Full text: Hessenland (15.1901)

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und dann Tante Hannchen mit einem von Freuden- 
thränen überströmten Gesicht. 
„Ich bin ganz überwältigt, theuere Pauline," 
sagte sie zu meiner Mutter, „denken Sie nur, er 
hat sein Examen nicht allein bestanden, sondern 
sogar summa cum laude. Mein guter, lieber 
Albert. Schon morgen reist er nach Hause und 
bringt seinen Eltern von mir das Angebinde, daß 
er sein Lieblingsfach wählen und sich in demselben 
habilitiren darf." 
„Wirklich?", fragte meine Mutter, „wie haben 
Sie das möglich gemacht?" 
„Mit Fleiß und mit Gottes Gnade", sagte sie, 
sich die Thränen aus den Augen wischend. 
Ich verstand nun schon genug, um mit Ehrfurcht 
in die alten, verwelkten Züge zu sehen, die Fleiß 
und Liebe — der Kultus ihres Lebens — ge- 
-» 
adelt hatten. Ich wußte, wie karg ihre Mittel 
waren, wie sie hausgehalten und ihre schwachen 
Kräfte verwerthet hatte. Dieser Eindruck blieb mir 
für mein ganzes Leben — sie hatte in der einfachen 
Art, mit welcher sie sprach, etwas aus einer höheren 
Welt. 
Als sie uns dann nach einiger Zeit — ihr Neffe 
war längst gegangen — hinaus bis zu der Treppe 
begleitete, waren ihre letzten Worte, während sie 
meiner Mutter fest die Hand drückte: „Ach liebe 
Pauline, was wird nun wohl kommen, nach diesem 
großen Glück — ich bin ergeben — möge es 
Gott gnädig machen." 
Und Gott machte es gnädig, — sie erlebte es 
noch, daß ihr Neffe sich habilitirte, Professor wurde 
und eine liebe Frau, auch nach dem Herzen 
Tante Hannchen's, heimführte. 
K. Keller-Jordan. 
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Die Fortveldoirgsschoirl 
(Gedicht in Hinterländer Mundart.) 
Ean oisem Doarf d'r Landroath wollt' 
Z'r Fortbeldong e Schoul errichte, 
Bei Wienderschzait ean jeder Woch 
D'r Lehrer o zwie Owed sollt 
Die Konsormirte innerrichte. 
Die Koaste — so häiß ean demm BräibJ — 
Däi willt der Landroath ewernomme, 
Nor sillt doas Doarf d'r Borsch z' läib 
Firs beesche Holz ean Fett^) offkomme, 
Doas däi poar Stünncher nierig wierch, 
Doas säil g'wieß d'm Doarf nit schwier. 
D'r Borgermeester kritt d'r ZeallH. — 
„Gieh, Annlies, sichZ m'r mol d'r Breall' — 
Do eas schu wierer so e Schraiwe, 
Däi Herrn, däi hll sost naut z' draiweZ, 
Drimme jah' se alle Feangerschlaag 7 ) 
Mich o d'r Borgermeesterschraak." — 
„Häi eaß d'r Breall!" — D'r Borgermeester 
Stoabt sich d's Paifche ean da leesterP: 
„E — Fort — e Fort—b—bildeschul — 
Z'm Schinner, kann ich nit verstieh. 
Die Schoul soll fort? — z'm Donnerhull, 
Woas gläwe däi — bu sollse hieh?" 
„Gieh, Annlies, rnff ean Koihstall neawer. 
De Liwig") sillt mol glaich do reawer." 
Die Annlies rüis, d'r Liwig M)ui n ) 
Ean ean die Hand d's Schraiwe nuhm 
Ean lüiß") doas Dienk wäi Wasser. 
„Ne Boarer," führ he"), „met Verstand, 
Däi Schoul däi soll jo blaiwe, 
Nor sinn") däi grüße Jonge noach 
Zwie Oweder") ean jeder Woch 
Lern Reachen, Lease, Schraiwe." 
D'r Borgermeester roacht, ean roacht, 
Ean lääkt die Stirn ean Faate"): 
„Do Hufe wierer aut gemoacht, 
Doas konnte se b'haale —. 
Woas meeste, Liwig, mach ich do?" 
„Doas giiT 17 ) uch jo e'lee naut o, 
Bestellter d'r Gemeeneroth 
Ean sahr'm"), wäis eam Schraiwe stitt, 
Ean der beschlüißt, ean ihr verderbts 
Doach dv met oisem Landroath nitt." 
D'r Hennerhanse Hansekob"), 
D'r Ruhrepiresch Peter^o) 
Däi komme ean Borgermeestersch Stob, 
Sai Paische roacht e jeder. 
Erscht schwätze se vom Zabbewirth^'), 
Wäi do o jedem Owed wird 
G'soffe ean die halwe Noacht, 
G'spielt, g'zeankt, g'songe, 
Ean nachher off d'r Gass' g'mvacht 
Speakdoakel vo d'r Jonge. 
Da schwätze se vom däife Schuäi^), 
Ean deß doach ncmt z' draiwe — 
Kenn Hanel") ging, kenn Hänler kiem. 
Der Firgin kais ean der se mein") — 
Vom Mcart do kinnt m'r blaiwe. 
Da schwätze se vom Schnvabbezeug^), 
Vo Moudfäul ean vom koale Braad^'), 
Vom „schelme Werk" der Klaitweseuch, 
Däi hau d'r Scheefer sresch g'saht^ 7 ).
	        

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