Full text: Hessenland (14.1900)

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Geistlichen ihrer Religion vorgenommen und noch 
verrichtet werden möge". Dagegen werden Trau 
ungen außer Landes ausdrücklich bei Strafe ver 
boten. Etwa erforderliche Dispensationen von 
kanonischen Ehehindernissen sind nicht „auswärts 
oder anderswo", sondern allein vom Landesherrn 
und von dessen Konsistorium zu suchen und aus 
zuwirken. Tie Todten sollen wie seither gebräuchlich 
beerdigt und von den katholischen Pfarrern nur 
im Trauergesolge begleitet werden. Alle und jede 
öffentliche Prozession, wie auch das öffentliche 
Tragen des „ venerabilis“ beim Besuch der Kranken 
und in anderen Fällen wird den Katholiken unter 
sagt, ihnen auch keine öffentliche Schule in der 
Stadt Kassel gestattet. 
Die katholische Kirche nahm ein solches „Privi- 
: legium“, dem im Jahre 1787 ein ähnlicher Erlaß 
; für die Stadt Marburg folgte, ohne Widerrede 
an, und hat durch völlige Friedfertigkeit gegen 
über dem unumschränkten Regiment eines jede 
! weitere Nachgiebigkeit streng ablehnenden pro 
testantischen Landesherrn Jahrzehnte hindurch in 
! Hessen die größte Weitherzigkeit bewiesen. — 
Aer Acts der Gedanken. 
Von Franz M. Litterscheid. 
dich kenne in blauer, unermeßlicher Nebelferne einen 
schroffen märchenhohen Felsen. Sein von lodernder 
Flammenkrone nmzüngeltes Haupt trägt der Breitgestirnte 
stolz auf ungebeugtem Nacken. Dem Leben und Treiben 
des Alltags abgewandt schaut er, sich still erhebend, dem 
Himmel in das faltenlose helle Antlitz. 
Inmitten seiner lohenden Krone dehnt sich ein sonnig 
Land, — das Land der Gedanken. Dort hat die Wahrheit 
ihre unvergängliche Heimstatt. 
Der Fels aber heißt: Fels der Gedanken. 
Diesen sagenhaften Felsen hat noch keines Menschen Fuß 
betreten. Kein Menschenauge hat seine Herrlichkeit geschaut, 
keine von zerfetzten Lumpen der Niedertracht schamlos um 
hüllte Lügengestalt — und hätte sie sich in die unglaub 
lichste Hohe des Wahns cmporgereckt —, hat je einen nn- 
lauteren Schatten in dies Land der unvergleichlichen Rein 
heit geworfen. 
Nur mächtige Aare fliegen dort ab und zu, die, entkörpert 
und von breiten zielbewußten Schwingen getragen, Raum 
und Zeit im Flug weit hinter sich lassen. Und so weiß 
kein Mensch Kunde zu bringen von dem, was im Lande 
der Gedanken vorgeht, dort, wo die Wahrheit ewige Heimath 
gefunden. Nur wenige Sterbliche sind auserwählt, die 
weiten, räthselhasten Fluren dieses Landes fühlend zu ahnen, 
keiner ermißt sie ganz. 
Zn den markigen Füßen des Felsens der Gedanken rollt 
dumpf und grollend ein ungestümes Meer. Bis an die 
wetterfeste Brust hinauf schlagen brandend die begehrlichen 
Wellen, Schaumesznngen zischen lästernde und thörichte 
Schmähworte. 
Dies Meer ist das Meer der Alltäglichkeit. Ans seinem 
Wogenschwall treibt ziellos, stenerlvs die Barke des Un 
verstandes mit ihrem flitterreichen, vom Hauche des Neids 
aufgeblühten Segel. Und diese Barke ist die Herberge 
aller kleinlichen Seelen. 
Einstens sah ich, wie sich ans dieser Barke, als sie an 
der breiten Heeresstraße des Lebens vor Anker lag, nnge- 
zählte, abenteuerliche, ja oft fratzenhafte Gestalten polternd 
hervordrängten. Kaum hatte diese Menge den hohlen 
Schiffsrumpf verlassen und eben festen Fuß gefaßt, als sie 
sich auch schon erdrückend und lastend, wie sie war, ans 
ein unbeschreibbares Wesen stürzte, das sich, einige Be 
wunderer zur Seite, gerade zum Fluge nach dem Felsen 
der Gedanken anschickte. Glücklicherweise zerfloß der sicht 
bare, nicht irdische Leib des also jählings wehrlos Ueber- 
fallenen wie ein Sonnenstrahl unter den Händen seiner 
Peiniger, die nicht verhindern konnten, daß ihn sein zu 
sehend wachsendes, schlohweißes Gefieder mit einigen wenigen 
Flügelschlägen ihren kurzsichtigen nnzulünglichen Sinnen 
entführte. 
Einige aber hatten ihm dennoch hart am Gefieder ge- 
zaust. Die trinmphirten jetzt marktschreierisch und riefen 
es in alle Welt aus. wie es ihnen gelungen, seinen schwachen 
Seiten einige Fragmente zu entreißen. D i e brüsteten sich 
pfauengleich mit ihrem Raube und erprobten alsbald dessen 
Schwungkraft und Tragweite. Anfänglich schien es fast, 
als ob ihnen ein höherer Flug gelingen würde. Da aber 
brauste ein ungehaltener Sturm der Aufklärung daher, 
entriß ihnen die erborgte Kraft und — ja, da lagen sie 
lärmend in der Gosse, der sie entstammten. 
Andere wieder — prunkhaft in die dunkelen bauschigen 
Mäntel des finstersten Aberglaubens gekleidet, auf den flachen 
Köpfen die von Dünkel strotzende Tiara als unbequeme 
Last mit sich schleppend — versuchten unter komödiantcn- 
hasten Geberden dnrch maßlose Expektorationen und durch 
die wahnwitzigsten Beschwörnugen den Erhabenen von seiner 
Sphäre herabzuziehen in den allgemeinen Sumpf stumpfer 
Unterwerfung. Da dies nun aber nicht gelang, begannen 
sie die wenigen Bewunderer des Unerreichbaren zu 
schmähen und mit den Krallen der Verläumdung zu 
würgen. 
Andere wieder, denen der Aussatz der Verworfenheit 
das Angesicht zernagt hatte, spritzten ihren giftigen Geifer 
erlogener moralischer Entrüstung ob diesem nnerhörten
	        

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