Full text: Hessenland (15.1901)

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Dou glaabst beim Strauß, 's wär nur drim, 
Wäi dou do schih gebabbilt — 
Woas lääfst dou dann eam Korn erim 
Ean Host di Frücht vertrappilt? 
Geaw oacht, daß dich d'r Schetz y näit kräit. 
Mir fährt's dorch alle Glirrer. — 
Su Buosse 2 ), Hannes, mächt m'r näit ; 
Douhs nur beileib näit wirrer! 
In diesem kleinen Gedicht spricht sich der ganze 
Muthwille Geibel's und der überlegene Humor 
ans, mit dem er das Leben der Bauern betrachtet, 
es charakterisirt aber auch zugleich die ganze Ver 
achtung des Wetterauer Bauern gegen alle Neue 
rungen und alles Abweichen vom Herkömmlichen. 
Der Bauernbursch hatte seiner Geliebten einen 
Strauß geschickt, und sie verlangte einen zweiten 
noch größeren, damit ihn die bunte Kuh fressen 
könnte, und kein anderer Gedanke beherrscht sie, 
als daß der brave Liebhaber im Korn herum 
gelaufen und die Früchte vertrappelt habe. 
Typen wie der Bauernbursch, der absolut 
studiren will und doch zu einem Schuster in die 
Lehre kommt, um diesem schließlich wegzulaufen 
und Pfarrer zu werden, oder der „Hansepeter", 
der der „Lore" anstatt eines Hasen eine Katze 
zum Braten bringt, der „Hecke-Hannjer", die 
„Leackmerje-Grith", der „Bültes -Löpps", der 
„Ruthlaussfänger" Hannes, der „Tnwoacks-Balzer" 
werden immer wieder in den Wetterauer Dörfern 
zu finden sein, mag die Zeit noch so rüstig fort 
schreiten, mögen Eisenbahnen und elektrische Drähte 
die Städte der Wetterau miteinander verbinden, 
die stillen abgelegenen Dörfer mit ihrer ertrags 
reichen Feldmark, ihren duftenden blühenden 
Wiesen, ihren waldigen Abhängen und ihrem 
reichen Obstbaumschmuck werden unberührt bleiben 
von den Wogen des modernen Lebens, und Peter 
Geibel ist ihr naiver Darsteller, in seiner Kunst 
losigkeit einer der kunstvollsten Dichter seiner Zeit. 
Er ist mitten unter seinen Gestalten aus 
gewachsen und hat fast sein ganzes Leben unter 
ihnen verbracht, und in dem Bauernburschen, der 
studiren will und den der Vater mit allen Mitteln 
davon zurückhält, schildert er sich selbst. Denn 
bis zu seinem neunzehnten Jahre hat er in seinem 
Geburtsort Kleinkarben den Acker gepflügt, den 
Dung hinausgefahren, die Wiesen gemäht und 
das Vieh gefüttert, dann starben ihm die Eltern, 
und schnell verkaufte er seinen ganzen Besitz, ließ 
sich von dem Ortsgeistlichen in die Geheimnisse 
des Lateinischen und Griechischen einweihen und 
kam im Jahre 1861, fast zwanzigjährig, nach 
Büdingen aus das Gymnasium in die Tertia, 
sein ganzes Vermögen in einem wollenen Strumpf 
mit sich führend. Da er besonders im deutschen 
Aufsatz nicht recht vorwärts kam, begann er viel 
zu lesen, wahllos bald einen Klassiker, bald einen 
modernen Dichter. In jener Zeit tauchte zuerst 
der Gedanke in ihm auf, Gedichte zu machen, 
und zwar gleich im Dialekt. Einer seiner Schul 
freunde theilte mir die ersten drei Zeilen seines 
ersten Gedichtes aus der Erinnerung mit, das 
gegen einen Mitschüler Namens Jacobi gerichtet 
war. Es fing an: 
„Da owe in d'r Owergaß, 
Da wohnt die alte Waschfraabas', 
Die Waschfraa Jacobe." 
In der Fortsetzung des Gedichtes verspottete er 
seinen Mitschüler wegen seiner borstigen Haare, 
die alle Pomade nicht glatt zu machen vermochte. 
Er behauptet von ihm, daß er vor dem Schlafen 
gehen eine lederne Nachthaube aufsetze, damit er 
die Kissen nicht durchlöchere. Man sieht in der 
Betonung des Namens Jacobi, daß Peter Geibel 
in jenen Tertianer-Jahren noch nicht aus sicheren 
Versfüßen stand, ein Mangel, den er später voll 
ständig abgelegt hat, denn seine Gedichte sind 
trotz der Schwierigkeit des Dialektes von einer 
überraschenden Formgewandtheit. 
Im Jahre 1864 oder 1865 trat Peter Geibel 
dann nach glücklich überwundener Unter- oder 
Obersekunda aus dem Gymnasium aus, weil er 
doch zu dem Abiturienten-Examen zu alt ge 
worden wäre. Er ging nach Gießen und studirte 
dort Thierheilkunde, um es schließlich im Jahre 
1870 nach bestandenem Examen zum Thierarzt 
zweiter Klasse zu bringen. Eine Staatsanstellung 
konnte er nach den hessischen Bestimmungen nicht 
bekommen, weil er das Abiturienten-Examen nicht 
abgelegt hatte; er praktizirte dann im Hessenland 
herum, anfänglich in Büdingeil, später in Batten 
berg und dann in Höchst. Ueberall im Land war 
er bekannt, und wenn man im Dorf oder in der 
Stadt ein lautes, anhaltendes , Husten hörte, so 
wußte man, daß Peter Geibel bald um die nächste 
Ecke biegen würde. Er stützte sich gewöhnlich mit 
zwei Händen vorwärts geneigt auf seinen Stock 
und hustete, als ob er am Sterben wäre. Ob 
das nun in einer eleganten Straße in Darmstadt 
war, oder auf der belebten Badepromenade in 
Homburg, oder in einer Dorsstraße, war dem 
Dichter ganz gleichgiltig. 
Bis an sein Lebensende ist er sich selbst treu 
geblieben, der ehrenfeste, knorrige Wetterauer 
Bauer, dessen rauher Außenseite man die seinen 
Empfindungen, die seine Seele belebten, nicht zu 
getraut hatte, die unbegrenzte Liebe zur Natur, 
die er in rührenden Gedichten besungen hat. 
y Feldschütz, 5 Possen.
	        

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