Full text: Hessenland (15.1901)

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halb zog, weil mein oben genannter älterer 
Bruder Wilhelm dort als Verwalter der Spor- 
leder'schen Apotheke fungirte und ich in dieser stets 
willkommen geheißen wurde. 
Auch nach Frankfurt kam ich öfters, um in's 
Theater zu gehen. 
In Hanau trat ich in die „Wetterauische Ge 
sellschaft" ein, in welcher öfters Vorträge gehalten 
wurden, so daß man da hinreichende wissenschaft 
liche Anregung hatte. Ein sehr thätiges, wissen 
schaftlich interessirtes Mitglied war der Reallehrer 
Ruß, mit dem ich viel verkehrte. Derselbe 
war ein gründlicher Kenner der Hanauer Flora, 
und ich habe manche botanische Exkursion mit ihm 
unternommen. Noch ein anderer merkwürdiger 
Mann lebte in Hanau, nämlich der als Original 
bekannte Musiker Georg App nun. Mit ihm 
traf ich auch mehrfach zusammen, nicht ahnend, 
daß wir zehn Jahre später auf dem Gebiete 
akustischer Forschung uns noch enger zusammen 
finden sollten. 
So gingen die wenigen Monate bis zu den 
Herbstferien des Gymnasiums schnell herum, und 
ich dachte schon daran, daß ich dann wohl nach 
Fulda ziehen müßte, um meinen eigentlichen 
Praktikantendienst anzutreten. Doch es sollte 
anders kommen. Meine Gymnasialcarriere sollte 
zu Ende sein, obwohl ich von diesem Ende 
noch nichts Sicheres wissen konnte. Mein hoch 
verehrter Lehrer und. väterlicher Freund, Geh. 
Hofrath Gerling, hatte sich nämlich durch 
Jahrzehnte hindurch bemüht, einen Jnstituts- 
assistenten zu erhalten; aber alle Bemühungen 
waren vergebens gewesen. Endlich aber mußte 
sich das Ministerium sagen, daß dem Wunsche 
dieses verdienten Institutsdirektors, Forschers 
und Lehrers entsprochen werden müsse. Es 
geschah dies durch einen Ministerialerlaß vom 
20. März 1857, zugleich mit der Bestimmung, 
daß Gerling einen Personalvorscylag bezüglich 
der Besetzung der neu gegründeten Assistentenstelle 
mache. Nachdem ich hiervon Kenntniß erlangt 
hatte, schrieb ich unter dem 13. April 1857 von 
meiner Heimath Großenlüder aus an Gerling 
mit der Bitte, mich bei der Besetzung dieser Stelle 
zu berücksichtigen. Die Entscheidung zog sich hin, 
und meine Ueberweisung als Gymnasialpraktikant 
nach Fulda kam dazwischen. Ich wollte mich 
sicher stellen und ging zunächst an's Gymnasium 
zu Hanau. Aber .Gerling behielt mich im 
Auge und wartete mit der Besetzung der Assistenten- 
stelle bis zum Herbst 1857, und nun wurde ich vom 
1. Oktober d. I. bis zum 1. Oktober 1860 als 
Assistent am mathematisch-physikalischen Institut 
der Universität Marburg gegen ein Gehalt von 
200 Thalern angestellt. Mit der Schlußfeierlichkeit 
des Hanauer Gymnasiums im September 1857 
schied ich von Hanau und kehrte sofort wieder in 
mein altes Marburg ein, um mich in der Zeit 
bis zum 1. Oktober noch in mancherlei Dingen 
für meine neue Stelle vorzubereiten. 
Der Schritt, den ich mit der Annahme der 
Assistentenstelle that, war für mich nicht ohne Be 
denken. Denn ich mußte mir doch sagen: was 
werden sollte, wenn meine Assistentenzeit herum war? 
In dieser Ungewißheit trug ich mich mit dem 
Gedanken, daß ich jederzeit wohl wieder in den 
Gymnasialdienst eintreten könne, und ebenso mit der 
Hoffnung, daß mir meine Assistentenzeit auch wohl 
bei einem solchen Wiedereintritt in's Gymnasium 
angerechnet würde. In dieser Annahme hätte ich 
mich, wie ich hernach mittheilen werde, auch nicht 
getauscht. 
Gerling war damals 69 Jahre alt und hatte 
eine Hilfe bei seiner Vorlesung über Experimental 
physik entschieden nöthig. Meine Hauptthätigkeit 
bestand demgemäß zunächst darin, daß ich die 
Vorbereitungen für diese Vorlesung zu machen 
hatte. Ein Jnstitutsdiener, der hierbei helfen 
konnte, existirte nicht, und ich war somit genöthigt, 
auch mancherlei zu thun, was sonstwo dem 
Diener zukam. Das schadete aber nichts, denn ich 
wurde dadurch geübt, mich nicht bei jeder Kleinig 
keit nach andern Leuten umzusehen, sondern gleich 
selbst zuzugreifen. Ich fand großes Interesse an 
den Vorbereitungen sür's Kolleg und ging hierbei 
auch immer darauf aus, selbstständig Veränderungen 
in die Experimente zu bringen und neue zu erfinden. 
Freilich kam ich hierbei nicht selten in kleine 
Konflikte mit meinem Chef, der sich durch Jahr 
zehnte hindurch an seine Experimente gewöhnt 
hatte und nicht leicht von der Art, sie zum Ge 
lingen zu bringen, abging. . Gerling merkte 
aber bald, daß etwas in mir steckte, und blieb 
mir sehr gewogen. Besondere Wünsche von mir, 
dies oder jenes Privatexperiment in's Werk zu 
setzen, unterstützte er in bereitwilligster Weise. 
Im Jahre 1855 hatte Gerling angefangen 
einen Apparat zu konstruiren, welcher die Bewegung 
der Aethertheilchen bei den verschiedenen Arten des 
polarisirten Lichtes versinnlichen sollte. Die Sache, 
insbesondere das Theoretische hierbei, machte ihm 
mancherlei Schwierigkeiten, und es kam später so, 
daß Gerling mit mir zusammen mehrfach das 
Eine oder Andere näher besprach. Es wurden im 
Apparat eigenthünlliche schraubenförmige Walzen 
oder Cylinder verwendet, über die ich vielfach 
nachdachte. So fand ich denn, daß diese Schrauben- 
cylinder nur eine Spezialität von einer großen 
und interessanten Gruppe von Körpern waren,
	        

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