Full text: Hessenland (15.1901)

M 10 
XV. Jahrgang. Kassel, 17. Mai 1901. 
Maiabena. 
Betäubend steigt der Duft aus den Syringen, 
Die Schwalben streichen müde hin und her, 
Und von den Bergen kommt ein heimlich Klingen, 
Als ob dort oben Abendandacht wär'. — 
Gelöst ist jede Form, die Linie weicher, 
Die sich am Tage schroff dahin gestreckt, 
Und alles Leben voller, tiefer, reicher, 
Seit ihin die Nacht die Seele aufgeweckt. 
was rührt mich an mit der Erinnrung Flügel, 
Und lockt der Thränen schmerzliche Gewalt 
Aus mir hervor . . . ? Schwebst du vom grünen kjügcl 
Zu mir heran, verblichene Gestalt? 
Nie war mein Ljerz gewillter, dich zu grüßen, 
Nie hat es frommer dich herbei gesehnt 
Als heute, da so still zu meinen Füßen 
Das Thal in seiner Maienpracht sich dehnt. 
Stuttgart. 
So wanderten die Jahre schon vorüber, 
Der Rosenbaum an deinem Grab ward groß, 
Unmerklich zieht's auch meine Spur hinüber 
In jenen dunklen, unerforschten Schooß, 
Der alles Lebens Anfang ist und Ende, 
Und eine heil'ge Stimme raunt mir zu, 
Daß meine heiße Seele sterbend fände, 
was ihr das Leben nie gebracht — die Ruh' 
Anna Ritter. 
am ilMrrnacht. 
Nun ruht und schlummert alles, 
von keinen: Hauch gestört/ 
Kaum daß man leisen Schalles 
Den Bach noch rieseln hört. 
Der Mond mit vollem Scheine 
Ruht breit auf jedem Dach, 
In weiter Welt alleine 
Bin ich zur Stunde wach. 
B e r l i n. 
Und alles, Lust und Schmerzen, 
Bracht ich in mir zur Ruh, 
Nur eins noch wacht im Kerzen, 
Nur eins: und das bist du! 
Und deines Bildes Friede, 
Folgt mir in Zeit und Raum: 
Bei Tag wird er zum Liede 
Und Nachts wird er zum Traum. 
Julius Roclenberg.
	        

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