Full text: Hessenland (14.1900)

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schiedene aus den Unteroffizierskreisen hervorge 
gangene Individuen gewesen sein werden. 
Zur weiteren Erläuterung dieser Verhältnisse ist 
reiches Material noch in einem älteren Jahrgange 
der „Casseler Polieey- und Commercien-Zeitung" 
aus dem Jahre 1760 zu finden, dein ersten nach 
der Uebernahme der Regierung durch beit Land 
grafen Friedrich, und zwar in den Nummern 
vom 31. März, 7., 14., 28. April, 12., 19. Mai, 
2. Juni und 23. Juni 1760, auf die mich Herr- 
Major von und zu Löwenstein freundlichst 
aufmerksam gemacht hat. Auch damals handelte 
es sich um Erhöhung der Kriegsbereitschaft der 
hessischen Truppen, nämlich für die Kämpfe des 
noch nicht beendigten siebenjährigen Krieges. 
Nicht weniger als 360 Beförderungen zu Leut 
nants und Fähnrichen (Cornets) sind daraus 
zusammenzustellen, 196 Beförderungen zu Leut 
nants und 164 zu Fähnrichen (Cornets). Unter 
den neuen Leutnants waren 171 vorherige Fähn 
riche (Cornets) oder Stückjunker, letztere bei der 
Artiüerie, 11 bisher nicht im Besitz einer Charge 
gewesene Leute, also Avantageure, ein ihnen zuzu 
rechnender Freikorporal, ferner 12 bisherige Unter 
offiziere (1 Feldwebel, 4 Sergeanten und 5 Ad 
jutanten). Unter den 164 neuen Fähnrichen 
waren 51 bislang ohne jede militärische Charge 
gewesen, 21 bisher als Kadetten einrangirt 
gewesene Leute, die im Range den 1776 er 
scheinenden Fahnenjunkern gleich zu setzen sein 
werden, nebst 3 ihnen zuzuzählenden Freikorporalen 
und dann nicht weniger als 86 bisherige Unter 
offiziere, also über die Hälfte von denselben, da 
runter 19 Feldwebel, 6 Wachtmeister, 39 Ser 
geanten, 4 Feuerwerker, 3 Adjutanten, 4 Quartier- 
meister, 3 Unteroffiziere, 1 Wagenmeister, 1 Stabs 
wagenmeister.*) 
Nach dieser Zusammenstellung war zwischen den 
Beförderungen von 1760 und denen von 1776 
immerhin eine starke Abnahme in Bezug ans 
den ans dem Unteroffiziercorps hervorgegaugenen 
Ersatz des Offiziercorps festzustellen, ein Rückgang 
von über 50 °/o auf gut 16 °/o. 
Dieser immer noch unleugbar hohe Satz von 
1776 erklärt sich einmal aus den durch die 
*) Die Charge Adjutant für Unteroffiziere kam 1776 
nicht mehr vor. 
Mobilmachung des größten Theils des hessischen 
Heeres verursachten Bedarf an Offizieren, spricht 
zweitens aber auch für die gediegene Tüchtigkeit 
der hessischen Unteroffiziere. 
Wollte man annehmen, daß die Gegensätze in 
den Anforderungen an die Offiziere bezw. Offiziers- 
aspirauten und in denen an die Unteroffiziere 
gleich ausgeprägt gewesen wären wie heutzutage, 
dürfte man irren. Unter den unter die Unter 
offiziere verschiedenen Ranges aufgenommenen 
jungen Leuten waren bestimmt solche, die nur, 
weil andere höhere Stellungen zunächst nicht in 
genügender Anzahl frei waren, in verschiedenen 
mehr oder minder einflußreichen Unteroffiziers- 
Plätzen untergebracht wurden. Einerseits wollten 
sie aus jeden Fall dem ruhmreichen hessischen 
Feldzeichen folgen, andererseits suchte man mili- 
tärischerseits zu verhindern, daß tüchtige Kräfte 
den hessischen Truppen entgingen, indem man sie 
gleich in bestimmte Dienstgrade einrangirte. So 
ist es mit Sicherheit anzunehmen von dem 
damals noch bürgerlichen späteren General 
von Ochs*), der im Jahre 1777 nach seiner 
Biographie (S. 4) sein Amt als Rentereiassistent 
niederlegte, um als Fourier bei dem Jäger- 
corps einzutreten ltnb dessen Ersatz nach Amerika 
zu folgen, wo er Ruhm und Ehre zu finden 
hoffte. 
Aus den vorhergehenden Darlegungen folgt 
mit Sicherheit, daß Dichter Sen me (Sämmtliche 
Werke (Leipzig 1835), S. 32) geradezu die Un 
wahrheit schreibt, wenn er behauptet, „nach unserer 
alten sogenannten guten Ordnung konnte kein 
Bürgerlicher in der Regel weiter aspiriren als 
bis zum Feldwebel ... Bei uns mußte man 
Edelmann sein oder viel Geld haben, um im 
Staate ein Mann zu werden". 
Die militärischen Beförderungen der Jahre 
1760 und 1776, wie sie in der „Casseler Policey- 
und Commercien-Zeitung" so sehr zahlreich zu 
finden sind, zeigen, welch große Anzahl bürger 
licher Elemente im hessischen Osfiziercorps vor 
handen war. 
*) Die Erhebung in den Adelstand erfolgte erst im 
Jahre 1802. (Biographie S. 143.)
	        

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