Full text: Hessenland (14.1900)

Beispiel eines hüllenlosen Fluges zur Sonnenklarheit um 
sich her. Die merkten es kaum, daß sie nur sich, nur 
ganz allein sich selbst besudelten. 
Andere spannten mit der Miene geheuchelten Ernstes 
den gewaltigen Bogen der Kritik, legten die plumpen, 
aber wortge spitzten Pfeile des in ihrer Brust zehrenden 
Neides ein, — doch keins der Geschosse traf. Sic prallten 
vom beschränkten Horizont der kleinlichen Gemüther zurück, 
die Bogenspanner selbst tief verwundend. 
Die Wenigen jedoch, welche ich abseits stehen sah, die 
Schultern ob des tollen Treibens ihrer Brüder verächtlich 
zuckend, lind die Wenigen, welchen gerechter Zorn die Zunge 
löste, die schlossen sich zu beschaulicher Wanderung ans 
der breiten Heerstraße des Lebens zusammen. 
Die klebrigen schifften sich laut lärmend in dem geräu 
migen . hohl gähnenden Schiffsrumpf wieder ein. Die 
Anker wurden gelichtet, und — ziellos, steuerlos treibt 
die Barke dahin auf dem Meer des Unverstandes, dem 
Felsen der Gedanken entgegen, an dem sie über kurz oder 
lang scheitern muß. 
Der Fels der Gedanken aber trägt in allen Zeiten sein 
Haupt stolz vom Leben und Treiben des Alltags ab 
gewandt ans trotzigem, ungebeugtem Nacken. Sinnend 
schaut er dem Himmel in das heitere, wahrheitsklare Auge. 
Von seiner lodernden Flammenkrone zucken von Zeit zu 
Zeit blendende Blitze hinab in das zu seinen Füßen 
rollende wildbransende Meer der Alltäglichkeit. — — 
Wollt ihr wissen, wann ich das Erzählte schaute? Das 
war an jenem Festtage, als Tausende zur Geburtsstätte 
eines unvergeßlichen Mannes wanderten; eines Mannes, 
der sich vermessen hatte, ein Mensch und ein Dichter zu 
sein. Sein Name ist — Goethe. 
—««--Sfr— 
Bitc* >öehnats) unö Srremöe. 
Verein f i't r h e s s ische Ge s ch i ch 1 e u n b 
Landeskunde. Am 9. März sprach in der sehr 
gut besuchten Mvnatsversaminlung zu Marburg 
Rittergutsbesitzer Freiherr von und zu Gilsa 
über „das Gräberfeld und neuentdeckte 
Ansiedlnngsreste aus der neolithischen 
Periode bei Niederurff". Tie interessanten 
Ausführungen des Herrn von Gilsa gründeten sich 
auf eigene, eingehende Forschungen über Ansied 
lungen in unserer Heimath, die uns eine Zeit, 
welche Tausende von Jahren hinter uns liegt, 
näher bringen. Eine Reihe von Fundstücken konnten 
den Anwesenden vorgelegt werden. Tein Vortrag 
selbst entnehmen wir Folgendes: Im Jahre 1890 ! 
fanden Arbeiter aus einem Felde bei Niederurff 
in einer Tiefe von 3 */2 Fuß einen Topf, der beim 
Herausnehmen zerbrach. Bei näherer Untersuchung 
des Feldes konnten vier bis fünf Reihen Grabstellen, 
je 2 72 Meter von einander entfernt, ans Grund 
der sichtbaren Brandstellen nachgewiesen werden. 
Es fanden sich Urnenscherben und Klumpen von 
roth gebranntem Lehm. Tie Scherben zeigten der 
Schnur-Keramik angehörige Form. Eine in 
den noch weichen Thon eingedrückte Schnur giebt 
einen Abdruck, der demgemäß eine schnnrartige 
Verzierung darstellt. Es ist anzunehmen, daß an 
derselben Stelle ein Wohnsitz mit kellerartigem 
Raum bestanden hat (Hausgrube), lvie die Schichtung 
des Bodens zeigt. Urnentheile mit Warzen- und 
zapfenähnlichen Ansätzen und Henkeln. Schnurvsen 
fanden sich hier. Unter den Verzierungen ist das 
Fischgräten- und Flechtmuster nachzuweisen; auch 
Nachbildungen von Gerathen (Hammer) und Spuren 
von rother und weißer Farbe zeigten einige Scherben. 
Von Werkzeugen konnten nur zwei Fenersteinsplitter 
entdeckt werden; Metall war nirgends zu finden. 
An roth gebrannten Lehmbrocken waren Abdrücke 
von Getreide-Halmen und -Körnern nachzuweisen, 
die als eine Haferart festgestellt worden sind. 
Dieser Nachweis des Getreidebaus für jene Zeit 
dürfte von Wichtigkeit sein. Erzeugnisse der Schnur- 
Keramik sind außer an dieser Fundstelle noch nach- 
gewiesen worden in dem Steingrab bei Züschen 
und am Wartberg bei Kirchberg. 
Der Unterhaltungsabend des Monats für den 
K a s s e l e r V e r e i n fand am 12. Mürz statt. 
Es sprachen Dr. B 0 ehlan über mittelalter 
liche Brakteaten, wobei Redner zur Erläuterung 
der Beschaffenheit derselben einige Stücke circnliren 
ließ, und Dr. Henkel über Beziehungen seines 
verstorbenen Vaters, des Justizraths Dr. Henkel, 
zum Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. und 
dessen Familie, namentlich der Fürstin von Hanau 
und der noch jetzt in Wiesbaden lebenden Prinzessin 
Elisabeth, der geschiedenen Gemahlin des Prinzen 
Wilhelm, worauf einige interessante ans Henkel 
bezügliche Aktenstücke und ein Schreiben der Fürstin 
von Hanau an ihre Enkelkinder ans dem Besitz 
des Vortragenden zur Einsicht unter den Anwesenden 
in Umlauf gesetzt wurden. Dr. Lange machte aus 
den Akten des von ihm geordneten Archivs der 
St. Martinskirche Mittheilungen über die in 
derselben stattgesnndenen Beisetzungen fürstlicher 
Personen und die dafür entrichteten, später aber 
nicht mehr einzutreibenden Abgaben. Der Vor 
sitzende Bibliothekar Dr. Brunner gab aus Ar 
chivalien des Archivs der Residenz sehr beifällig 
aufgenommene Aufklärungen über das Treiben
	        

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