Full text: Hessenland (14.1900)

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Veränderungen an den Festungswerken große Geld 
opfer kosteten. Gleichwohl blieb die Festung im 
Verlauf des dreißigjährigen Krieges ein starkes 
Bollwerk. Aus jener Zeit wird uns erzählt, daß 
der Wachtmeister Velten Muhly bei Riebelsdorf 
dem gefallenen kaiserlichen General Breda das 
große Schwert abgenommen habe, welches noch 
jetzt im Ziegenhainer Rathhause gezeigt wird. 
Allein, dieses Schwert ist ein Schlachtschwert, wie 
es Reiter nie getragen haben, und dürfte aus 
dem Zeughause stammen, wo im 17. Jahrhundert 
noch zwei derartige Schlachtschwerter vorhanden 
waren. Die reichen Vorräthe des Zeughauses 
überdauerten die Stürme des Krieges, mit Mühe 
hielt man die Festungswerke im Stand, die von 
einer stattlichen Besatzungsmannschaft beschirmt 
wurden, die allerdings mehr und mehr eine Ver 
sorgungsanstalt für erprobte, alte Krieger darstellte. 
Infolge Versagung der nothdürftigsten Unter 
haltungsmittel war es unmöglich die Festungswerke 
derart zu erneuern, daß sie den anrückenden Fran 
zosen hätte trotzen können. Am 23. August 1759 
mußte das unbezwingbare Ziegenhain dem Feind 
die Thore öffnen, und zwei weitere Belagerungen 
in den folgenden Jahren brachten die Festungs 
werke und die Stadt in die traurigste Verfassung. 
Seitdem ging es mit der Festung stetig bergab. 
Noch einmal machte der Ausbruch der Revolutions 
kriege eine Neubefestiguug nothwendig. Den 
dringenden Bitten des letzten Gouverneurs von 
Schenck um Geld gab der Kurfürst Wilhelm I. 
insofern nach, als er eine vollkommen unzureichende 
Summe bewilligte, und dadurch das Schicksal 
Ziegenhains nur noch beschleunigte. Am 1. No 
vember 1806 mußte der Kurfürst in die Ueber- 
gabe der Festung an die Franzosen einwilligen, 
und im folgenden Jahre fielen die stolzen Festungs 
werke für immer. — Am Schlüsse der Sitzung 
wurde aus Anregung des Vorsitzenden Geheimraths 
Di-. Könnecke beschlossen, bei den im kommenden 
Sommer zu machenden Ausflügen vor allem hessische 
Burgen zu berücksichtigen. Ein demnächst erscheinen 
des gedrucktes Zirkular wird das Nähere enthalten. 
Den letzten in der stattlichen Reihe der Vorträge 
des Monats März bildete der von Universitäts 
Professor Di-. Kleinschmidt aus Heidelberg in 
der letzten Kasseler Monatsversammlung dieses 
Winters vom 26. März gehaltene über „Baierische 
Gesandtschaftsberichte aus dem König 
reich Westfalen". Diese Berichte befinden sich 
in dem Baierischen Geheimen Haus- und Staats 
archiv, welches der Forschung erst seit kurzem zu 
gänglich geworden ist. Baiern hat in der Rhein 
bundszeit daraus gehalten, in der Hauptstadt des 
Königsreichs Westfalen durch besonders tüchtige 
Persönlichkeiten vertreten zu sein, alle drei Gesandten, 
die das Königreich Baiern am westfälischen Hofe 
gehabt hat, Max von Lerchenfeld, Wilibald von 
Rechberg und Gras Friedrich von Lnxburg, von 
denen der letzte nur kurze Zeit im Jahre 1813 
in Thätigkeit sein konnte, brachten in ihren Berichten 
Dinge von allgemeinem Interesse vor. Alle drei 
Berichterstatter wissen die in Kassel damals namentlich 
in Bezug aus die Miethpreise herrschende Theuerung 
zu vermelden, die finanziellen Nöthe müssen damals 
in Kassel sehr groß gewesen sein, was vornehmlich 
ans der Höhe der napoleonischen Anforderungen 
und der Höhe der Civilliste Jorôme's zu erklären 
sein wird. Hatten die Gesandten geglaubt in Kassel 
so recht an der Neuigkeitsquelle zu sitzen, so waren 
sie in einem erheblichen Irrthum befangen gewesen, 
Jérôme wie seine Minister waren so schlecht wie 
möglich unterrichtet, von dem französischen Geschäfts 
träger aber, dein aalglatten Reinhard, war so gut 
wie nichts herauszubringen. Selbst bei so wichtiger 
Gelegenheit, wie es die Abtrennung eines Theiles 
von Hannover, der einem Viertel des ganzen 
Königreichs entsprach, sein mußte, die Napoleon 
am 13. Dezember 1810 verfügte, erfuhr Jöröme 
erst durch seinen Minister Simeon nachträg 
lich. Dieser las das Dekret nämlich am 15. De 
zember im Moniteur. Desto besser war man in 
Paris über die Vorgänge in Kassel unterrichtet. 
Der Polizeichef Bercagny und seine Beamten er 
fuhren durch Spione alles und verfehlten nicht, 
nach Paris sofort Mittheilung zu machen. Dem 
westfälischen Militär wandten namentlich die beiden 
letzten Gesandten ihre Aufmerksamkeit zu. Rechberg 
wunderte sich darüber, in welch' kurzer Frist Jérôme, 
nachdem seine Truppen in dem russischen Feldzuge 
so gewaltige Verluste erlitten hatten — von 28 000 
Mann waren nur 2000 zurückgekehrt —, sein Heer 
wieder zu reorganisiren verstand. Auch Graf Lux- 
bnrg erschien das westfälische Kontingent überaus 
kriegstüchtig und gut ausgerüstet, eine Annahme, 
die Napoleon selbst allerdings nicht theilte, er ließ 
die westfälische Armee nämlich nicht als selbst 
ständigen Truppentheil bestehen. Einige Schlag 
lichter ließ der Redner auch auf die darmstüdter 
Verhältnisse jener Tage fallen und zwar nach den 
Berichten des baierischen Gesandten Oberst Sulz er. 
Dort bestand großes Vertrauen in Napoleon's 
Stern und noch nach dessen Niederlage bei Leipzig 
bedurfte es einer nicht eben zarten Einwirkung, um 
Darmstadt zum Anschluß an die Sache der Ver 
bündeten zu bewegen. Der Vortrag, welcher eine 
große Reihe von fesselnden Einzelheiten bot, wurde 
mit lebhaftem Beisall aufgenommen, und der 
Vorsitzende des Abends, Di-, med. Schwarzkops, 
widmete dem Vortragenden warme Dankesworte.
	        

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