Full text: Hessenland (15.1901)

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Sie fügte bei jedem Almosen, deren sie in ihren 
bescheidenen Verhältnissen so reichlich gab, zu meiner 
Mutter gewandt hinzu, daß ja Tante Molchen 
nichts mehr brauche, und daß sie das in ihrem 
Geiste verwerthen müsse. 
Ob Tante Hannchen zu den Menschen zählte, 
die von der Lebenssonne unberührt geblieben oder 
ob ein tiefer Kummer sie beschwerte, weiß ich nicht. 
Thatsache ist, daß sie sich mehr zu den Bedrückten 
hingezogen fühlte als zu den Glücklichen. Bei den 
Glücklichen fürchtete sie allezeit die Dinge, die noch 
kommen würden, und sie betrachtete jene mit viel 
mehr Mitleid als diejenigen, die in Kummer und 
Sorgen lebten. Es blieb eine stets in besorgtem 
Tone gesprochene Redensart von ihr: „Was wird 
wohl jetzt kommen?" 
Mein älterer Bruder, damals Sekundaner, ließ 
dieselbe bei seinem improvisirten Theater, aus 
welchem er alle unsere Bekannten mit originellstem 
Impressionismus und in wohlgelungeuen, von ihm 
selbst gemalten Figuren zur Aufführung brachte, 
stets erscheinen, um ein Unglück zu verkünden. 
Ihr großer Beutel, mit dem sie, die Hand am 
Schloß, dargestellt war, bewegte sich krampfhaft, und 
die Theilnahme, mit dem sie von dem Unglück 
sprach, das noch gar nicht da war, brachte mein 
Bruder so großartig zur Wirkung, daß ich heute 
noch darüber erstaune, wenn ich zurückdenke. 
Mein Vater, den sie ganz besonders hoch ver 
ehrte, meinte gelegentlich, daß er diese unmvtivirte 
Angst und Vorsorge nicht in Einklang bringen 
könne mit ihrem ergebenen, frommen Sinn und 
ihrem Gottvertrauen. Aber das änderte nichts — 
vor ihr wogte ans lauter Mitgefühl das menschliche 
Elend, wie ein brausendes Meer, das jeden Augen 
blick überzuschäumen drohte. Aber wenn sie einen 
wirklichen Kummer oder eine Sorge hatte, dann 
war sie in der That heiter und gottergeben, und 
der Pompadour war mit noch mehr Liebesgaben 
angefüllt wie gewöhnlich. 
„Sehn Sie, liebes Kind," pflegte sie dann zu 
meiner Mutter zu sagen, „ich trage das, was mir 
Gott geschickt hat, heiter; ich weiß, er ist. gerecht 
und ich darf nun aus eine bessere Zeit hoffen." 
Selbstlos wie sie war, sorgte sie nur für Andere, 
niemals für sich selbst. Ihr Lebensinhalt waren 
die Kinder ihres einzigen Bruders, der in einer 
kleinen Stadt eine Apotheke besaß. Dessen ältester 
Sohn Albert, mit dem sie alle Sorgen der 
Studentenzeit durchgemacht hatte und den sie 
pflegte und hegte wie die beste Mutter, war der 
Lichtpunkt ihres Daseins. Ein braver, ordentlicher 
und tüchtiger Mensch wie er war, galt er ihr für 
das Urbild aller Vollkommenheit. 
Sie stickte und arbeitete mehr als je, verkaufte 
ganz im Verborgenen ihre Arbeiten nach Frankfurt 
und war heiter und ausgeräumt. 
Wenn mein Großvater bei uns zu Besuch war, 
der den Charakter seiner Cousine besonders schätzte, 
dann war sie viel in unserem Hause, und die 
beiden alten Leute behandelten sich mit einer alt 
modischen Courtoisie, die uns Kinder höchlichst 
ergötzte. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß 
Tante Hannchen einmal jung gewesen war, und 
stand wie ein Oelgötze, als mein Großvater gelegent 
lich erzählte, daß er mit seiner Cousine aus einem 
Balle gewesen sei, wo sie Vergißmeinnicht im Haar 
getragen und hübsch ausgesehen habe. 
Ich dachte darüber nach, und da ich nicht einig mit 
mir werden konnte, fragte ich meinen Bruder 
Ferdinand, der für mich der Inbegriff alles Wissens 
war, ob er glaube, daß Tante Hannchen jung und 
schön gewesen sei? Ja, er glaubte es, zu meinem Er 
staunen, und ich fragte dann weiter, welche Mittel 
der liebe Gott gebrauche, um junge Menschen alt 
zu machen. 
„Die Zeit, kleiner Dummkopf," sagte er, „weiter 
nichts, nun frage nicht mehr und warte, bis Du 
selbst alt bist." 
Ich wollte aber nicht alt werden, um feinen 
Preis, und beruhigte mich erst, als meine Mutter 
versicherte, daß darüber noch viele, viele Jahre 
vergehen würden. 
Das Staatsexamen ihres Neffen rückte immer 
näher, und da alles so glatt von statten gegangen 
war, so bildete sich die gute Tante steif und fest 
ein, daß im letzten Augenblick noch etwas Un 
geheuerliches kommen und ihr Nesse durchsallen 
werde, ein Kummer, der ihren Bruder zu Boden 
drücken würde. 
Sie war aufgeregt wie nie, machte alle möglichen 
Gelöbnisse an Arme und Unglückliche, wenn dieser 
schreckliche Druck von ihr genommen würde, und 
versprach sogar, mir einen Kragen zu sticken, ä la 
Maria Stuart, den ich bei meiner Konfirmation 
tragen diirfe. 
Es vergingen Wochen unb Tante Hainichen ließ 
sich nicht bei uns sehen. Meine Mutter machte 
sich Sorgen ihretwegen, und als der verhängniß- 
volle Tag endlich kam, konnte sie es nicht unter 
lassen , sie aufäiifudjen, um sie nötigenfalls zu 
trösten. Ich durste sie begleiten. 
Als wir an ihrer Thüre klopften, antwortete 
uns ein durch Thränen ersticktes „Herein!" 
„O Gott, also doch!" ging es lautlos über 
die Lippen meiner Mutter, und mir selbst wurde 
es bang, als stände ich vor einem Verhängniß. 
Allein als ich die Thüre öffnete, war es zuerst 
der schlanke Neffe, der uns lächelnd entgegentrat,
	        

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