Full text: Hessenland (14.1900)

78 
Wort deshalb nicht mit Länge, sondern vielleicht mit 
„lenken" (mhd. lengen = wenden, richten) zu 
sammenstellen = Nichtsteig, Verbindungspsad. — 
S. 543. Laustage. Diese Zeit wird für identisch 
mit den Scherztagen erklärt. Ties ist unzutreffend. 
Tie Scherztage sind die Tage, wo die Dienstboten 
„scherzen" (scbirzen, schizze), d. h. den Dienst 
wechseln, im nördlichen Oberhessen 27. Dez., im 
südlichen 22. Febr. („Peterstag"). Schmeller hält 
es für „schürzen", Vilmar und Hainebach für 
„scherzen" (joeari). Wir müssen uns dem ober- 
hessischen Vokalismus nach für Schmeller erklären; 
das Wort „Scherz" (jocus) ist außerdem der Mund 
art ganz fremd. Wir möchten den Begriff mit 
„schürzen" = abkürzen, unterbrechen, beenden, weg 
ziehen (ahd. scurz, angels. sceort, scyrt) zusammen 
stellen?) Tie Laustage (Uiüsdäg) sind dagegen die 
Tage, wo die Hirten, insbesondere die Schäfer, nicht 
mehr anstreiben. Dies dauert, der Witterung ent 
sprechend, 3 — 8 Tage (Saasen, Wetterseld, Lauter, 
Unterseibertenrod). In Wetterfeld sagt man: 
„KuthreinH, Breng die Schoos heim." Ans Saasen 
wurde mir der Vers mitgeteilt: 
„D'r Maedde st 
Nemmt die Goddest 
Eann geübt se der Kathrein. 
Eann delj dreibt die Schoos heim." 
Eine Variante dieses (u. W. noch nicht aufge 
zeichneten) Versleins lautet: 
„Maedde, breng' die Höddest, 
Brengt se net d'r Maedde, 
Sv brengt se dvch die Katharern, 
Eann brengt se net die Katharein, 
Sv schmeißt se d'r Andreesst met Gewalt enein!"st 
(Aus Unterseibertenrod bei Ulrichstein.) 
Die Laustage (läsisdag) sind die Ferien des 
Hirten, wo er auf der faulen Haut liegt und nichts 
thut, als schlafen, essen und trinken. Vielleicht hängt 
das Wort mit „lunzen“ zusammen, das dialektisch 
kann86, läiise gesprochen wird (vgl. and). Vilmar, 
Id. S. 255). — S. 638. Ofen (Owe),-bim. 
Ewelche, Ewinche,. Das eigentliche Diminutiv 
(kleiner Ösen) ist Ebche; Ewelobe dagegen bedeutet 
bei dem alten Kachelofen (jetzt fast außer Bcode) 
die obere Ofenkachel, die zum Auswärmen der 
Speisen k. dient. — S. 674. „Rad hacke," 
steht für „Rodhäcke". Diese Identifizierung ist 
unzutreffend. Tie Rodhacke (jetzt noch im Gebrauch) 
dient zum Roden des Geländes. Ganz verschieden 
davon war die Radhacke (rota), die bei den früheren 
st So wird auch „Schürzen" gebraucht vvm Ausziehen 
der jungen Frau aus dem Elternhaus (Wetterfeld). — 
st Katharinentag (25. Nov.). — st Märte, Martinstag 
(10. Nov.). — st Gerten. — st Hirten. — st Andreastag 
(30. Nov.). — st Hinein (d. h. in den Stall). — 
schlechten Wegen für das Rad der (2 räderigen) 
Karren nötig war und bis in die Mitte des Jahr 
hunderts allgemein bekannt war (Laubach und Um 
gegend, Busecker Thal re.). Tie Radhacke hing in 
einer „Kunst" (Ring, gebildet durch Toppelspitze) 
des Scheerbaums; beim Rasten wurde sie zur Er 
leichterung des Zugtieres unter den Scheerbanm 
gestellt. Daher die Redensart: „Die Hacke unter 
stellen" (linterwegseinkehren).— S.674. „„Rassen, 
mhd. raffen und reffen, heute nicht volksüblich. 
Dafür gebraucht man in der Wetterau jetzt rupfen."" 
Diese Angabe entspringt der Unkenntnis der Flachs- 
bereitung. Rupfen und reffen ist zweierlei. Der 
Flachs wird zuerst mit den Wurzeln aus dem Boden 
gerupft (geroppt), sodann in der Scheuer gerefft, 
d. h. die „Knotten" (Samenkapseln) werden durch 
die Reffe (Eisenkamm) abgestreift (vgl. S. 684). — 
S. 688. Reiher, Reihmaus, Reih ding. Die 
Ableitung dieses Wortes von „Reihe," weil das 
Tier in gerader Reihe wühle, ist unrichtig. Haine 
bach giebt irrtümlich „Reihmaus" an. Es heißt 
„Reitmaus ', wie ja das Tier (arvicola amphibius) 
auch anderwärts heißt. Brehm, Tierleben, I. Abt., 
2. Bd., S. 379, giebt die Form „Reutmaus". 
Wir müssen das Wort von rnhd. rieten, ahd. riutan, 
ableiten. Übrigens wird (Laubach, Gonterskirchen, 
Lauter, Saasen) als „Reiding" auch die Maul 
wurfsgrille (gryllotalpa) bezeichnet, die auch „Säu- 
range, Säurenße" Heißt." Brehm (a. a. O. IO. Abt., 
1. Bd., S. 562) giebt die Bezeichnung „Reut- 
wnrm". — Das Suffix„sche" möchten wir nicht 
(lvie S. 721 nach Weigand, II, 556 angegeben 
ist) aus srz. ,,e88e" ableiten, sondern aus dem 
germ. sk, ise, und zwar aus dem adjektiv. Gebrauche. 
Wir verweisen aus das Skandinavische, wo srz. Ein 
fluß ausgeschlossen ist (schwed. skräddare, Schneider, 
skrädderska, Schneiderin (sche); lögnare, Lügner, 
lögnerska; tvättare, Wäscher, tvätterska; Pastorska, 
Frau Pastor). — S. 779 wird segnen und 
gesane identifiziert. Das Volk unterscheidet 
jedoch deutlichst den Begriff und Vokalismus 
dieser Wörter; ersteres hat offenen, letzteres ge 
schlossenen und nasalen Laut, wie wir durch häufiges 
Nachforschen festgestellt haben. Die Wörter werden 
streng unterschiedlich neben einander gebraucht. 
Wir möchten gesäne (wobei Hokuspokus mit latei 
nischen Wörtern getrieben wird) von sanare 
(heilen) ableiten. — S. 803. Staches. Dies 
Wort wird von Eustachius abgeleitet. Vielleicht 
dürfen wir auch eine Angleichung au Stange, Staken 
(Gesteck, „langer Staches") annehmen. — S. 893 
wird Wand st ein irrtümlich als Grenzstein be 
zeichnet, von rnhd. wende, Ort des Wendens. Das 
Wort ist von Wand abzuleiten. Die Wand 
steine sind keine Grenzsteine, sondern die starken
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.