Full text: Hessenland (15.1901)

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auf der Maberzeller Höhe angelangt, das pracht 
volle Panorama der Rhön vor mir hatte, so 
schön wie wohl kaum ein zweites Gebirgspanorama 
in ganz Deutschland anzutreffen ist. Dieses 
Panorama hatte ich denn auch fortwährend zur 
Linken, als ich im Postwagen von Fulda nach 
Hanau fuhr, um hier mein neues Domizil auf 
zuschlagen. 
(Fortsetzung folgt.) 
Das Meer der Wahrheit 
Glänzt spiegelklar, wie es von /Insang war, 
6in ßeii'ges Meer. Kn feinen Ufern ruhet 
Der Weisen Schaar. 
Sic flohen dürstend aus der Welt der Lüge 
Und füllen nun, auf daß fie sehend werden, 
Die Krüge .... 
Und aller Lippen netzen sich .. . und jeder Pilger winkt 
Den armen Lhoren, die da ferne steh'n: 
„Kommt auch und trinkt^“ 
Das Meer ist unergründlich tief und unermeßlich groß. 
Der Hebung harren reiche Wunderschätze 
in seinem Schooß .... 
Die ew'gen Wasser schweigen, wie sie sich nie geregt. 
Lobt auch der Sturm: das heii'gc Meer der Wahrheit 
Bleibt unbewegt. 
kavolzhausen. § ascha 6 Isa. 
HTpHbr 
vanke ßannchen. 
(Eine Erinnerung.) 
K inder begreifen selten die Handlungen und das 
Gebühren alter Leute, aber die Dinge bleiben 
ihnen im Gedächtniß; und später tauchen sie aus 
dem Schatz der Erinnerungen auf und man sängt 
an zu begreifen und zu verstehen. 
So hat mich durch mein ganzes Leben hindurch 
die Gestalt einer alten Dame begleitet, die, als ich 
ein Kind war, in unserem Hause ab- und zuging 
und von meinen Eltern mit besonderer Hochachtung 
behandelt wurde. Sie war eine Cousine meines 
Großvaters, und wir Kinder nannten sie, wie meine 
Mutter es that, „Tante Hannchen". Sie war in 
beständiger Trauer um eine verstorbene Schwester, 
die mit ihr Alter und Einsamkeit getheilt hatte 
und an deren Tod sie sich nicht gewöhnen konnte. 
Ich erinnere mich dieser Schwester „Matchen" nur 
schemenhaft, wie einer verklungenen Sage. Tante 
Hannchen sprach von ihr stets, als ob sie noch 
lebe, in einer rührenden Weise, halb allegorisch — 
ihren Tod ignorirend. Wir Kinder quälten meine 
Mutter um Einzelheiten aus Tante Malchens Leben, 
die uns eine himmlische Erscheinung geworden war 
und schattenhaft die Schwester begleitete. 
Der Eindruck dieser tiefen und edlen Trauer ist 
mir geblieben, und ich bin einer ähnlichen nicht 
oft im Leben begegnet. 
Tante Hannchen lebte nach dem Tode der 
Schwester in der gleichen Wohnung weiter, sie 
würde dieselbe schon aus Pietät niemals ohne 
Zwang verlassen haben, denn Schwester Matchen, 
als die Aeltere, hatte die einfachen Möbel der beiden 
Zimmer, die sie bewohnten, so geordnet wie sie 
standen, hatte die Uhr allwöchentlich ausgezogen, 
die ein Erbtheil der verstorbenen Eltern gewesen, 
und den Platz am Fenster inne gehabt, der jetzt 
ihrem Kanarienvogel zugewiesen war. Ich bin 
sehr oft im Auftrag meiner Mutter in diesem 
Zimmer gewesen, bald mußte ich Tante Hannchen 
Spargel aus unserem Garten bringen, bald Obst, 
bald ein Stückchen von einem im Hause gebackenen 
Kuchen und was dergleichen mehr war. Immer 
fand ich Tante Hannchen an ihrem Arbeitstischchen 
am Fenster, die Brille auf der Nase, an einer 
ihrer kunstvollen Stickereien arbeitend, mit denen 
sie alle Lieben, die ihr nahe standen, beglückte. 
Das Zimmer mit den beiden Fenstern, nach dem 
Heumarkt gelegen, von denen man bis hinunter in 
die tief gelegenen Straßen blicken konnte, habe ich 
nie vergessen. Es war, so einfach es auch in 
seiner penibeln Reinlichkeit aussah, von einem vor 
nehmen Geist beseelt, von dem ich mir zwar 
damals noch keine Rechenschaft ablegte, aber der 
schon ans mich wirkte — tief und unbewußt. 
An langen Winterabenden, die sie in unserem 
Hause verbrachte, zog sie oft, sobald sie abgelegt 
hatte, aus dem schwarzen, umfangreichen Sanunt- 
Pompadour, den sie bei sich trug, einen langen 
seltsamen Strumpf, an dem sie strickte; sie machte 
bei jeder Masche eine lange wollene Schlinge nach 
innen, so daß derselbe dick wie Pelz wurde. Diesen 
langen Strumpf erhielt alljährlich ein alter ein 
beiniger Invalide, von dem sie sagte, daß er an 
dem einzigen Beine sehr fröre und daß es sie 
beruhige, etwas zu seiner Erleichterung beizutragen.
	        

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