Full text: Hessenland (14.1900)

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Zur Prapaedeutik -er tzie-e 
Seit Adanr ist's nicht zweifelhaft, 
Daß Liebe eine Missenschaft. 
Es wäre drum, hab's wohl bedacht, 
Für sie ein Lehrstuhl angebracht. 
Denn schon der Liebe A-B-T 
Schuf manchem Kerzen plag' und Meh. 
Und was den guten Stil betrifft, 
Die Liebe schreibt geheime Schrift. 
Das Einmal-Eins der Allste gar 
est schwer begreiflich offenbar. 
Zu deuten, was das Auge spricht, 
Versteht oft nur ein Kirchenlicht. 
Und so weiß ich noch mancherlei, 
Mas alles zu doziren sei. 
Es müßt', das sieht doch jeder ein, 
Ein prakt'scher Kursus endlich sein. 
Dem wißbegierigen Ulännerchor 
Trüg' eine schöne Seele vor; 
Indessen übt' ich alles fein 
Mit hübschen jungen Mädchen ein. 
Dicht fehlen darf, — das wär' ja dumm, 
Am Schluß ein Repetitorium. 
Und dann kommt die Examenzeit. 
Doch brächt' sie keinem großes Leid. 
Am Schnürchen geht's da wie der Mind, 
Meil alle praktisch fertig sind. 
Und wenn sie froh verließen mich, 
Mas thät' ich dann? Mas thäte ich? 
Ich — übt' das peitfum nächstes Jahr 
Ulit einer neuen Mädchenschaar! 
Kranz W. Hilterscheid. 
Arrs aller un6 neuer Bett. 
Die Lage der Katholiken in Kassel 
vvr hundert Jahren. Durch den Uebertritt zur 
katholischen Kirche, zu dem Landgraf Friedrich II. 
als Erbprinz unter dem Einfluß des Kurfürsten 
Clemens August von Köln sich hatte bestimmen 
lassen, war in Hessen lebhafte Sorge erweckt 
worden, daß bei der Thronbesteigung Friedrich's 
dem Bekenntnißstand des ganzen Landes Gefahr 
drohen möchte. Diese Sorge hatte indessen Friedrich's 
Vater, Wilhelm VIII., durch die sogenannte 
Religions-Asseknrationsakte vom 28. Oktober 1754 
schon beschwichtigt, und Friedrich selbst lieferte 
durch die Zurückhaltung, die er sich während seiner 
ganzen Negierung in Religionsangelegenheiten auf 
erlegte, den Beweis, daß es ihm mit der Schonung 
der Gewesten seiner Unterthanen heiliger Ernst 
war. Sv hatte unter seiner Regierung der 
Katholizismus in Hessen keinerlei Fortschritte ge 
macht. Sein Nachfolger Wilhelm IX., der spätere 
Kurfürst Wilhelm I., fand daher noch unverändert 
den früheren Zustand vor, daß den Katholikeil in 
Hessen und besonders in Kassel nur das Privat- 
Neligions-Erercitinm zukam. In dem „Privilegium, 
den römisch-katholischen Gottesdienst in Cassel 
betreffend, vom 22. März 1786" wurde dies 
ohne irgend ein neues Zngeständniß gesetzlich fest 
gelegt. 
In diesem Privilegium behält der Landesherr das 
„ins dioecesanum in omni cemplexu mit der 
iurisdictione ecclesiastica" sich vor. unterstellt die 
katholischen Prediger in allen Angelegenheiten, 
mit alleiniger Ausnahme der Glaubenslehren, „wie 
alle übrigen Prediger von beiden protestantischen 
Konfessionen" dem landesherrlichen — also prote 
stantischen — Konsistorium und überträgt diesem 
letzteren bei künftig eintretenden Vakanzen die 
Anstellung der katholischen Geistlichen mit der 
Maßgabe, daß kein Ordens- sondern jedesmal ein 
Weltgeistlicher angenommen werden soll. Die 
Katholiken sotten den reformirten Predigern weder 
an ihren Besoldungen und sonstigen Emolumenten, 
noch an ihren Stolgebühren irgend welchen Ein 
trag thun, mithin den reformirten Pfarrern die 
Taufen und andere Ministerialhandlnngen — mit 
alleiniger Ausnahme der Konfirmation — über 
lassen. Insbesondere soll es in Ansehung der 
Trauungen, mögen nun beide Eheleute katholisch 
oder mögen sie von gemischter Religion sein, 
bleiben wie es seither gewesen, und sollen solche 
den reformirten Predigern zukommen. Jedoch 
wird gestattet, daß wenn^ katholische Ehegatten 
nach ihren Gebräuchen * unb aus besonderen Ab 
sichten die Kopulation von einem katholischen Pfarrer 
ebenfalls noch verlangen, „solche bei den hiesigen
	        

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