Full text: Hessenland (15.1901)

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Aus meiner Dorfschulzeit möchte ich einiges 
anführen, das immerhin auf meine spätere Ent 
wickelung einiges Licht werfen kann. Wer auf 
dem Lande, in einem Dorfe, feine Knabenzeit 
verlebt, entwickelt sich anders als ein Stadtjunge. 
Die freie Natur war für mich alles, und nichts 
Schöneres kannte ich als mit meinen beiden älteren 
Brüdern hinaus in den Wald und über Berg 
und Thal zu laufen. Eine Hauptbeschäftigung 
im Sommer und Herbst war für mich das 
Gänsehüten. Meine Eltern hielten immer eine 
gehörige Schaar Gänse. Diese gingen im Sommer- 
Morgens bis Nachmittags auf die gemeinsame 
Weide, wo viele Hunderte zusammen waren. 
Nachmittags holte ich mir dann meine Schaar 
aus der großen Heerde heraus und zog mit 
ihr noch auf eine bessere Weide, auf Gras 
plätze oder im Nachsommer in die Stoppeln. 
Da war ich denn häufig stundenlang mit meinen 
Gänsen allein und konnte in der freien Natur 
meinen Gedanken freien Lauf lassen. Was ich 
um mich herum sah, prägte sich genau ein, und 
Gegenstände, die ein Stadtkind in seinem ganzen 
Leben kaum zu beachten Pfiegt, interessirten mich 
auf's höchste. 
Besonders aber Zeichnete ich mich damals schon 
durch eine überaus schöne Singstimme aus und 
mußte ich oft in der Dorfschule den übrigen 
Jungen etwas vorsingen. Die damals in Deutsch 
land noch fast mehr wie heutzutage bedeutungs 
vollen Lieder aus der Kriegszeit: „Was blasen 
die Trompeten" u. s. w. hatte mich meine Mutter 
alle gelehrt und versetzte sie sich dann, wenn sie 
mit uns zusammen singen konnte, in ihre eigene 
Jugend, die sie ja zum großen Theil mitten im 
Kriegsgetümnwl der Napoleonischen Zeit verlebt 
hatte und die so auch innigen Antheil nehmen konnte 
an der Freude und dem Jubel, als der gewaltige 
Kaiser, dem sie wiederholt mit ihren Schul 
kameradinnen „Vive l’Empereur“ hatte zurufen 
müssen, endlich gestürzt war und die große Reti- 
rade mit dem Kaiser an der Spitze seiner ge 
schlagenen Armee durch Fulda hindurch ging. 
Ein ernstes Ereigniß fiel in meine Dorsschul- 
zeit, indem ich als achtjähriger Junge einen 
schweren Typhus durchzumachen hatte, nach welchem 
ich längere Zeit eine Nervenstörung davontrug, 
die mich häufig Nachts nachtwandeln ließ, eine 
Krankheit, deren ich mich noch sehr genau erinnere. 
Außerdem trug ich unter den Folgen des schweren 
Typhus ein Ohrenleiden davon und bekam am 
rechten Ohr eine Durchlöcherung des Trommelfells, 
welcher Defekt mir jedoch später, wie sich mehr 
und mehr aus der folgenden Darstellung ergeben 
wird, keinen bemerkenswertsten Nachtheil brachte. 
Meine Gymnasialzeit verlief durchaus regel 
mäßig. Ich kam zu einer Tante in Kost und 
Logis und lernte von Anfang an brav und tüchtig 
weiter. Gleich zu Ostern 1845 stieg ich als 
Primus nach Quinta auf und blieb es bis zum 
Aufstieg von Unter- nach Obertertia, wo sich 
Einflüsse bemerklich machten, die meinem Schul 
fleiß allerdings einigen Abbruch thaten. 
Das Fulder Gymnasium war bekanntermaßen 
im Jahre 1835 reorganisirt worden und stand 
seitdem unter Direktion eines energischen Mannes, 
des Dr. Nikolaus Bach*), der die Anstalt aus 
ihren mehrfach verlotterten Verhältnissen zu neuem 
Glanze emporgehoben hatte. Aber nicht lange 
sollte sich der Reformator seines Werkes erfreuen, 
denn schon im Jahre 1841 raffte ihn der Tod 
hinweg und trat an seine Stelle ein ebenso 
wissenschaftlich tüchtiger, wie schulmäßig gewandter 
Mann, Dr. Ernst Dronke. Unter seinem 
Direktoriunl kam ich in's Gymnasium. Mein 
erster Hauptlehrer in Sexta war ein Mann von 
äußerster Strenge in der Person des Gymnasial 
lehrers Dr. Theodor Gies. Unter ihm hieß 
es lernen und gründlich lernen. Wer bei ihm 
die Deklinationen und Konjugationen gelernt 
hatte, bei dem saßen sie fest, und durch's ganze 
Gymnasium • hindurch stand man sicher aus der 
in Sexta gelegten Basis. Gies ertheilte den 
Unterricht in Latein und in Geographie, und 
auch für letzteres Fach war er ein ausgezeichneter 
Lehrer, der uns namentlich anhielt zum Karten 
zeichnen, worin dann einzelne Schüler geradezu eine 
fast künstlerische Fertigkeit erlangten. 
Dem Wunsche meiner Mutter gemäß itttb auch 
wohl aus finanziellen Gründen hätte ich „geistlich" 
werden sollen und durch Sexta und Quinta hin 
durch hielt ich diese Idee auch wohl fest. Ihr 
gemäß ging ich jeden Morgen, Sommer und 
Winter, in die Pfarrkirche zur sog. Siebenuhr 
messe. Sonntags und im Sommer auch zweimal 
in der Woche hatte das Gymnasium seinen be 
sonderen Gottesdienst in der Nonnenkirche. Vpn 
Quarta an verlor ich aber mehr und mehr den 
Gedanken an das „Geistlich werden" und dachte 
schon daran, mich einstens dem Lehrfach zu widmen. 
Wie schon erwähnt, gab es in meiner Gymnasialzeit 
in Bezug aus mein Fortkommen gar keine Störung; 
da ich auch sonst eine ruhige Natur war, so gehörte 
ich zu den seltenen Schülern, welche während ihrer 
ganzen Gymnasialzeit, durch acht lind ein halbes 
Jahr hindurch, keine einzige Stunde Arrest wegen 
Faukheit oderungehörigenBetragens erhalten hatten. 
*) Vgl. „Hessenlcmd" 1891, S. 4, 20 (Erinnernngs- 
blatt von F. Zwenger); S. 39, 51 (Gedächtnißrede von 
Franz Dingelstedt). (Amn. d. Red.)
	        

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