurde 
darnach in dem Vereinszimmer getrunken, lebhafte 
Unterhaltung, kleine Musikvorträge machten das 
Zusammensein, bis zur Theaterzeit ungefähr, an 
regend und angenehm. Im Sommer gab es bis 
weilen Frühaussiüge durch die Aue, dann aber 
auch herrliche Partien in die heimathlichen Wälder. 
Feste wurden gefeiert zu Ehren manches Heim 
gegangenen Dichters; Ausführungen und Proben 
verschönten den Winter, eine Maskerade, von köst 
lichem Humor durchdrungen, fehlte keiner Faschings 
zeit, und jedem Brautpaare, das sich im Rahmen 
der Gesellschaft gefunden und aus Mitgliedern 
bestand, wurde kurz vor der Hochzeit ein schöner 
„Polterabend", zumeist in einem der kleinen 
Stadtbausääle, gefeiert, während zn größeren Festlich 
keiten der „Hämisch" diente. Aus der Perlenschnur 
reizvoller Feste, von der „Namenlosen" veranstaltet, 
mögen einige den alten Mitgliedern in die Er 
innerung zurückgerufen werden, zuvor aber sei noch 
der Versammlungen in Schaub's Garten an manchem 
schönen Sommerabeud gedacht, wenn Gartenkonzert 
stattfand oder auch nur die milde Luft aufforderte, 
den Abend im Freien zu genießen. Eine lange 
Tafel, nahe einer der sporadisch vertheilten Gas 
flammen, erwartete die Mitglieder der „Namenlosen", 
deren Standarte mit dem weithin sichtbaren K G. 
jedem Ankommenden entgegengrüßte. Wer damals 
das „Tageblatt" in die Hände nahm, versäumte 
sicher nicht, aus der letzten Seite nach einer ver 
heißungsvollen Anzeige unter den eben genannten 
Buchstaben zu suchen. Lange Zeit hielt die Ver 
wunderung über den „namenlosen Namen" der 
auserlesenen Gesellschaft an, bis man ihn — aus 
gezeichnet fand. 
Wie klangvoll hätten die geist- und witzsprühen 
den Tonangeber des Bundes ihre Vereinigung 
nennen können, aber — die allzugroße Auswahl 
entschied schließlich für Namensverneinung! — 
Einmal galt es wieder eine Namenwahl zu voll 
ziehen, als der beliebte Gesellschaftsdiener die 
„Namenlose" in eorxors zur Pathin seines 
Töchterchens wählte. Man einigte sich über „Jn- 
nominata". Der Lebenslaus des Kindchens war ein 
kurzer. Eines. Tages brachte das Tageblatt die 
Trauernachricht, speziell an die „Namenlose Ge 
sellschaft" gerichtet, daß deren Pathchen aus dem 
Leben geschieden sei! — Ein reizvolles Sommer- 
fest wurde im Juli 1864 aus einer Waldwiese 
in der Nähe des Herkules gefeiert: Die Fahnen 
weihe der Namenlosen Gesellschaft. Blau - weiß, 
die Farben der trauten Vaterstadt, waren auch 
die erwählten Farben der Namenlosen Gesellschaft. 
In seiner frischen, Humor- und geistvollen Weise 
hielt Di-. K. Z. die Rede zur Fahnenweihe, der 
heimathliche Wald rauschte melodisch Begleitung, 
der ganze Zauber eines wundervollen Sommer 
tages auf WilhAmshöhe umfing die fröhliche Ver 
sammlung, deren Grundzug ideales Streben, Freude 
am Edel-Schönen, Begeisterung für die liebliche 
Landschaft, die das schlichte Kassel so herrlich um 
rahmte, damals bildete. — Einzig schön gestaltete 
sich die Uhland-Feier, die weitern Kreisen zu 
gänglich war. Der Ertrag von Eintrittskarten 
ergab eitlen stattlichen Beitrag zur Errichtung des 
Uhland-Denkmals zu Tübingen. Die wundervolle, 
echt hessisehe Lyrik Karl Altmüller's klang 
aus seinem poetischen Prologe, dessen erste Worte 
Uhland entnommen: 
„Wenn heut' ein Geist herniederstiege, 
Zugleich ein Sänger und ein Held" ... 
und daun führt unser Hessen-Dichter fort: 
„Und mich an dieser Stelle früge: 
Sagt an, was hat Euch hier gesellt? 
So würd' ich freudig ihm erwidern: 
Nicht nur zu feiern Dich in Liedern..."
	        

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