Full text: Hessenland (14.1900)

Weiterung dieser Vorlesungen berufen. (Poten II 
S. 122 ff.) 
Bald nachher gab Landgras Friedrich II. der 
von seinen: Großvater geschaffenen Untcrrichts- 
anstalt eine veränderte Organisation. Die „er 
neuerten und verbesserten Gesetze für die Studiosos 
Collegii Carolini" vom 17. September 1773 
(Sammlung fürstlich-hessischer Landesvrdnungen VI, 
S. 714 ff.) bieten auch denen Gelegenheit zu 
weiterer Ausbildung, „welche sich dem Soldaten- 
stande, dem Hof oder solchen Bahnen bestimmen, 
die mehr Lebensart, Leibesgeschicklichkeit, Kenntniß 
lebender Sprache:: und currente Wissenschaften 
der heutigen Welt als tiefe Gelehrsamkeit fordern". 
Offiziere und Pagen konnten sich dei: Unterricht 
zu Nutze machen, ohne immatriknlirt zu sein. 
In: übrigen wurde durch die Statuta Collegii 
Carolini von: 23. November 1773 in: gleichen 
Bande der Landesvrdnungen angeordnet, daß die 
Schüler der Kriegswissenschaften, wenn s i e n o ch 
nicht in Militärdiensten stehen, zu den 
8tudio8i8 artium gehören sollen (S. 744). 
Aus den obigen Mittheilungen über die Hörer 
des Oberleutnants Pistor ergiebt sich, daß das 
Offiziercorps der damaligen Zeit sich aus ver 
schiedenen Bestandtheilen ergänzte, einmal aus 
sog. Freikorporalen, also freiwillig einge 
tretenen jungen Leuten, zu denen auch die bereits 
in Kriegsdienste getretenen Schüler der Kriegs- 
wissenschasten zu zählen sein werden, sodann aber 
aus den Pagen des Hofes, für die in der 
Regel seitens der Fürsten, so auch in Hessen, 
eigene Informatoren gehalten wurden, darunter 
solche, welche, da viele ihrer Schüler Offiziere 
werden sollten, dieselben auch in den Kriegswissen- 
schasten zu unterrichten hatten. 
Gelegenheit über die Ergänzung des Offizier 
corps zu Friedrich's II. Zeit Weiteres zu erfahren, 
bieten die damals in der „Casselischen Policey- 
und Commercien-Zeitung" veröffentlichten Verände 
rungen beim Militär-Etat. Selbstverständlich 
erfolgten solche Veränderungen niemals zahlreicher, 
als wenn mobil gemacht wurde. Mobil gemacht 
wurde nun in Landgraf Friedrich's späterer Zeit 
im Jahre 1776, als der bekannte Vertrag mit 
England abgeschlossen war, auf Grund dessen so 
bedeutende hessische Streitkräfte nach Amerika 
geschickt wurden, daß, abgesehen von der Kavallerie, 
nur wenige Regimenter daheim blieben. Die 
damals in den Nummern der genannten Zeitung 
vom 1., 8. und 15. Juli, also nach der Ein 
schiffung der zweiten nach Amerika bestimmten 
Heeresabtheilung veröffentlichten Avancements, um 
fassen gegen 370 Namen, deren Träger vorwiegend 
in den nach Amerika geschickten Truppenteilen 
standen, davon beziehen sich über 160 aus die 
Dienstgrade 1) des Secondleutnants und 2) des 
Fähnrichs sbezw. Carnets). 
1) Zn Leutnants befördert wurden einige 
80 Mann, darunter befanden sich 58 Fähnriche 
bezw. Cornets, ferner an noch nicht Soldat bezw. 
noch nicht in: Besitz einer Charge gewesenen Per 
sonen deren 12, die vielleicht zu der Kategorie der 
vorhin erwähnten studiosi artium des Carolinum 
gehört haben werden, die man wohl an: besten 
mit den 5 zu Leutnants beförderten Freikor- 
poralen zusammenstellt, sodaß sich darnach aus 
heute sog. Avantageuren fast dersünfteTheil 
neubeförderter Offiziere rekrutirt haben würde. 
Hinzu kommen noch 7 aus dem Unteroffizierstande 
hervorgegangene Leutnants, von denen vorher 
2 Feldwebel, 2 Sergeanten und 3 Feuerwerker- 
gewesen waren, doä) waren 3 von diesen Unter 
offizieren nicht unmittelbar zu Offizieren befördert 
worden, sondern wenigstens pro forma erst zu 
Fähnrichen ernannt gewesen; die Verkündigung 
solcher Avancements erfolgt in der Art, daß es 
hieß: „Anhero zum Fähnrich, uachhero bezw. 
nach einigen Tagei: zum Leutnant avanciret." 
2) Ergänzt wird die vorstehende Liste durch 
die in den betr. Nummern der Zeitung auf 
geführten Avancements zu Fähnrichen (bezw. 
Cornets). Solcher Beförderungen fanden im 
Ganzen statt 82, darunter waren Beförderungen 
von Pagen (Leib-, Jagd-, Livreepagen) 9, vielleicht 
fanden sich gewesene Pagen vereinzelt weiter unter 
den zu Fähnrichen ausgerückten 21 Fahnenjunkern. 
Freikorporale rückten zu Fähnrichen ihrer 12 aus, 
Leute ohne bisherige Charge 20. Darnach waren 
Avantageure unter den neuen Fähnrichen noch 
zahlreicher vertreten, als es nach der Beförderung 
zu Leutnants unter diesen den Anschein hatte. 
Unteroffiziere wurden zu Fähnrichen nicht weniger 
als 19 an der Zahl befördert, mithin bestand 
fast der vierte Theil der neuen Fähnriche ans 
Angehörigen des Unteroffizierstandes, unter ihnen 
1 Korporal, 1 Unteroffizier von der Artillerie, 
1 Quartiermeister, 2 Fouriere, 7 Sergeanten, 
3 Wachtmeffter und 4 Feldwebel. 
Auffallend ist der große Prozentsatz an Unter 
offizieren. Unter den über 160 zu Second 
leutnants bezw. Fähnrichen und Cornets Auf 
gerückten gab es, gering angeschlagen, nicht weniger 
als 26 den: Unterosfizierstande angehorige Per 
sonen, d. i. mindestens der sechste Theil oder 
über 16°/o. Vielleicht ist aber dieser Prozentsatz 
noch hoher einzuschätzen, wenn wir berücksichtigen, 
daß unter den 58 vom Fähnrich Leutnant Ge 
wordenen nicht unwahrscheinlicher Weise noch ver-
	        

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