Full text: Hessenland (15.1901)

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wie Stegmann. Von ganz besonderem Ein 
fluß war auf mich Hessel. Bei ihm lernte man 
namentlich Gestaltenkunde nach dem von ihm 
entwickelten System und in Verbindung hiermit 
alles, was sich auf Krystallographie bezog. Ich 
interessirte mich speziell für die Hessel'schen Lehren 
und erlangte auch eine große Fertigkeit im Be 
rechnen, Aufzeichnen und praktischen Darstellen 
der schwierigsten Krystallformen. Die Vorlesungen 
Kolbe's über Experimentalchemie waren sehr be 
sucht und galten für ausgezeichnet. Bei Zw eng er 
arbeitete ich im chemischen Laboratorium. Unter 
den beschreibenden Naturwissenschaften zogen mich 
am meisten Botanik und Mineralogie an. Für 
erstere hatte ich mich schon als Gymnasiast, ja 
schon in meiner Dorfschulzeit interessirt. Aber 
auch Mineralogie und Geglogie trieb ich praktisch, 
indem ich auf meinen zahlreichen Wanderungen in 
der Umgegend von Marburg, sodann "auch aus 
weiteren Touren, namentlich durch die Rhön, 
Mineralien zu sammeln Pflegte. Auch machte ich 
in den Ferien verschiedentlich Ausflüge nach 
Nentershausen, woselbst mein Bruder Wilhelm 
Verwalter der Apotheke war, und sammelte im 
Richelsdorfer Bergwerk manche seltene Mineralien. 
So konnte ich mich denn nach Vollendung des 
siebten Semesters zum Fakultätsexamen melden 
lind bestand dies vor der betreffenden Kommission, 
den Herren: Gerling, Hessel, Rubino und 
Weißenborn, am 3. Mai 1857. 
Nach dem Examen reiste ich in meine Heimath 
zurück, um abzuwarten, an welches Gymnasium 
mich das hessische Ministerium als Probekandidat 
weisen werde. Am liebsten war es mir nach 
Fulda zu kommen, und ' in der That erhielt ich 
auch unter dem 14. Mai 1857 von dem Gymnasial 
direktor S ch w a r tz die Mittheilung, daß ich mein- 
Probejahr am Gymnasium zu Fulda abzuhalten 
habe; vorher aber sollte ich mich nach Hanau 
begeben, um dort aushilfsweise für den erkrankten 
Lehrer der Geographie und Naturwissenschaften 
Dr. Do mm er ich einzutreten, zugleich gegen eine 
monatliche Vergütung von 20 Thalern. Mit 
freudigem Herzen zog ich daher kurz nach meinem 
Abgänge von der Universität nach Hanau. Bevor 
ich jedoch zur Schilderung meiner Hanauer Zeit 
übergehe, muß ich noch einiges über meine Stu 
dentenzeit berichten. 
Das damalige Marburger studentische und das 
übrige gesellschaftliche Leben überhaupt war wesent 
lich anders wie heutzutage. Marburg hatte zwischen 
230 bis 250 Studenten, und diese waren, einige 
Ausländer abgerechnet, meistens Söhne hessischer 
Beamten und überhaupt Söhne aus hessischen 
Familien. Es kam daher vor, daß ein Student 
fast alle seine Kommilitonen kannte, und im Zu 
sammenhang hiermit herrschte ein patriarchalisches 
Leben. Ein Luxus bei den Studenten war nicht 
üblich, weder im äußeren Leben noch im Essen und 
Trinken. Auswärtige Biere trank man damals 
nicht, die Marburger Bierbrauereien stillten allein 
den Durst, der übrigens damals gerade so groß war 
wie heutzutage; nur war er mit viel weniger Geld 
ausgaben zu stillen. Ein Student, der einen Wechsel 
von 300 Thalern besaß, galt für sehr gut situirt. 
Die Assistenten an den Kliniken und den paar 
anderen Instituten bekamen 200 Thaler Gehalt, 
und wohl selten kam es vor, daß diese Herren 
noch besonderen Zuschuß von Hause beanspruchten. 
Ich habe die längste Zeit als Student für 
30 Pfennige zu Mittag gespeist und mit mir 
viele andere. Das Abendessen im Museum 
kostete 20 Pfennige. Somit war in Marburg 
billig leben, zumal die Wohnungen sich im Preise 
zwischen 10 bis 18 Thalern im Semester be 
wegten. Für den letzteren Preis wohnten nur 
sehr wenige und selbstverständlich nur die Best- 
situirten. 
Meiner musikalischen Fertigkeiten wegen war 
ich in vielen Familien gern gesehen imb erhielt 
oftmals Einladungen, zumal ja auch die junge 
Damenwelt damals gerade so wie heute den 
Bruder Studio gerne sah und ihm freundlich 
entgegen kam. Es wurde in solchen Gesellschaften 
in einfacher Weise gespeist, musizirt und öfters 
auch ein Tänzchen arrangirt. 
Meiner angeborenen Neigung, hinaus in Gottes 
freie Natur zu ziehen, habe ich als Student in 
hohem Maße entsprochen. Es gab wohl wenige 
Studenten, die so gern Ausflüge machten wie ich, 
und bis auf eine Entfernung von 3 bis 5 
Stunden lernte ich die Umgegend von Marburg 
genau kennen. Namentlich waren es die um 
liegenden Städtchen Wetter, Rauschenberg, Kirch- 
hain und Amöneburg, wohin ich oft meine 
Schritte lenkte. In Amöneburg besuchte ich 
regelmäßig den Dechanten Müller, einen ge 
borenen Fuldaer, der als geistlicher Herr bei 
Katholiken und Protestanten in hohen Ehren 
stand und sich namentlich durch eine liebens 
würdige unbegrenzte Gastfreundschaft auszeichnete. 
Das waren schöne Stunden, die ich aus der 
prägnanten Höhe der Amöneburg verlebte, wenn 
der genannte freundliche Gastgeber die Becher er 
klingen ließ, wobei Heiterkeit und Witz sich mehr 
und mehr entwickelte. 
Von größeren Ferienausflügen nenne ich vor 
allen die nach der Rhön hin. Ich war immer 
glücklich, wenn ich in den Ferien von meiner 
Heimath aus nach Fulda marschirte und, oben
	        

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