Full text: Hessenland (14.1900)

72 
behaltenen Theile des früheren Domes veran 
schaulichte.) 
Eine weitere Schwierigkeit entstand dadurch, 
daß die beiden Thürme, welche genau vor den 
Seitenschiffen des früheren Domes standen, jetzt 
zum Theil vor dem breiteren neuen Mittelschiff 
standen. Die hierdurch entstandene Verschiebung 
der Achsen hat der Baumeister sehr geschickt da 
durch verdeckt, daß er zu betbcit Seiten der Ost- 
sa^ade Kapellen mit kuppelartigen Bedachungen 
anfügte, wodurch er zugleich den Vortheil einer 
reichen Fm/ade erzielte. Die Ansicht eines neueren 
Kunstschriftstellers, daß die Kapellen nur des 
Effektes wegen angefügt und die Fa^ade zum 
Theil eine Scheinarchitektur sei, ist demnach eine 
unbegründete. 
Neu und eigenthümlich ist das System des 
eigentlich nur aus zwei Jochen bestehenden Lang 
hauses. Ein Joch nennt man die sich wieder 
holenden Abtheilungen eines Schisses; man spricht 
daher von einem Schiff mit so und soviel Jochen. 
Die Pfeiler des Langhauses haben einen scheit 
recht überdeckten Durchgang. Hierdurch, sowie 
durch Pilaster, Arkaden, Nischen und Statuen ist 
geschickt verdeckt die Massigkeit der Pfeiler, welche 
erforderlich ist, um dem Schub vom Gewölbe 
des Mittelschiffes wirksam zu begegnen und um 
die Last des Obergadens, sowie des Daches zu 
tragen. Geschickt sind alle Widerlagen der Ge 
wölbe so entworfen, daß sie, ohne von außen 
sichtbar zu sein, dennoch den erforderlichen Wider 
stand leisten. Mit gleicher Meisterschaft sind die 
Mauermassen des hohen Weftchores, der Vierung, ; 
ihres Tambours und der auf ihm ruhenden 
großen Kuppel abgewogen und so ausgeführt, ! 
daß sich bis jetzt, nach nahezu 200 Jahren, am 
Mauerwerk und dessen Zubehör nirgends Risse, 
Sprünge oder sonstige Schäden gezeigt haben. 
Nur die den Witteruugseiuslüsseu sehr ausge- | 
setzten Theile, wie die Helmspitzen der beiden 
Ostthürme, die Laterne aus der großen Kuppel 
und der größte Theil der Schieferung der Be 
dachungen mußte in den letzten 30 Jahren er 
neuert werden. 
In den letzten Jahren ist das Innere des 
Domes, welches bis dahin nur geweißt war und 
einen etwas frostigen und unfertigen Eindruck ge 
währte, in zarten Farben und unter Anwendung 
von etwas Gold so abgetönt worden, daß die 
reiche und geschmackvolle Oruameutirung und die 
sonstigen Verzierungen, die Statuen re. mehr her 
vortreten und ihre Schönheit mehr zur Geltung 
kommt. Es wurden auch, wie noch in aller Er 
innerung ist, die Orgelwerke neu gebaut und die 
Fensterverglasungen bunt erneuert. Auch wurde 
die St. Bonisatiusgrust durchaus würdig herge 
stellt und der Dom mit einer Gasbeleuchtung 
versehen. 
Als vom früheren Dom noch herrührend ist 
außer dein inneren Theile der beiden Thüren 
noch als sicher anzunehmen die Mauer zwischen 
der Marienkapelle und dem östlichen Theile des 
Kreuzganges, in der die spätgothischen Gewände 
einer jetzt zugemauerten Thüröffnung sichtbar sind. 
Auch die südliche Fortsetzung dieser Mauer 
zwischen der Sakristei und dem östlichen Theile 
des Kreuzganges dürfte noch dem früheren Dome 
zuzuschreiben sein. Aus dem alten Dome stammt 
noch das unter der Orgelbühne befindliche spät- 
gothische, inschriftlich Karl den Großen dar 
stellende Relief, das Reiterstandbild eines Sim- 
pliciusritters über dem nördlichen Eingang der 
Gruft, die schöne 1648 umgegossene Osannaglocke 
und die Bonifatiusglocke. Der kunstvolle aus 
Marmor, Alabaster und Achat bestehende Drei 
königsaltar, bekanntlich der östlichste Seitenaltar 
im südlichen Seitenschiff, wurde von Placidus 
von Droste noch für den alten Dom bestellt, aber 
erst nach dessen Tode im neuen Dome ausgestellt. 
Aus dem alten Dome stammte auch noch das sog. 
goldene Rad, welches in dem Mittelschiff unter 
dem Gewölbe hing und dessen Schellen bei feier 
lichen Gelegenheiten in Bewegung gesetzt wurden. 
Es hatte die Form eines nach oben und unten 
zugespitzten Cylinders, wie aus einer von Herr- 
lein gemalten Innenansicht des Domes zu er 
sehen ist. 
Die in Wandnischen der Gruft stehenden 16 
Statuen aus Sandstein gehören nach Stil und 
Gewandung nicht dem alten Dom, sondern dem 
18. Jahrhundert an lind sind besonders für ihren 
jetzigen Standort gearbeitet. Denn es ist sicher 
nicht etwa ein bloßer Zufall, daß nur die in 
der Nähe des Altars stehenden 6 Figuren Päpste 
und die anderen vom Altar weiter entfernten 
10 Statuen nur Bischöfe darstellen. Diese !6 
Figuren sind wohl erhalten und nicht durch 
Gluthitze beschädigt, welche L-andstein bekanntlich 
nicht vertrügt. 
Auch der Choraltar, an dem groß das Wappen 
des Adalbert I. von Schleifras angebracht ist 
und dessen Tabernakel das Monogramm desselben 
zeigt, ist für den jetzigen Dom gefertigt, ebenso 
wie die Kanzel, an welcher sich gleichfalls das 
Monogramm des Fürstabteu Schleifras befindet, 
und deren Schalldeckel, welcher das Wappen des 
Schleifras zeigt. 
(Schluß folgt.)
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.