Full text: Hessenland (15.1901)

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„Passiflora", „ZumTodtenfest", „EwigerFrühling", 
„Herbst", „Drei rothe Blätter", in denen warme 
poetische Pulse schlagen, fehlen. Es ist auch nicht 
recht einzusehn, weshalb die Stücke „Aus dem 
engsten Kreise", z. B. die zarte „Frühlingsklage" 
und „Der lieben Mutter zum Geburtstag" keine 
Gnade vor der Oefsentlichkeit finden sollten. — 
Nicht viel besser steht es mit dem Titel der neuen 
Sammlung. Ans den frischen Kapiteln des 
Manuskripts „Auf stillen Gängen", „Aus der 
Kinderwelt", „Aus der Geschichte", „Vaterland", 
„Aus dem engsten Kreise" sind die dürren Worte 
„Bilder ans Geschichte und Leben" gedreht worden, 
während das Manuskript den viel wahreren, an 
heimelnden Titel „In der Stille erblüht" trägt. 
Auch den kleinen Vorwurf kann ich dem neuen 
Büchlein nicht ersparen, daß nun trotz der Zwei- 
theilung desselben in Geschichte und Leben keine 
reinliche Scheidung innerhalb der Gruppen her 
gestellt ist. Denn die Gedichte „Memnonssüulen", 
„Singenthal" und „Weihnachtsfeier" gehören eben 
sowohl in den ersten Theil, wie „Kriegers Abschied" 
und „Treu bis in den Tod" in den zweiten. 
Die ausfallende Neigung der Dichterin zum 
tragischen Ernste beweisen Gedichte wie „Koriolan", 
dessen Stoff bekanntlich ein durchaus tragischer 
ist, und „Ahasver", das schwungvollste Gedicht der 
Verfasserin und eine dramatisch wirksame selb 
ständige Wiedergabe des Stoffes mit eigenartigem 
Schlüsse: Ahasver wird, auf dem Eise ausgestreckt 
liegend und den Tod des Erfrierens ersehnend, 
von Gott begnadigt. Tragisch ist ferner der Stoff 
in „Wicking-'s Todesfahrt", „Nibelungenhort" und 
„Deutsche Sangeslust". Tragisch ist das Lied 
vom Englein: Ein munteres Kind, das rosigste 
unter seinen Gespielen, wünscht sich mit Lächeln: 
„Ich wollte, ich könnte ein Engelein 
Im Himmelszelt sein." 
Und als der Herbstwind über die Stoppeln führt, 
tont das Sterbeglöcklein und man trügt ein todtes 
Kind zu Grabe. Tragisch ist ferner der Tod des 
kranken Töchterleins des Musikers aufgefaßt, dessen 
Seele zum Himmel enteilt, während es den Vater 
zur Geige mit einem Lied begleitet (nicht etwa 
umgekehrt). Und im Gedicht „Im Försterhaus" 
warten die Kinder des Försters angsterfüllt auf des 
Vaters Heimkehr — aber ein Wilddieb hat ihn 
erschossen und die Kinder warten vergeblich. 
Tragisch ist der Tod des Thürmers, den 
man, ein Opfer der Pflicht, todt antrifft, das 
Glockenseil in den erstarrten Händen. Und wie 
schauerlich tönt endlich dem ausgewanderten Sohne, 
den die Nachricht von der im Schnee gestorbenen 
Mutter beim Goldzählen antrifft und vorüber 
gehend weich stimmt: 
„Sie war so ärmlich, schlicht und klein. 
Und doch so groß, so goldig rein 
Die alte Welt", 
wie schauerlich tönUs ihm in's Ohr, als er zur 
Tagesordnung übergeht: „Im Golde erstickt"! 
Doch in den tragisch-ernsten Tönen erklingen 
nicht alle Lieder der Dichterin und auch die an 
geführten klingen, mit Ausnahme des „Förster 
hauses", nicht in ihnen aus. Vielmehr besitzen 
die Lieder und Gedichte meist tröstlichen Abschluß. 
Diese ihre Eigenart hat Therese Köstlin am 
deutlichsten in dem Gedichte „Herbst" ausgesprochen, 
das im Manuskript steht. 
Aus den Geschichtsbildern hebe ich als besonders 
gelungen hervor „Ahasver", „Severin und Odoaker", 
„Sängertreue", „Ein letzter Gruß", „Des Kaisers 
Leibroß" und „Treu bis zum Tode", das die 
Helden der „Iltis" schöner feiert als das Vier- 
ordtffche „Die Todten von Samoa". 
Nach den vorliegenden „Bildern ans Geschichte 
und Leben" hat sich die poetische Schaffensweise 
der Dichterin noch nicht so geklärt, daß man ein 
Urtheil dahin abgeben könnte, ob ihr Talent sich 
mehr dem Epos oder der Lyrik zuneigt. Aeußerlich 
betrachtet haben die Kinder ihrer Muse episches 
Aussehen. Aber das Herz dieser Kinder ist zarte 
Lyrik. Das soll kein Tadel sein. Die Sprache 
der Verfasserin fließt wie ein stiller Strom dahin. 
Er braust und rauscht nicht. Reichthum an Bildern 
und Rhythmen stehen ihr nicht zu Gebote. Aber 
ihre Ausdrucksweise ist durchweg edel und frei 
von prosaischen Wendungen. 
T8. Stromberger. 
Zur Besprechung eingegangen: 
Stimmungsbilder. Von Malwida von 
Meysenbug. Dritte und vermehrte Auflage. 
Berlin und Leipzig, 1900. Verlag von Schuster 
& Loeffler. 388 S. Brosch. M. 4.—. 
Junge Leiden. Roman von Sophie Jung- 
hans. Braunschweig, George Westermann, 
1900. 468 S. 4 Mark. 
Die Deutschen im Sprichwort. Ein Bei 
trag zur Kulturgeschichte von Dr. Georg M. 
Küffner. Heidelberg,KarlWinter'sUniversitüts- 
buchhandlnng, 1899. 93 S. 1,20 Mark. 
Die kurmainzische Glashütte Emmerichs 
thal bei Burgjossa. Beitrag zur Geschichte 
der Handelspolitik des Kurstaates Mainz. Von 
Di-. A. AmrHein,' Dechantpfarrer in Roß- 
brunn. Würzburg, Verlag des historischen 
Vereins von Untersranken und Aschassenburg, 
1900. (Kommission der Stahel'schen Verlags 
anstalt.) 97 S. M. 1.20.
	        

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