Full text: Hessenland (15.1901)

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die das gemeinsam hatten, daß sie, parallel einer 
bestimmten Ebene durchschnitten, als Durchschnitts 
figur einen Kegelschnitt lieferten. Ich erkannte, 
daß diese Körper, bezw. ihre Oberstächen, ein sehr 
gutes Thema für eilte Dvktordissertation abgeben 
konnten, und machte mich sofort daran, die Unter 
suchung aus dem Gebiete der Geometrie des 
Raumes theoretisch durchzuführen. Diese Arbeit 
gab meine Doktordifsertation. auf welche hin 
ich von der philosophischen Fakultät am 10. Mai 
1859 promovirt wurde. Das Examen rigorosum 
wurde mir, nach dem, was insbesondere Gerling 
über meine wissenschaftliche Thätigkeit berichtet 
hatte, und namentlich auch in Rücksicht auf mein 
schon früher bestandenes Fakultätsexamen erlassen. 
Der Inhalt meiner Dissertation streifte auch 
schon das Gebiet der Akustik. Meiner intensiven 
Beziehung zur Musik entsprechend war es nur 
natürlich, daß mich die Lehren der Akustik von 
vornherein anzogen, und ich hatte auch, von meiner 
Dissertation abgesehen, vorher schon eine kleine 
akustische Arbeit in Poppendorff's Annalen ver 
öffentlicht, worüber Gerling sehr erfreut war. 
Besonderes Gewicht legte er auf die Einrichtung 
imb Abhaltung eines physikalischen Praktikums 
und zeigte dieses als ein Privatissimum, jedoch 
gratis, in dem Borlesungsverzeichniß an. Es 
fanden sich auch immer einige Praktikanten ein, 
doch waren diese Uebungen mehr darauf gerichtet, 
einzelne aparte Gegenstände der Physik zu behandeln 
und die hierbei in Betracht kommenden Experimente 
einzurichten. Ein eigentlicher Kursus der prak 
tischen Physik, wie ich ihn erst später einrichtete, 
wurde zu Gerling's Zeit nicht abgehalten. 
Nach dem Weggange von Kohlrausch am Eude 
des Sommersemesters 1857 war die Experimental 
physik wieder allein durch Gerling vertreten. 
Im Sommerhalbjahr 1858 wurde dieses Haupt 
kolleg überhaupt nicht gelesen. Mit dem Winter 
halbjahr 1858/59 kam aber in der Person des 
Privatdozenten Er. A. Wüllner eine neue Kraft 
in der Physik hinzu. Dieser trug dann durch 
einige Semester hindurch die Experimentalphysik 
abwechselnd mit Gerling vor. 
Während meiner Assistentenzeit, welche sechs 
Semester, bis zum 1. Oktober 1860, dauerte, 
hatte ich vollauf Gelegenheit, mich mit den 
physikalischen Apparaten und Einrichtungen durch 
aus vertraut zu machen. Ich experimentirte 
viel für mich und bekam so nach und nach 
die Natur eines physikalischen Forschers auf dem 
Gebiete der Experimentalphysik. Auch im Lehren 
hatte ich Gelegenheit mich zu üben und auszubilden, 
indem die Studenten, welche Examen ablegen 
mußten, gern privatim bei mir Repetitorien durch 
machten. Aber es kam nun nach Ablauf des 
Jahres 1860 für mich doch die ernste Entscheidung 
darüber, welches meine nächste Zukunft sein solle? 
Auch Gerling machte die Beantwortung dieser 
Frage zu schaffen. Denn er war doch Derjenige, 
welcher mich aus meiner schon begonnenen Gym- 
nasialcarriere heraus nach Marburg berufen hatte, 
und fühlte infolgedessen eine gewisse Verpflichtung, 
auch fernerhin mir in meinem Fortkommen be 
hilflich zu sein. In dieser Auffassung der Ver 
hältnisse rieth er mir, mich einmal nach Kassel 
zu begeben und mich dem damaligen Referenten 
in Schul- und Universitätsangelegenheiten, Regie 
rungsrath Mittler, vorzustellen, um zu hören, 
was mir dieser etwa rieth. 
Der Herr Negierungsrath empfing mich mit ganz 
besonderer Freundlichkeit, und als ich äußerte, ich 
wäre in Betreff meiner Zukunft in Besorgniß, sagte 
er: „Herr Doktor, wenn Sie wieder in's Gymnasial 
fach wollen, so stellen wir Sie gleich an." 
Darauf erwiderte ich, ich hätte auch wohl daran 
gedacht, mich in Marburg , als Privatdozent für 
Physik und Mathematik zu habilitiren. Hierauf 
sagte er: „Ja, Herr Doktor, wenn Sie das wollen, so 
kaun ich versichern, daß wir im Ministerium auch 
dieser Absicht von Ihnen mit Wohlwollen begegnen 
werden, und wenn ich meine persönliche Ansicht 
hier aussprechen darf, so glaube ich sogar, nach 
dem, was ich bis jetzt über Ihre wissenschaft 
lichen Arbeiten erfahren habe, daß Sie der 
akademischen Laufbahn den Vorzug geben können. 
Nur eins" — fuhr er fort — „müssen Sie sich 
klar machen: ob Sie die Konkurrenz mit Wüllner 
bestehen werden?" Ich sagte, das Letztere könne 
ich allerdings nicht wissen und müsse diese Ent 
scheidung der Zukunft überlassen. Nach dem, 
was ich vernommen hatte, konnte ich aber mit 
Trost und Zuversicht im Herzen nach Marburg 
zurückfahren. 
Als ich bei Gerling wieder eintrat, sah er mich 
fragend an, und als ich ihm sagte: „Herr Geheimer 
Hosrath, ich will Privatdozent werden", reichte er 
mir unter Thränen die Hand und sagte: „Mein 
Lieber, ich werde für Sie thun, was ich kann." 
Ja, Freunde mußte ich haben ; denn Mittel standen 
mir von meiner Seite ails für die schwierige 
akademische Laufbahn nicht zur Verfügung, und 
ohne felsenfestes Selbstvertrauen und ohne Hoffnung 
auf die Unterstützung wohlmeinender Freunde 
konnte ich diese Laufbahn nicht betreten. Die 
Rechtfertigung meines Selbstvertrauens aber lag 
für mich in der Anerkennung, welche einige 
wissenschaftliche Abhandlungen auf dem Gebiete 
der Akustik bereits vor meiner Habilitation in 
wissenschaftlichen Kreisen gesunden hatten. Ich
	        

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