Full text: Hessenland (15.1901)

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Das Jahr 1847 war für mich ein ernstes, 
indem am 17. Dezember mein lieber Vater 
starb. Sein ■ Tod brachte für meine Mutter und 
uns Geschwister, meine beiden älteren Brüder 
und meine ältere Schwester, eine ernste Zeit. 
Die Rechtsverhältnisse lagen nicht so ganz einfach, 
und mußte höheren Orts erst entschieden werden, 
ob mein ältester Bruder Karl die Administration 
der Apotheke übertragen bekam, bezw. der Besitz 
der Apotheke aus ihn später übergehen konnte, 
denn dieser stndirte in Gießen und hatte für eine 
Administration der Apotheke noch sein Staats 
examen zu machen. Die Entscheidung fiel jedoch zu 
unseren Gunsten aus und war hiermit eine bange 
Zeit vorüber. Daß ich als Untertertianer hierbei 
schon mitfühlte und mit den Meinigen in Be- 
sorgniß war, läßt sich denken. Ich hatte längere 
Zeit nicht so die innere Ruhe wie sonst. 
Andere Ereignisse fielen auch noch in meine 
Tertianerzeit: die politischen Ereignisse des Jahres 
1848. Dieses merkwürdige Jahr riß Jung und 
Alt in seinen Strudel hinein, und auch wir Schüler 
der Tertia gehörten zu denen, auf welche dieses 
Jahr einwirkte und vielfach störend sich geltend 
machte. Wie konnte es anders sein, wenn man 
täglich sah, wie die Verhältnisse sich umgestalteten 
und „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" Worte 
waren, die auch aus uusere Fahnen geschrieben 
wurden. Ja, dieser politische Geist drang ganz 
ernsthast in's Gymnasium ein und auch die 
Primaner und Sekundaner „petitionirten", sie 
wollten nicht mehr mit „Du", sondern mit „Sie" 
angeredet werden, sie wollten auch die Freiheit 
haben, in's Wirthshaus gehen zu dürfen. Das 
erstere wurde ohne.Weiteres genehmigt und auch 
das zweite in weitgehendem Maße erlaubt. Ich 
weiß nicht, wie es jetzt in Fulda ist. Als ich 
in Sekunda und Prima war, durften wir Schüler 
Sonntags, Mittwochs und Sonnabends Nach 
mittags vier Felsenkeller besuchen. Wir verkehrten 
da ganz ungenirt in der guten Gesellschaft 
Fuldas, lernten hierbei gesellschaftlich taktvolles 
Benehmen, und nie ist es vorgekommen, daß 
irgend welche Klagen über uns laut wurden. 
Kaum waren die Wirkungen dieses vielfach 
tollen Jahres etwas abgeschwächt, als ein neues 
Ereigniß eintrat, das abermals uns Schüler in 
Bewegung erhielt und diesmal 'uns auch ver 
anlaßte, einigermaßen politisch Stellung zu nehmen. 
Die verhängnißvolle Steuerverweigerung in Kur 
hessen war erfolgt. Am 2. November 1850 
rückten 25 000 Mann preußischer Truppen in 
Fulda und Umgegend ein, und am 8. November 
erfolgte die sogenannte „Schlacht bei Bronzell". 
Man kann sich denken, welche Aufregung in uns 
Gymnasiasten hinein kam. Wenn während des 
Unterrichts Generalmarsch geblasen wurde, war 
es mit unserem Ruhehalten vorbei und wurden 
wir dann einfach entlassen. Wir waren wohl 
meistens aus Seiten der Preußen und mit den 
preußischen Truppen sehr erregt, als nach der 
Bronzeller Affäre diese Truppen dem Befehl zum 
Rückzug folgen mußten. Doch neue Eindrücke 
kamen am 9. November, als die Bundestruppen, 
Baiern und Oesterreicher, einrückten und insbe 
sondere die ersteren sich dauernd festsetzten, bis sie am 
28. Juli 1851 Mittags, während einer totalen 
Sonnenfinsterniß, ihren Abzug nahmen. Diese 
militärische Besatzung in Fulda ließ auch uns 
Schüler nicht gleichgiltig und wurden wir mit 
manchem Offizier und Unteroffizier der sogenannten 
„Strasbaiern" mehr und mehr bekannt. All' 
diese neuen Eindrücke waren einem sonst ruhiger 
verlaufenden Studium nicht gerade günstig. Doch 
hielten wir der Hauptsache nach treu zu nuferer 
Schule und erreichten so doch mit Sicherheit 
unser Ziel. Unserer Freiheit, Gleichheit und 
Brüderlichkeit freilich war mit dem Einrücken 
der Bundestruppen schnell ein Dämpfer aus 
gesetzt, und schnell schwanden bei unserer Kleidung 
die schwarzen Heckerhüte mit scharlachrothen Strauß 
federn und die schwarz-roth-goldenen Kokarden. 
>g folgt.) 
Wenn Wenar ich von tiefem Leia beclrückr . . . 
Wenn Abends ich von tiefem Leid bedrückt 
Durch Schnee und Eis geeilt nach Tagesmühen 
Nach meinem k)eim, wo mich kein Gruß beglückt, 
Wo eisige Blumen an den Fenstern blühen 
Und kalte Luft den dunklen Raum erfüllt, 
Da klopft das k)erz zuweilen stürmisch wild, 
Da zieht die ernste Stirne sich wohl kraus, 
Das müde Lfaupt sinkt schwer in kalte Hände, 
Und mit dem Muth,' dem stolzen, ist es aus. 
Nacht um mich her, wohin ich mich auch wende, 
Am winterhimmel nicht ein einz'ger Stern, 
Mein Hoffen todt, und was ich liebte, fern. 
Gießen. 
Da wird der Kampf, der schwerste, mir zu Theil, 
Das Ringen mit dem Glauben, dem vertrauen, 
Doch hält die Liebe mir den Schild zum Heil, 
Sie läßt nach schwerem Kampf den Sieg mich schauen. 
Der Glaube und die Liebe, gut und rein, 
Zieh'« mild versöhnend wieder bei mir ein, 
Der Muth erwacht und weckt die Hoffnung gleich, 
Die ernste Stirn läßt ihre Falten schwinden, 
Des alten Kindes Herz ist wieder weich, 
Sucht mit Geduld den Pfad und muß ihn finden, 
Durch Nacht Zum Licht, der Winter ist vorbei, 
Und jeder Frühling hat ja seinen Mai! 
Iohannelte Lein.
	        

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