Full text: Hessenland (15.1901)

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Mauvillon*): „Bei den Engländern sind alle 
Offiziersstellen käuflich; deshalb bekümmern sich 
ihre Offiziere nicht um den Dienst, und verstehen 
ihn, sehr wenige ausgenommen, ganz und gar 
nicht, und das geht vom Fähndrich auswärts bis 
zum General. Ihre Sitten machen sie zur 
Bequemlichkeit geneigt, und fast alle ohne Aus 
nahme sind sie an langes. Schlafen gewöhnt. 
Dies verleitet sie oft zu Nachlässigkeiten im Dienst, 
die ganz unglaublich klingen würden, wenn man 
sie erzählte. Dazu kommt nun ein natürlicher 
Uebermuth, vermöge dessen sie ebenso geneigt sind, 
den Feind, als die Gefahr zu verachten." Ueber 
die Hannoveraner urtheilt dieselbe Quelle: 
„Bessere, treuere, willigere Truppen giebt's auf 
der ganzen Welt nicht als die Hannoveraner. 
Ihre Infanterie und Kavallerie besaßen alle diese 
Eigenschaften in gleichem Maße." Von den 
Hessen heißt es: „Kein Volk in der Welt ver 
einigt in einem solchen Maße alle zum Kriege 
nöthigen Eigenschaften. Die Hessen wurden unter 
allen Truppen am schlechtesten bezahlt; hernach 
bis zu Ende des Krieges halb an Gold und halb 
an sogenanntem C-Gelde, welches das Mittel 
zwischen Gold und dem ganz schlechten Gelde 
hielt, das unter so verschiedenen Stempeln ge 
schlagen wurde, dahingegen allen andern Truppen 
ihr Sold in Gold ausgezahlt wurde. Das macht 
allerdings einen ansehnlichen Unterschied; allein 
daran war kein Mensch schuld als die Plusmacher, 
die um ihren Landesherrn waren und ihn bewogen, 
ihnen das nicht zu geben, was ihnen doch von 
Gottes und Rechts wegen zukam und die Krone 
Englands .diesem für sie zahlen ließ." Die 
Braunschweiger waren ihrem Herzoge treu 
ergeben; auf sie konnte er in allen Fällen rechnen. 
Eine kleine Schaar stellten die Bücke bürg er. 
„Wo sie fechten mußten, geschah es mit exem 
plarischer Standhaftigkeit; ein Muster von Mannes 
zucht." Trotzdem war es .für Herzog Ferdinand 
nicht leicht, diese verschiedenartigen Elemente seiner 
Truppen „in eine solche Stimmung zu versetzen, 
daß sie sämmtlich alle ihre Kräfte aufboten, um 
das allgemeine Wohl zu befördern". Des Herzogs 
Armee war bedeutend schwächer als die seiner 
Feinde. Wenn auch die Truppen der Verbündeten 
sich tapferer schlugen, so konnte doch der Unter 
schied, der in der größeren Truppenstärke bestand, 
dadurch nicht ausgewogen werden. 
Seinem durch den Subsidienvertrag mit Eng 
land gegebenen Versprechen, 7000 weitere Soldaten 
zustellen, konnte Hessen-Kassel nicht.nachkommen; 
*) Mauvillon, Geschichte Ferdinand's von Braun 
schweig. Leipzig 1794. II. Bd. 
1000 Mann wurden in Wirklichkeit nur in den 
Etat*) gestellt. Die neu . einberufene formirte 
hannöversche Landmiliz gebrauchte man zur Be 
setzung der festen Plätze. Der Ersatz und die 
Unterstützung durch englische Truppen war wegen 
der weiten Entfernung nicht möglich oder wenigstens 
schwierig. Alles in allem einschließlich der 
preußischen Reiterabtheilung und 4000 Mann 
leichter Truppen standen den Verbündeten nur 
75 600 Mann zur Verfügung. Die Artillerie 
der verbündeten Truppen war der französischen 
gegenüber durchaus unzureichend; an schweren 
Geschützen zählte sie 50 Kanonen und 7 Haubitzen, 
sodaß einschließlich der Bataillons-Kanonen 
höchstens 200 Feldstücke einer doppelten Ueber- 
macht von 460 französischen Geschützen gegen 
überstanden. Das die Artillerie leitende Ingenieur- 
corps war mangelhaft ausgebildet und entbehrte 
der praktischen Erfahrung.**) 
Diese Mißstände, die den Herzog überzeugen 
mochten, daß er ohne Unterstützung des Königs 
nichts wagen dürfe, wurden jedoch durch ein 
längeres Zaudern nicht gehoben und verringerten 
nur die Aussichten auf das Gelingen der geplanten 
Unternehmung. So verstrichen Wochen auf Wochen 
mit Erwägungen über Für oder Wider, wodurch 
die Verhältnisse sich nur ungünstiger gestalteten. 
Unterdessen war auch Soubise von seinem Hofe 
*) Nach dem Etat in den „Marburger Archiv-Akten" 
waren für das neu zu errichtende Artilleriecorps 3 Kom 
pagnien a 100 Mann vorgesehen, die monatlich folgenden 
Sold bezogen: 
S t a b: 1 Oberstleutnant 40 Thlr. 45 Kr., 1 Kommissarius 
28 Thlr. 45 Kr., 1 Adjutant 17 Thlr. 60 Kr., 1 Reg.- 
Feldscheer 25 Thlr. (einschl. des Burschen), 1 Wagenwart 
16 Thlr., 8 Knechte ü 4 Thlr. — 32 Thlr., in Summa 
160 . Thlr. 71 1 /. Kr. 
100 Mann 1 Kompagnie — 636 Thlr. 7 1 /a Kr. 
200 „ 2 „ = 1072 „ 15 
Stab = 160 „ 71'/. „ 
Summa des Artilleriecorps: 1769 Thlr. 3 3 / 4 Kr. 
Dazu: 
Douceur statt Gutmachens . 44 Thlr. 56 Kr. 
Medizingeld 5 „ — „ 
Montirungsgeld .... 178 „ 45 „ 
228 Thlr. 11 Kr. 
Insgesammt 1997 Thlr. 15 Kr. 
**) Vergleiche Mauvillon II. Theil. „Ein junger 
Mensch lernte ein wenig Geometrie, praktisch Feldmessen 
und einen sauberen Plan zeichnen. Unter diesen Plänen 
waren Fortifikationsmanieren; also wußte er auch, wenn 
man will, ein wenig Fortificiren. Mit diesen Eigen 
schaften ausgerüstet, präsentirte er einige seiner sauberen 
Zeichnungen an die Behörde, welcher bei weitem nicht 
einer der Chefs des Jngenieurcorps oder sonst einer der 
erfahrenen Richter war. Daraus ward er zum Conducteur 
bey einem Jngenieurcorps angesetzt."
	        

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