Full text: Hessenland (14.1900)

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verloren. Sie hatte ihm ein einziges Kind, ein 
schönes, braunäugiges Mädchen, ihr verjüngtes 
Ebenbild, Namens Agathe, hinterlassen. 
Tie Ankunft und die Beförderung Merkel's zum 
Thurmmann in Homberg warfen, wie schon gesagt, 
einen weiteren Mißton in Hellwig's Leben. Dieser 
haßte den Mann, der ihn, wie er meinte und 
sagte, um seinen schönsten Lorbeer bestohlen hatte, 
und doch zwang ihn die Ausübung seines Dienstes 
nur allzu oft in dessen unmittelbare Nähe; denn 
mit der Kantorstelle war zugleich der Dienst als 
Küster verbunden, und dieser Dienst nöthigte seinen 
Inhaber bei besonderen Gelegenheiten den Thurm 
zu ersteigen, um die größte Glocke in der Glocken 
stube zu ziehen. Zwar wich auch Merkel, der 
sonst ein geselliger und wegen seiner stets frohen 
Laune vielgesuchter Mann war, als er den 
Widerwillen des Kantors, dessen Ursache ihm un 
bekannt geblieben war, bemerkt hatte, einer Begeg 
nung mit ihm aus. Allein ließ sich darum eine 
jede vermeiden, und trug nicht der Zufall dem 
glimmenden Funken des Zwiespalts neuen Brenn 
stoff zu? 
Der Kantor sann aus Abhülfe: ihm war das 
Begegnen am verhaßtesten. Endlich hatte er es 
gesunden. Für was hatte er seinen jungen Un 
band, den Fritz? War der Junge nicht groß und 
stark. Er war jetzt zwölf Jahre alt; konnte der 
nicht den Dienst versehen und das Geläut besorgen? 
Es mußte gehen! Der Haß schlug alle Sorgen 
und Bedenken um den Wildsang aus dem Felde. 
Tie nächste Gelegenheit wurde benützt. Fritz mußte 
mit ihm auf den Thurm, mußte seine Kräfte an 
der Glocke probiren, und siehe, es ging. Von dem 
Angenblicke.au war es das Aemtchen des Jungen, 
diesen Theil des Küsterdienstes zu besorgen. 
Das war etwas für den Wildfang! Wie fühlte 
er sich im Busen gehoben, wenn bei einer solchen 
Gelegenheit der Vater den dicken Schlüsselbund 
von seinem Platz an der Wand nahm und ihm 
überreichte! Wie flog er nach dem Thurmausgang 
hin und die alte, ausgetretene Wendeltreppe hin 
auf! Wie heimelte ihn das unheimliche Geknarre 
und Geknatter an, das das Räderwerk der Thurm 
uhr verursachte, oder der dröhnende Hall der 
gewaltigen Glocke, der das Mauerwerk unter seinen 
Füßen erzittern machte, wenn der Glockenhammer 
zum Vollschlage aushob! Wie pochte sein Herz, 
wenn er über das Geländer der Altane hingebeugt, 
so hoch hinnnterschaute ans die elterliche Wohnung 
unten, wo es für ihn so viele Ruthenstreiche und 
so wenig freundliches Gesicht gab; wie klein kam 
sie ihm dann vor! „Schurri!" — das Wort war 
ihm als Soldatenjnngen geläufig — rief er dann 
wohl, und hinein ging es dann in die Glocken 
stube, und unter den Mühen, die Glocke in Schwin 
gung zu bringen, tobte sein jugendlicher Uebermuth 
aus. Wenn er dann nach gethaner Arbeit er 
müdet auf der Thürschwelle ausruhte und den 
wildtrotzigen Kopf in die hohle Hand gestützt da 
saß, und zufällig Merkel's Agathe sich ihm näherte, 
so war Müdigkeit und alles Andere vergessen. 
Aber der Junge war auch dann nicht mehr Kan 
tors wilder Fritz. Er schien ein Mädchen geworden 
zu sein, so sehr ging er aus die Gedanken der 
Kleinen ein. Er sammelte mit ihr, die Altane 
umwandelnd, das winzige Farrenkraut, das aus den 
Fugen des Mauerwerks trieb, oder das alte silber 
graue Moos von den Steinen; oder sie spielten 
zusammen alle die uralten und doch ewig neuen 
Spiele der Kindheit, deren Erinnerung uns noch 
im späten Alter anmuthet wie der Sonnenschein 
und der Blumenduft des Frühlings . . . 
So gingen etliche Jahre hin, und der Zeitpunkt 
rückte heran, daß Fritz aus der Schule treten 
sollte. „Junge, Tn wirst konfirmirt," sagte eines 
Tages der Kantor zu seinem Sohne, den er zu 
sich aus sein Zimmer gerufen hatte, „sprich, was 
willst Tu für ein Geschäft erlernen? Hast Xu 
Dich schon darauf besonnen? Wenn nicht, dann 
trolle Dich und denke darüber nach!" 
„Ich,habe!" entgegnete Fritz trotzig, „ich will 
Uhrmacher werden und das - Geschäft bei Meister 
Urban erlernen." 
„Beim Meister Urban? Beim Katzen-Urban?" 
ries der Kantor fast erschrocken uitb lachte dann 
laut auf; denn eher hätte er sich den Einsturz des 
Himmels träumen lassen, als daß der Knabe ihm 
diese Antwort geben würde, und zwar ans dem 
Grunde, weil Meister Urban im Städtchen als 
Tyrann gegen seine Lehrlinge verschrieen war, 
so daß er schlechterdings Buben aus dem Orte 
nicht mehr erhalten konnte. Dazu war er ein 
wunderlicher Kauz, der sich in seiner Werkstätte 
als Gesellschafter einen großen Kater hielt, mit 
dem er Frühstück, Mittagessen und Abendessen von 
einem und demselben Teller genoß. Tie Menschen 
mied Meister Urban, nie sah man ihn in anderer 
Gesellschaft als in der seines Peter, so hieß der 
graue, schwarzgestreifte Kater. Diese Liebhaberei 
verdankte er beit Namen „Katzen-Urban". Das 
wird genügen, um zu begreifen, daß der Kantor 
noch verwunderter wiederholte: „Bei Meister 
Urban? Habe ich recht gehört. Junge?" 
„Du hast recht gehört, Vater!" entgegnete be 
stimmt der Knabe, „bei Meister Urban!" 
„Nun, so werde ich mir die Sache überlegen 
und mit Meister Urban sprechen." Wohl hatte 
sich der Alte einen strengen Lehrherrn für seinen 
Wildsang gewünscht, doch widerstrebte es ihm, den
	        

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