Full text: Hessenland (15.1901)

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fl Büchlein. 
fl seht ihr, fl bunt. 
Peter Gerbe!. 
Erinnerungen an den Heimgegangenen Dichter von Ferdinand Runkel. 
„Gih Fraa, mach Katosfil iwwer, 's komme 
läiwe Gast", das ist das letzte charakteristische 
Wort, das ich aus dem Munde Geibel's in seinem 
stillen Dichterheim in Höchst gehört habe. Es 
ist insofern charakteristisch, weil die Stunde, zu 
der Frau Geibel „Kartoffeln übermachen" sollte, 
die war, wo man in den kleinen Städten den 
Nachmittagskaffee nimmt, nämlich Zwischen zwei und 
drei. Mit der Veranlassung, zu diesen Worten 
verhielt es sich folgendermaßen: Ich war im 
Ansang des Jahres 1891 nach Berlin gekommen 
und fast zu gleicher Zeit war eine neue Auflage 
von Geibel's Gedichten in Wetterauer Mundart 
(Friedberg, bei C. Scriba) erschienen. Mein Erstes, 
was ich that, war, in einem längeren Artikel aus 
den höchst originellen und ganz selbstständig ent 
wickelten Dichter hinzuweisen. Peter Geibel war 
darüber außerordentlich erstaunt, daß er in einem 
Weltblatt wie dem „Berliner Tageblatt" für die 
Welt der Literatur, entdeckt wurde. Seine be 
scheidene zurückhaltende Natur konnte das anfäng 
lich nicht recht begreifen, denn er hatte, wie alle 
begabten Menschen, gar keine rechte Vorstellung 
von dem Werth seiner Schöpfungen. Er hielt sie 
vielmehr für gar nichts Besonderes, weil er sie 
sozusagen aus dem Aermel schüttelte. Schließlich 
aber wurde er sich der Bedeutung dieses kritischen 
Aufsatzes voll bewußt und bestellte sich 50 Exem 
plare der betreffenden Nummer. Er erkundigte 
sich dann bei meinem Bruder, der als Assessor 
am Amtsgericht in Höchst sungirte, nach dem 
Kritiker gleichen Namens und erfuhr zu seiner 
Freude die verwandtschaftlichen Beziehungen zu 
dem ihm vom Stammtisch her bekannten Assessor. 
Während meiner Sommerferien kam ich dann 
nach Höchst, und der . erste Schritt, den ich über 
die Schwelle Peter Geibel's that, geschah unter 
den Eingangs citirten Worten. Seitdem sind 
wir nicht mehr auseinander gekommen. Ab und 
zu erhielt ich eine Nummer des „Oberhessischen 
Anzeigers" mit einem neuen Gedicht, das stets 
die unveränderte Frische von Geibel's kernigem 
Humor bewies. Diese Gedichte hat er dann 
schließlich im Jahre 1895 unter dem Titel „Mein 
schinste Gruß d'r Wearreraa!" gesammelt und 
mir mit folgender Widmung geschickt: 
„Hai scheü ich och e Beuchilche *), 
Goar lostig eaß seih Scann; 
Doach tveäilte mit eans Deuchilche 
Ean leaßt mer fleißig dreann. 
Do seacht 'r fl, wäi 'r leibt ean leabt, 
D'r Mann d'r Wearreraa. 
Ean wäi sich Lost ean Laad verwebt 
Bei ihm ean seiner Fraa. 
Dann bei uhm broave Bauernstand 
Eas immer eabbes luhs. 
Aich scheck och ans 'm Hesseland 
Mein allerschinste Gruß!" 
Daß beim braven Bauernstand immer etwas 
los sei, bewiesen des Dichters Worte, wenigstens 
hat er immer etwas gefunden, das ihm Stoff 
gab zu leidvollen oder freudvollen, derben oder 
poetischen Gedichten. Er mochte einen Stoff auf 
greifen, welchen er wollte, immer verstand er es, 
ihm die charakteristische Seite abzugewinnen. Als 
Beobachter des bäuerischen Kleinlebens steht er 
ebenbürtig neben den besten Poeten unserer Zeit, 
und er ist insofern, obwohl abseits von allem 
literarischen Streit und Cliguenthnm, einer unserer 
allermodernsten Dichter und zweifellos ein reali 
stischer Darsteller bäuerlicher Typen erster Klasse. 
Es ist eben traurig, daß der schlichte Dialekt 
dichter immer unterschätzt wird, aber es ist auch 
natürlich, denn nicht jeder ist so glücklich, einen 
weit vertretenen Dialekt wie den niederdeutschen 
zu schreiben, nicht jeder hat die Zeit, in langen 
Romanen sich auszugeben, sondern viele (und zu 
ihnen gehörte Peter Geibel) verbrauchen sich im 
Tagewerk und gestatten nur in den Feierstunden 
ihrer Muse Zutritt. Geibel's Dialekt wird blos 
in der Wetterau, von „Gäisse bis noch Hane", 
gesprochen und verstanden. Darum konnte natür 
lich Geibel nur dort populär werden, und nur 
dort konnte man ihn nach seinem wahren Werth 
einschätzen. 
Sein Humor ist so voll und echt und so fern 
von jeder platten Witzelei, daß selbst Norddeutsche, 
die sich nur schwer in dem Dialekt zurechtfinden 
können, erstaunt sind, wenn man ihnen einige 
Perlen aus Geibel's Leöenswerk vorträgt. Ich will 
aus dem reichen Kranz nur eine Blume pstücken 
und als Probe in dieses Erinnerungsblatt einfügen. 
D'r sch in st Blomm ihrn Dank. 
Schön Dank,' schön Dank für'n schine Strauß, 
Laib Hannesi. meih gourer! 
Meih Boatter reust uhm Stall eraus: 
Doas gebt sür'n Gaul e Fourer! 
Scheck noach 'n grüße Strauß dezou. 
Laib Hannesi, meih klahner! 
Dean freßt denoach uhs bontig fl Kouh . . . 
Su domm wäi duo eaß Kahner:
	        

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