Full text: Hessenland (14.1900)

Das stehende hessische Heer von 1670—1866. 
Ein Abriß seiner Geschichte. Von Carl von Stamsord. 
(Fortsetzung.) 
^ie letzten Monate von 1688 und die ersten 
IO von 1689 hatten einen großen Theil von 
Westdeutschland in die Gewalt der Franzosen 
gebracht, sie arbeiteten in allen Plätzen, die sie 
besetzt hatten, mit Kraft und Eifer daran, die 
Festungswerke zu verbessern, ihre Herrschaft zu 
befestigen. Zur selben Zeit wurde im Reichstage 
nach hergebrachter Weise mit unendlicher Weit 
schweifigkeit berathen, leeres Stroh gedroschen, Kaiser 
und Reich glichen einem absterbenden Baume, der 
nur wenige Früchte noch trägt. Der barbarische 
Feind mordete, brannte, verwüstete, von einem 
einzigen kraftvollen Willen gelenkt, dagegen bedurfte 
es mehr als eines halben Jahres bis der Entschluß, 
die Hanptfestnng Mainz dem Feinde wieder zu 
entreißen, im Reiche zur That gedieh. 
Mehrere der verbundenen deutschen Fürsten, 
die Kurfürsten von Baiern lind Sachsen, der 
Landgraf Karl von Hessen, verschiedene andere, 
der kaiserliche Generalissimus, Herzvg vvn Lothringen, 
lind eine Anzahl höherer Generale hielten zu Aus- 
gang des Mai 1689 eine Zusammenkunft zu Frank- 
flirt, auf dieser wurde der Angriff auf Mainz be 
schlossen. Die Franzosen standen daselbst bereits 
über sieben Monate unter dem Generallielltenant 
d'Urelles, 10 000—12 000 Mann stark, ans der 
Rheiniilsel südlich von Kastel hatten sie eine große 
Schanze mit 2 Bastionen und 2 Halbbastionen 
erbaut, die Mündung des Mains in den Rhein- 
strom durch eine Reihe versenkter Schiffe unschiffbar 
gemacht, die Brücke über den Rhein abgebrochen 
lind die Festungswerke verstärkt. Kurfürst Fried 
rich III. von Brandenburg zog zeitig mit seinem 
Heere iil's Feld und nahm am 16./26. Juni Kaisers 
wert eiil ; sein Hauptziel war Bonn, damals Festung, 
das in französische Gewalt gefallen war und das 
er später belagerte und eroberte. Die Heere der 
anderell Fürsten rückten um diese Zeit in's Feld, 
die Hessen erschienen zuerst auf dem Mainzer Schon 
plätze, fie „kamen den Franzosen so nnverinuthet 
auf den Hals", wie es in einer alten Duelle heißt, 
„daß sie beim Kegelschieben überrascht wurdell und 
einige in dem Getümmel erschossen wurden". 
Dies geschah iu Kostheim, Kastel war von den 
Franzosen zerstört worden, die hessischen Völker 
schlugen das Lager nördlich von Kvftheiin auf und 
richteten ihren Angriff auf die große Schanze ans 
dem Eilande. Der Angriff auf die Hauptfestling 
am linken Ufer des Rheinstroines sollte voll den 
Kaiserlichen, Baiern, Kursachsen und Brannschweig- 
Lünebnrgern geschehen, den Oberbefehl über das 
gesammte kaiserliche und Reichsheer führte der 
Generalissimus Herzog Karl von Lothringen. 
Oberhalb von Mainz bei Weißenau begann das 
Lager der Baiern, links an dieses schloß sich das 
der Kursachsen an. Die Hauptquartiere der beiden 
Kurfürsten befanden sich in Weißenau. Vorwärts 
von dem Lager in der Gegend der heutigen Neuen 
Anlage begannen die Laufgräben des Angriffes 
der Baiern und Sachsen, bei Weißenau war 
eine Schiffbrücke über den Rhein gelegt. An die 
Sachsen schlossen sich kaiserliche Regimenter zwischen 
Bretzenheim und Zahlbach an, das Hauptquartier 
Lvthringcn's war tu Bretzenheim. Die Lüneburger, 
Hannoverschen und Celleschen Regimenter hatten 
ihr Lager weiter nördlich in der Gegend des 
heutigen Friedhofes, daran schlossen eine Anzahl 
kaiserliche Regimenter. Verschiedene Reichstruppen 
folgten hierauf und den linken Flügel der ganzen 
Stellung nahmen hessische und Unionsvölker ein, 
bis wieder an das linke Rheinuser. Der Haupt 
angriff wurde nördlich von Zahlbach, gegen den 
Abschnitt der Festung zwischen Gauthor und Alt 
münsterthor, geführt, eine Schiffbrücke war rhein- 
abwärts der hessischen Stellung über den Strom 
gelegt. Der Herzog von Hannover hatte sein 
Hauptquartier in Gonzenheim, der Landgraf Karl 
von Hessen in dem Lager seiner Truppen, die 
folgende Regimenter bei Kostheim auswiesen: Die 
Eskadron Dragoner des Grafen zu Lippe, das 
Regiment zu Fuß des Obristen ufm Keller, 
das Oberrheinische Kreisregiment zu Fuß, 
das Regiment zu Fuß des Obristen von W arte ns - 
leben, das Leibregiment zu Fuß, das 
Regiment zu Pferd des Obristen von Spiegel 
und Fuldifche Bataillons zu Fuß. Bei Hoch 
heim hatten die Hessen über den Main eine Schiff 
brücke gelegt.
	        

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