Full text: Hessenland (14.1900)

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int Jahre 1089 zuerst erwähnt, der zugleich Schirm- 
vogt von Fulda war. Auch ein Kloster erstand 
iu der Gegeud als Gründung der Grafen, welches 
im Jahre 1207 au den Teutschen Orden kam. 
Derselbe errichtete hier eine Komthurei. Tie letzten 
Grasen traten im Jahre 1219 in den Orden. Burg 
und Gericht gingen säst gleichzeitig dem Orden 
verloren, da die Thüringer Landgrafen Anspruch auf 
Ziegenhainer Schlösser erhoben und die Burg 1225 
vom Landgrafen Kourad erobert wurde; Rechts 
nachfolger der Thüringer Landgrafen waren daun 
die Landgrafen von Hessen. Noch unter Landgraf 
Hermann war die Burg in vorzüglichem Zustande. 
Es waren nach alten Amtsrechnungen ein eigent 
licher Burgriug vorhanden, das landgräsliche Haus 
oder der Palas, die Kemenate, die Kapelle, ein 
Jägerhaus, Backhaus mit Küche und Stallungen, 
tvahrscheiitlich auch Gebäude für die Burgmannen 
und Amtsleute. Zwei Thürme erhoben sich im 
Osten, zwischen ihnen lag das Thor. Bon dort 
führte eine Zugbrücke über den Burggrabeu nach 
dem Psorthause, welches durch die Werke der Bor- 
burg gedeckt war. Da das nahe Lichteuatt immer 
mehr aufblühte, verlor Reichenbach demgemäß an 
Bedeutung. Es wurde hauptsächlich als Jagdschloß 
benutzt. Nachdem Landgraf Ludwig II. dort plötz 
lich gestorben war, wurde die Burg mehr und mehr 
vernachlässigt. 1486 erscheint es zuletzt unter den 
fürstlichen Schlössern, 1499 aber als Kornmagazin. 
1697 standen wenigstens noch beide Thürme. Der 
Appell des Redners, „helft, helft, die letzteit Reste 
alter Herrlichkeit vor gänzlichem Berfall zu retten", 
fand iu der Versammlung den Worten des Vor 
sitzenden des Touristeuvereins Landesraths Klösfl er 
zufolge warmen Anklang, sodaß eine sofort angestellte 
Sammlung ein recht erfreuliches Ergebniß zeitigte. 
In der letzten Sitzung des Hessischen Geschichts 
vereins zu Marburg, am 23. Mürz sprach 
Herr Generalmajor z. D. von Apell über die 
Festung Ziegen Hain. Den Ausführungen, die 
sich auf eingehende Forschungen im Staatsarchiv 
gründen, entnehmen wir nach der Oberhess. Ztg, 
Folgendes: 
Im Jahre 1537 entschloß sich Landgraf 
Philipp der Großmüthige, Ziegeuhain zu 
einer starken Festung zu machen. Die Festungs 
bauten, die etwa 1543 beendet waren, bildeten ein 
unregelmäßiges Viereck, dessen Ecken durch besonders 
starke Bollwerke, später Löwen-, Elephanten-, 
Greifen- und Drachenberg genannt, befestigt waren. 
Auf der zwischen Wall und Graben hinlaufenden 
Berme (Zwinger) wurde die Streichmauer erbaut, 
von der aus eine erfolgreiche Beschießung des 
Graben-Terrains möglich war. Au der Streich- 
mauer wurden auf der Mitte der Kurbinen 
Quartierhäuser für die Zwingerwachtposten erbaut. 
Um den Hauptgraben herum lies ein Weg hinter 
einem breiten Glaeis, die Schar genannt, vor dem 
ein weiterer Graben, weniger tief als der Haupt 
graben, der Schar- oder Vorgraben, lag. Der 
einzige Zugang zur Festung führte von der Vor 
stadt W e i ch h a u s aus durch das sog. Philipps 
thor unmittelbar zum Schloß, dem Sitz der 
Burggrafen itttb Festungskommandanten. In un 
mittelbarer Nähe des Schlosses standen der Rent- 
hos, die Zehntscheuer, die Kirche und verschieden 
artige Wirthschastsgebäude. Im Norden der 
Stadt stand das Zeughaus, im Süden das Wagen-, 
Brau- und das Fruchthaus. In den folgenden 
Jahren war es Philipp's Bestreben, das Zeughaus 
mit Waffen und Munition und das Fruchthaus 
mit ausreichenden Frucht- und Lebensmittel-Bor- 
räthen auszufüllen. Die Bewachung der Feste 
versah zunächst in Friedens- und Kriegszeiten die 
Bürgerschaft, wie aus dem im Jahre 1543 er- 
lasseuen „Burgfrieden" hervorgeht. Im Schmal- 
kaldischen Kriege standen an der Spitze der Ver 
theidiger Johann von Hertinghausen, Heinz von 
Luder u. a. Als der unglückliche Ausgang des 
Krieges auch die Feste Ziegeuhain dem Kaiser 
überlieferte, soll Heinz von Lüder jenen bekannten 
Beweis von Mannestreue erbracht haben, die dann 
durch Philipp in Gestalt der goldenen Kette be 
lohnt worden sein soll. Im Einklang mit den 
Ausführungen des damaligen Pfarrers, jetzigen 
Superintendenten W i s s e m a n n auf der zu Ziegen 
hain abgehaltenen Jahresversammlung des Vereins 
vom Jahre 1895 (s. „Hessenland" 1895, S. 210s.) 
legte der Vortragende dar, daß diese Erzählung 
eine Legende und dem zeitgenössischen, gutunter- 
richtetett Chronisten Wigand Lattze nicht bekannt 
gewesen sei. Die genaue Inventaraufnahme in 
Heinzens Testament gedenkt der goldenen Kette 
nicht, und eine Vererbung der Kette an die von 
Lüder zu Loshausen ist ausgeschlossen, da eine 
Verwandtschaft dieser mit Heinz nicht nachzuweisen 
ist. Er war vermuthlich bürgerlicher Herkunft. 
Zum Hauptmann der Festung Ziegenhain wurde 
der bisherige Oberamtmann der Grafschaft Nieder 
katzenelnbogen Reinhard Schenckzu Schweins 
berg ernannt, der zugleich Amtmann des Amts 
Ziegenhain war. Von nun an versahen ange 
worbene Knechte in Friedenszeiten den Wachtdienst. 
Im Jahre 1576 wurde ein neues Fruchthaus, 
später eine Pulvermühle erbaut, die angeworbenen 
Knechte durch „Soldaten" ersetzt, d. h. eine 
ständige Garnison schützte die Festung, welche nun 
die Vorstadt Weichhaus in den Befestigungsgürtel 
ausgenommen hatte. Es leuchtet ein, daß die 
Verstärkungen der Garnison und die bautechnischen
	        

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